George MacKay als britischer Frontsoldat im Ersten Weltkrieg im Golden-Globe-Gewinner „1917“ Foto: Universal Pictures

Als Auftakt zu den Oscars sind wieder die Golden Globes verliehen worden – für Kino- und für TV-Produktionen. Ein paar Favoriten sind gestürzt, ein paar hatten Glück, einige Außenseiter blicken den Oscars nun hoffnungsvoller entgegen. Nur Netflix hatte keinen besonders schönen Abend.

Hollywood - Keine Frage, es lässt sich trefflich darüber streiten, warum den Golden Globes überhaupt Bedeutung beigemessen wird. Was befähigt eine Gruppierung von nicht einmal 100, leicht beeinflussbaren Journalistinnen und Journalisten (von denen viele nachweislich kaum noch arbeiten) dazu, einen der meist beachteten Film- und Fernsehpreise der Welt zu verleihen? Doch im Grunde sind solche Diskussionen müßig, der Geist der Hollywood Foreign Press Association (kurz: HFPA) lässt sich nicht mehr zurück in die Flasche zwängen. Im hollywoodschen Marketingspiel der monatelangen „Awards Season“ kommt den Golden Globes, die gestern Nacht zum 77. Mal in Los Angeles verliehen wurden, längst eine live vor Millionenpublikum im Fernsehen übertragene Schlüsselrolle zu.

Wer bei den Globes gewinnt, rückt automatisch auf eine Favoritenposition für die einige Wochen später verliehenen Oscars. In diesem Jahr gilt das besonders für den britischen Regisseur Sam Mendes und seinen nicht zuletzt technisch beeindruckenden Weltkriegsfilm „1917“ (dt. Kinostart: 16. Januar). Der von Mendes’ Großvater und dessen Erfahrungen als junger britischer Soldat im Ersten Weltkrieg inspirierte Film wurde in den Kategorien Bester Film/Drama und Beste Regie ausgezeichnet und setzte sich unter anderem gegen Martin Scorseses „The Irishman“, Noah Baumbachs „Marriage Story“ und den Kassenhit „Joker“ durch.

„Parasite“ wird umjubelt

Was die Oscar-Vorhersagen allerdings erschwert, ist die Tatsache, dass die Golden Globes in den wichtigsten Kategorien zwischen den Sparten Drama und Komödie/Musical unterscheiden – und somit je zwei Preise vergeben. Auch Quentin Tarantino darf sich entsprechend weiter als Favorit sehen, schließlich gewann auch „Once upon a Time... in Hollywood“ mehrere Golden Globes, etwa als Bester Film/Komödie (eine in diesem Fall etwas fragwürdige Genre-Zuschreibung, die allerdings nicht auf einer Entscheidung der HFPA, sondern des Filmverleihs basiert) und für das Beste Drehbuch.

Gute Aussichten auf weitere Preise hat nach wie vor auch „Parasite“ des koreanischen Regisseurs Bong Joon-ho. Der Gewinner der Goldenen Palme von Cannes wurde als bester fremdsprachiger Film geehrt – und vom wie immer prall mit Stars und Filmemachern gefüllten Saal im Beverly Hilton Hotel stürmischer gefeiert als irgendwer sonst.

Zellweger siegt wie erwartet

Mehr Klarheit ins Oscar-Rennen dürften die Golden Globes in den Schauspielkategorien gebracht haben. Als Beste Hauptdarsteller/Drama wurden erwartungsgemäß Renée Zellweger für „Judy“ (das Biopic läuft seit Donnerstag im Kino) und Joaquin Phoenix für „Joker“ ausgezeichnet, als Nebendarsteller Laura Dern für „Marriage Story“ und Brad Pitt für „Once upon a Time... in Hollywood“. Interessanter waren da schon die Entscheidungen im Komödienbereich: Bei den Frauen setzte sich Ex-Rapperin Awkwafina für den wunderbaren „The Farewell“ durch, bei den Männern der junge Waliser Taron Egerton für seine Darstellung Elton Johns im biografischen Musical „Rocketman“ (der Rockstar selbst erhielt derweil den Golden Globe in der Kategorie Bester Song, für den gleichen Film). Für die Oscars wurden beiden bislang eher Außenseiterchancen eingeräumt.

Gut möglich, dass am 9. Februar bei der Oscar-Verleihung trotzdem ganz andere Preisträger auf der Bühne stehen werden. Schließlich werden die von den Mitgliedern der Academy of Motion Picture Arts and Sciences gewählt, die den älteren weißen Herrschaften der HFPA nicht nur zahlenmäßig um ein vielfaches überlegen sind, sondern sie auch in Sachen Jugend und Diversität längst abgehängt haben.

Keine Jets nach Palm Springs

Allerdings geht ausgerechnet am morgigen Dienstag die Abstimmung über die Nominierungen zu Ende, sodass es keinem Anwärter schadet, sich kurz vorher mit einem Golden Globe-Gewinn in Erinnerung zu rufen. Was auch für Tom Hanks gilt, der als Nebendarsteller in „Der wunderbare Mr. Rogers“ zwar leer ausging, dafür aber einen Preis für sein Lebenswerk samt stehender Ovation erhielt.

In Sachen politischer Statements werden die Oscars mit den Globes vermutlich nicht mithalten können. Wieder einmal wurde die zum wiederholten Male von Ricky Gervais moderierte Verleihung zum Forum für leidenschaftliche Statements, nicht zuletzt angesichts der in Australien wütenden Buschfeuer und Trumps kriegerischen Gebarens gegenüber dem Iran. Joaquin Phoenix rief die Kollegenschaft in seiner etwas konfusen Dankesrede dazu auf, netten Worten auch Taten folgen zu lassen – und vielleicht beim nächsten Trip nach Palm Springs auf den Privatjet zu verzichten. Noch deutlicher wurden Patricia Arquette (Beste Nebendarstellerin/TV) und Michelle Williams (Beste Hauptdarstellerin/Miniserie), die beide dazu aufriefen, bei der diesjährigen US-Wahl zur Urne zu gehen und zur gesellschaftlichen Veränderung beizutragen.

Eine kleine Sensation

Dass – auch jenseits der Reden – die Fernsehpreise stets der interessanteste, weil unvorhersehbarste Teil der Golden Globes sind, bestätigte sich auch in diesem Jahr. Zwar gab es erwartbare Entscheidungen wie die Ehrungen für Phoebe Waller-Bridge und ihre Comedyserie „Fleabag“. Doch dass Netflix wie schon in den Filmkategorien ziemlich leer ausging (nur Olivia Colman gewann für ihre Hauptrolle in „The Crown“) und auch die Apple-Serie „The Morning Show“ mit Jennifer Aniston und Reese Witherspoon nicht bedacht wurde, überraschte doch. Stattdessen konnte der Pay-TV-Sender HBO je zwei Preise für seine Serien „Chernobyl“ und „Succession“ feiern.

Geradezu für eine Sensation sorgte die Entscheidung in der Kategorie Bester Hauptdarsteller/Comedy: Hier ging der Golden Globe nicht an Vorjahressieger Michael Douglas für „The Kominsky Method“, an Marvel-Star Paul Rudd („Living with yourself“) oder den zweifachen Emmy-Gewinner Bill Hader („Barry“). Sondern an den jungen muslimischen Komiker Ramy Youssef für seine fantastische, autobiografisch angehauchte Serie „Ramy“, die seit Dezember hierzulande bei Starzplay zu sehen ist.

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