Drama, D 2014. 101 Minuten Foto:  

Eine irrlichternde Frau ergründet Familiengeheimnisse: Margarethe von Trotta inszeniert fahrig und überrascht mit der Erkenntnis, wie wenig spannend es sein kann, familiäre Untiefen zu ergründen und erstaunliche Entdeckungen zu machen.

Filmkritik und Trailer zum Kinofilm "Die abhandene Welt"

Wenn reife Männer einander mit Blumen hauen, gibt es Anhaltspunkte dafür, wo man sich gerade befindet: sehr wahrscheinlich in einem deutschen Film, und noch wahrscheinlicher im Film einer Regisseurin. In diesem Fall handelt es sich um Margarethe von Trotta, Grande Dame des deutschen Films. Sie schickt eine Tochter los, einer Doppelgängerin ihrer verstorbenen Mutter auf den Zahn zu fühlen.

Männer sind hier unentschlossene, ängstliche, schwanzgesteuerte Machos, Schwächlinge und Trottel. Das kann man in Zuspitzung so sehen, von Trotta aber führt es so plakativ und humorlos vor, dass nur ­Abziehbilder bleiben. Das Spielfeld überlässt sie ganz den Frauen, allen voran Katja Riemann, die unter starker Regie zu starken Leistungen fähig ist, wie sie in Rainer Kaufmanns Film „Ein fliehendes Pferd“ ­eindrucksvoll gezeigt hat.

Hier nun darf sie einfach Frau sein und irrlichtert bald nur noch: Ihre Figur möchte laut Drehbuch nicht nach New York und schon gar nicht in die Met, kaum ist sie dort, hüpft die Riemann enthusiasmiert im Abendkleidchen aufs illuminierte Opernhaus zu. Ihre Figur hat sich gerade von einem viel jüngeren Miesepeter getrennt, der mit einem Laptop verwachsen zu sein schien. Sie lässt sich in New York ohne Umschweife von einem schmierigen Agenten umgarnen, der sich in jedem Mafia-Film als Ausputzer gut machen würde. Barbara Sukowa als strenge Doppelgängerin hält ­einigermaßen die Linie, ist bei einer ­Gesangsprobe aber himmelweit von der Stimmgewalt einer Operndiva entfernt.

Das ist fahrig inszeniert und überraschend nur in einem Punkt: Wie wenig spannend es sein kann, familiäre Untiefen zu ergründen und erstaunliche Entdeckungen zu machen. Die Konstellation hat Pfeffer, den die Regisseurin in endlosen Zwischenphasen achtlos in den Wind streut. Sie lädt förmlich dazu ein, den Titel ihres vielleicht berühmtesten Films unsachgemäß umzudeuten: Bleiern steht die Zeit in der „abhandenen Welt“.

Die Unschärfen potenzieren sich, die ­Riemann singt, leichte Verruchtheit mimend, mindestens einmal zu viel, und überhaupt hinterlassen die Frauen unfreiwillig immer zweifelhaftere Eindrücke. Den unentschlossenen, ängstlichen, schwanzgesteuerten Machos, Schwächlingen und Trotteln fällt da schon lange nichts mehr ein. ­Also hauen sie einander eben mit Blumen.

Unsere Bewertung zu "Die abhandene Welt": 4 von 5 Sternen - empfehlenswert!

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Mehr Input gefällig? Unsere Rezension von "The Forecaster" des Tübingers Marcus Vetter.

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