Der Standort Königstraße 27 in Stuttgart ist ein gutes Beispiel für den Wandel in der deutschen Kaufhausgeschichte: Die Aufnahme aus den 1930er Jahren zeigt das 1905 eröffnete und im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstörte Warenhaus Tietz. Schon ab 1937, nach der Enteignung der jüdischen Kaufmannsfamilie Tietz, und in den Jahren nach dem Wiederaufbau, hieß das Kaufhaus „Union“. 1966 wurde aus Union Hertie und von 1994 an, nach der Hertie-Übernahme, firmierte das Kaufhaus bis 2015 unter dem Namen Karstadt. Heute ist die irische Billigmodekette Primark Hauptmieter des Hauses in der Königstraße 27. Foto: Karstadt

Die Ursprünge von Karstadt und Kaufhof reichen fast 150 Jahre zurück. In der Geschichte der beiden Warenhäuser spielen die jüdischen Kaufmannsfamilien Tietz und Wertheim eine wichtige Rolle.

Stuttgart - Am 14. Mai 1881 gründete der Mecklenburger Kaufmann Rudolph Karstadt sein erstes Geschäft in Wismar unter dem Namen „Tuch-, Manufactur- und Confectionsgeschäft Karstadt“. Das zweite Haus folgte drei Jahre später in der Hansestadt Lübeck; zu den ersten Kunden gehörten die Brüder Thomas und Heinrich Mann. Karstadt eröffnete bis zur Jahrhundertwende zwei Dutzend weitere Häuser in Norddeutschland. Er expandierte früh auch durch den Zukauf eines gescheiterten Konkurrenten, seines hoch verschuldeten Bruders Ernst, dessen 13 Geschäfte Rudolph 1900 übernahm.

Um die Jahrhundertwende haben auch andere namhafte Warenhäuser ihren Ursprung. Die bekanntesten gehen auf die Unternehmerfamilien Wertheim und Tietz zurück. Das erste Wertheim-Kaufhaus eröffneten Abraham und Ida Wertheim 1875 in Stralsund; bald folgten größere Häuser in Rostock und Berlin. Ihr Sohn Georg Wertheim war schließlich einer der Kaufleute, die das große Warenhaus mit festen Preisen und branchenübergreifendem Sortiment – eine amerikanische Erfindung aus den 1850er Jahren – nach Deutschland brachten. Anderen Pioniere der Kaufhauskultur waren Rudolph Karstadt, Hermann Tietz und der KaDeWe-Gründer Adolf Jandorf.

Von den Nazis enteignet und ins Exil gedrängt

In der ersten Blütezeit der Warenhäuser konkurrierten in Berlin das 1897 eröffnete Kaufhaus Wertheim am Leipziger Platz, damals Europas größtes Warenhaus, mit dem Warenhaus Tietz am Alexanderplatz (ab 1904) und dem KaDeWe (ab 1907) um die Gunst der Kunden. Während Wertheim vor allem in Berlin expandierte, startete die Kaufmannsfamilie Tietz mit Geschäften an unterschiedlichen Standorten. So legte Oscar Tietz 1882 mit seinem Laden für Weiß- und Korbwaren im thüringischen Gera den Grundstein für die spätere Warenhauskette Hertie. Weil ihm sein Onkel Hermann finanziell und mit seinem in Übersee erworbenen Know-how unterstützte, nannte Oscar die Firma „Hermann Tietz“. Das erste Warenhaus Tietz öffnete zwei Jahre später am Stachus in München seine Türen.

Bereits 1879 hatte Oscars älterer Bruder Leonhard in Stralsund seinen ersten Laden für Garne, Knöpfe, Stoffe und Wollwaren aufgemacht, aus dem der spätere Kaufhof-Konzern erwachsen sollte. Der Name Kaufhof taucht allerdings erst in den 1930er Jahren auf, nachdem die jüdischen Vorbesitzer zum Opfer von rassistischen Kampagnen geworden und schließlich von den Nazis enteignet und ins Exil gedrängt worden waren: Aus den Häusern der Tietz AG von Leonhard Tietz, der ab der Jahrhundertwende vom Rheinland aus agierte, wurde die Westdeutsche Kaufhof AG (ab 1953 Kaufhof). Die vor allem im Norden und Osten der Republik beheimatete Hermann Tietz OHG, die 1927 auch die Jandorf-Kette und das KaDeWe übernommen hatte, firmierte nun unter dem Namen Hertie – ein Akronym, in dem der Name des 1907 verstorbenen Mitgründers erhalten blieb.

In den 1970ern erleben die Ketten einen Boom

Auch Wertheim wurde durch die Nationalsozialisten enteignet, alle jüdischen Geschäftsführer entlassen und das Unternehmen in Allgemeine Warenhaus Gesellschaft AG umbenannt. Die Wertheim AG startete in den 1950er Jahren neu und wurde Mitte der 1980er Jahre vom Konkurrenten Hertie übernommen. Rudolph Karstadt hatte schon während der Weltwirtschaftskrise sein gesamtes Vermögen verloren und war 1932 aus dem Unternehmen ausgeschieden. Sein Lebenswerk ging in den Besitz eines Bankenkonsortiums über, das sich der „Arisierung“ unterwarf und die jüdischen Angestellten entließ.

Nach dem Wiederaufbau vieler im Krieg zerstörter Warenhäuser expandierten die Ketten und erlebten in den 1970er Jahren einen Boom. Die Horten AG, eine erst im Zuge der Enteignung jüdischer Kaufleute entstandene Kaufhauskette, stieg zum vierten großen Warenhauskonzern auf. Im Jahr 1994 wurde Horten schließlich an Kaufhof und Hertie an Karstadt verkauft. Beide Marken verschwanden nach und nach aus der deutschen Handelslandschaft. Von diesem Zeitpunkt an gab es nur noch zwei Warenhäuser, die nun eine Allianz schmieden.

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