Das ist ein Spielkamerad, kein Futter: Katzen gelten als besonders intelligent und sprachbegabt. Doch wenn es ums Fressen geht, hört für sie der Spaß auf. Foto: dpa

Lange wurde von der Wissenschaft geleugnet, dass Tiere denken und fühlen können. Doch inzwischen steht fest: Tiere haben eine eigene Art von Intelligenz.

Stuttgart - Können Tiere denken? Sind sie klug? Haben sie eine Intelligenz? Bis vor wenigen Jahrzehnten wurden diese Fragen von den Forschern mit einem klaren Nein beantwortet. Tiere galten als Verhaltensroboter, die auf äußere Reize reagieren, genetisch auf bestimmte Verhaltensweisen konditioniert sind und durch Versuch und Irrtum lernen. Die Evolutionsgeschichte gipfelt in der Entwicklung des Menschen als alles überragender „Intelligenzbestie“.

Spätestens seit den Verhaltensforschungen des österreichischen Zoologen und Ethologen Konrad Lorenz (1903-1989) weiß man, dass die These vom Homo sapiens als „Krone der Schöpfung“ genauso kühn wie unsinnig ist.

Humanoide Arroganz

Dass Tiere eine originäre Intelligenz besitzen, die alle erforderlichen Facetten umfasst, ist heute unter Biologen unbestritten. Die humanoide Arroganz, der einzige intelligente Organismus im Weltall zu sein, ist überholt.

Doch noch immer weiß man nicht genau, was in den Köpfen von Tieren vor sich geht. Wissenschaftler wie der Primatologe Volker Sommer sind überzeugt: Tiere können denken, fühlen und empfinden. Sie verfügen über all das, was Intelligenz ausmacht: Emotionalität, Kognition (Erkenntnisvermögen), ein komplexes soziales Zusammenleben und Lernfähigkeit.

Sommer, der am University College in London Evolutionäre Anthropologie lehrt, hält es für wahrscheinlich, dass etwa ein Frosch „in seinem Kopf etwas fühlt und erlebt, also ein Bewusstsein hat“. Ob man zwischen Frosch und Mensch hinsichtlich ihres Denkvermögens Gemeinsamkeiten oder Unterschiede annimmt, ist für ihn „reine Ansichtssache“.

Hochbegabte im Tierreich

Auch im Tierreich gibt es Hochbegabte, die sich hinsichtlich ihren kognitiven Fähigkeiten nicht vor dem Menschen (der selbst ernannten Krone der Schöpfung) zu verstecken brauchen. Kraken gelten als die „Weisen der Meere“ und eine der intelligentesten Arten unter den wirbellosen Tieren. Ihr vergleichsweise großes Gehirn sorgt für eine stupende Lernfähigkeit und ein enormes Vermögen zur Informationsspeicherung. So können sich Tintenfische mit Leichtigkeit in einem Labyrinth zurechtfinden oder den Schraubdeckel eines Glases öffnen, um an Krabben oder andere Leckerlis zu gelangen.

Unter den Säugetieren gelten Menschenaffen, Elefanten und Delfine als hoch­intelligent. Um an schmackhafte Termiten heranzukommen, verwenden Schimpansen selbst gebastelte Werkzeuge aus Stöcken. Evolutionsbiologisch gehört der Homo sapiens zur Gruppe der Menschenaffen. Das Erbgut von Mensch und Schimpanse ist zu 98,6 Prozent identisch. Folglich ist der Mensch ein etwas klügerer Affe.

Der Marburger Philosoph Reinhard Brandt spricht Tieren ein Denkvermögen ab. Seine These: Zwar könnten bestimmte Tierarten erstaunliche kognitive Leistungen vollbringen, doch niemand habe sie denken gesehen. „Tiere können zwar fühlen und vorstellen, aber wohl nicht denken und erkennen.“

Intelligenz im Tierreich

„Survival of the Fittest“

Die unglaubliche Vielfalt des Lebens auf der Erde, die sich in Jahrmillionen durch das „Survival of the Fittest“ herausgebildet hat, beinhaltet eine unendliche Vielfalt an Intelligenz. Dieser Kernsatz der Evolutionstheorie von Charles Darwin (1809-1882) besagt, dass sich erstens die Arten ständig verändern, und zweitens, dass diese Veränderung das Ergebnis einer natürlichen Auslese ist – des „Struggle for existence“ („Kampf ums Dasein“).

Ein großes Gehirn bedeutet allerdings nicht automatisch eine hohe Intelligenz. Im Verhältnis zu ihrer Körpermasse haben Mäuse ein größeres Gehirn als der Mensch und sind doch weniger intelligent. Für eine hohe Intelligenz ist es erforderlich, viele Informationen zu sammeln, zu verarbeiten und zu kommunizieren.

Die Fähigkeit, seine Gedanken in Laute und Töne zu fassen, ist ein herausragendes Intelligenzmerkmal. Auf diesem Gebiet ist der Mensch unbestritten eine Koryphäe. Defizite hat er vor allem auf dem Gebiet, was Biologen kollektive Intelligenz nennen.

Schwarm-Intelligenz

Staaten bildende Insekten wie Bienen oder Ameisen, die sich zu großen Gemeinschaften zusammenfinden, profitieren von einer Art kollektivem Verstand. Ihre sogenannte Schwarmintelligenz basiert auf der Summe der Verhaltensweisen, genetischen Dispositionen und erlernten Fähigkeiten jedes Individuums innerhalb des Volkes. Als Einzelwesen wären Bienen nicht überlebensfähig. Erst die Kommunität vieler Tausender Insekten spornt sie zu Höchstleistungen an. Die Kraft des Kollektivs formt das Bienenvolk zum Superorganismus, der über eine überragende spezifische Intelligenz verfügt.

Fazit: Kluge Tiere

Tiere sind auf eine andere Weise klug als der Mensch. Es gibt in der Evolution viele verschiedene Wege, wie sich Intelligenz entwickelt und entfaltet. Keiner davon ist der einzig wahre. Richtig oder falsch, gut oder böse sind Kategorien, die dem menschlichen Verstand entspringen. Sie sagen etwas darüber aus, wie der Mensch die Welt wahrnimmt und beschreibt, nicht aber wie sie in Wirklichkeit ist.

Intelligenz und Instinkt

Was tierische Intelligenz ausmacht

Die moderne Verhaltensbiologie untersucht vor allem zwei Arten von Intelligenz: technische und soziale Fertigkeiten einer Spezies. Bei ersterer erlernen Tiere bestimmte Methoden, um sich etwa Futter zu beschaffen. So haben Schimpansen gelernt, mit geeigneten Stöcken so lange in einem Termitenhügel rumzustochern, bis sie an die begehrte Nahrung herankommen. Englische Blaumeisen können mit ihrem Schnabel die Aluminiumdeckel von Milchflaschen so durchlöchern, dass sie an die süße Milch kommen.

Entscheidender für die spezifische Intelligenz einer Gattung sind indes die sozialen Fähigkeiten. Hierbei geht es darum, durch Beobachtung zu lernen.Wie Tiere auf ihre Umwelt reagieren und mit ihrer eigenen Art auf andere Lebewesen, ist dabei sehr unterschiedlich.

Warum jede Intelligenz einmalig ist

Forscher sprechen nicht mehr generell von tierischer Intelligenz (wobei der Mensch auch nur ein Tier unter Tieren ist), sondern von einer spezifischen Kraken-, Otter-, Katzen- oder Elefanten-Intelligenz. Die Frage, ob ein Hund intelligenter ist als eine Maus, ist deshalb auch nur schwer zu beantworten, weil die Unterscheidungskriterien bei jeder Gattung andere sind.

Sind Affen intelligenter als andere Tiere, weil sie genetisch und evolutionsbiologisch eng mit dem Menschen verwandt sind? So viel ist sicher: Die Überzeugung, dass allein der Mensch genial ist und die Tiere instinktgetrieben und dämlich sind, hat sich als Ammenmärchen herausgestellt. Die Sonderstellung des Menschen im Kosmos entspricht mehr seinen Wunschvorstellungen als der Realität.

Was Intelligenz und Instinkt unterscheidet

Sind Otter intelligent, weil sie Muscheln auf ihrem Bauch mit einem Stein öffnen? Sind Delfine schlau, weil sie eine Gestensprache verstehen und beigebrachte Kunststücke aufführen können? Während man Intelligenz beim Menschen mit IQ-Tests relativ objektiv messen kann, ist man bei der Erforschung tierischer Intelligenz auf die Beobachtung des Verhaltens angewiesen.

Was auf den ersten Blick wie intelligentes Verhalten ausschaut, entpuppt sich oft als instinktives Handeln. Zudem darf man nicht von einem einzigen Intelligenzfaktor ausgehen, sondern von einem komplexen Geflecht an Fähigkeiten wie Kreativität, Anpassungsfähigkeit, emotionale Bindung, Bewegung, Verstehen von Zusammenhängen sowie verbale und nonverbale Kommunikation.

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