Mitten hinein in den vorpolitischen Raum: Winfried Kretschmann bei der Fasnet . . . Foto: dpa

Wie Grünen-Ministerpräsident Winfried Kretschmann der CDU die Themen wegnimmt.

Oslo/Stuttgart - Die Kamera hält auf ihn. Immer wieder kommt der Mann mit dem grauen Bürstenschnitt ins Bild, als an diesem Montag im Osloer Rathaus der Friedensnobelpreis an Nadja Murad verliehen wird. Draußen in der Welt kennt ihn fast niemand – bis die Preisträgerin in ihrer Rede sagt, nur wegen Winfried Kretsch­mann, der tausend Jesidinnen in Baden-Württemberg Zuflucht gab, könne sie ihre Freiheit genießen. Und wieder hält die Kamera auf den baden-württembergischen Regierungschef.

Das sind genau die Bilder, die man zu Hause bei der CDU mit zusammengebissenen Zähnen zur Kenntnis nimmt. „Jetzt hat er auch noch den Friedensnobelpreis“, sagt ein Landtagsabgeordneter gallig. Kretsch­mann überlebensgroß. Es läuft gerade ziemlich gut für den 70-Jährigen, auf landespolitischer Bühne reicht ihm niemand das Wasser. Die Wirtschaft brummt, die Koalition gibt das Geld mit vollen Händen aus. Gerade hat der Grüne auch bundespolitisch gepunktet, weil er seine Länderkollegen gegen die geplante Grundgesetzänderung in Sachen Bildung hinter sich scharte. Auch jene von der Union.

Angriffe wegen der „Männerhorden“

„Glauben Sie mir, ich regiere gern“, versicherte er kürzlich dem Talkmaster Markus Lanz. Und dann plauderte er über sein neues Buch „Worauf wir uns verlassen wollen.“ Darin definiert er, was heutzutage unter konservativ zu verstehen sei – ein Begriff, den früher die Christdemokraten wie einen Orden trugen. Jetzt kapert ihn ein Grüner und interpretiert vertraute Kategorien wie Ehe und Familie „zeitgemäß“. Das soll zum Beispiel heißen: Werte wie Zusammenhalt, Verlässlichkeit und Verantwortung bleiben auch in der Patchworkfamilie erhalten. Oder bei einem gleichgeschlechtlichen Elternpaar.

Kretschmann macht sich breit im Wohnzimmer der CDU, und das verstört den politischen Konkurrenten und linke Parteifreunde gleichermaßen. Letztere haben ihn jüngst angegriffen, weil er von „Männerhorden“ geredet hat im Zusammenhang mit einer Massenvergewaltigung, an der Flüchtlinge beteiligt waren. Das Vokabular stammt aus der klassisch-konservativen Schublade, und das hat Kretschmann – Buch hin oder her – bisweilen eben auch drauf. Dass der Begriff unbedacht von ihm gewesen sein soll, wie er sich später entschuldigte, nimmt dem Politprofi niemand ab. Der weiß schließlich um die öffentliche Wirkung.

Besonders irritiert er Alt-Konservative, wenn er die weichen, eher unpolitischen Themen an sich zieht. „Liebe Leit“, begrüßte er vergangenen Freitag Hunderte Teilnehmer einer Dialekt-Tagung, zu der er ins Neue Schloss geladen hatte. Dass er, der gebürtige Spaichinger, gern Schwäbisch schwätzt, hat er nie verhehlt. Doch nun macht er die Mundart zur Chefsache, widmet ihr einen halben Arbeitstag und heimst dafür viel Beifall ein.

Die neueste Liebe gilt den Kelten

Dialekt, Heimat – das ist der klassische vorpolitische Raum, wo Jahrzehnte lang die Schwarzen saßen, und zwar exklusiv. Irritiert verfolgen sie deshalb auch Kretsch­manns aktuelle Liebe zu den Kelten. Gleich mehrere Ministerien lässt er eine Konzeption erarbeiten, um die sagenhaften Ureinwohner des Südwestens bekannter zu machen. Und nicht zuletzt die goldenen Schätze, die Archäologen bei der Heuneburg unweit von Sigmaringen ausgegraben haben, nahe bei Kretschmanns Wohnort Laiz. „Um die Kelten hat sich die Landesregierung doch nie geschert“, maulen christdemokratische Abgeordnete und erinnern an die Weigerung von Grün-Rot, in die Heuneburg Geld zu investieren. Jetzt aber nimmt die Koalition einen zweistelligen Millionenbetrag in die Hand und plant dort ein „Erlebniszentrum“.

Dass Kretschmann, einst Mitglied im Kommunistischen Bund Westdeutschland, 2017 die Chuzpe hatte, Baden-Württembergs Hochadel ins Neue Schloss zu bitten, um ihm für das Engagement bei der Denkmalpflege zu danken, passt da ins Bild. Das hat sich nicht einmal Erwin Teufel getraut. „Da hätten uns doch alle in die reaktionäre Ecke gestellt“, sagt ein CDU-Mann. Doch mit der Farbe Kretsch­mann-Grün angestrichen, wird auch das traditionbehaftet­ste Thema salonfähig.

Im Dirndl zu ungeahnten Höhen

Wäre am nächsten Sonntag Landtagswahl und sollte der nunmehr zweifache Großvater erneut ins Rennen gehen, würde er wohl wieder weit im bürgerlichen Lager abräumen. So wie schon 2016, als er sich in der Wahlwerbung als Heimwerker an Hobel und Stichsäge empfahl. Doch was, wenn er nicht antritt? Profitiert auch seine Partei von dem stockbürgerlichen Habitus?

Der Hohenheimer Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider glaubt das sehr wohl: „Auch die Grünen im Bund haben konservative Themen neu gerahmt.“ Er sieht darin den wohl kalkulierten Versuch, eine Antwort zu geben auf die Sorgen der Bevölkerung im Chaos der Globalisierung. Parteichef Robert Habeck zum Beispiel verschreckt im bürgerlichen Lager niemanden mehr. Und die bayerische Grünen-Spitzenkandidatin Katharina Schulze hat ihre Partei im Dirndl zu ungeahnten Höhen geführt.

Nur: Kretschmann geht darüber hinaus. Denn wie bei keinem anderen Realo decken sich bei ihm persönliche Haltung und öffentlicher Habitus. „Der passt zu seinen Grundüberzeugungen, Kretschmann wirkt absolut authentisch“, sagt Brettschneider. Schon in der Neujahrsansprache 2018 habe er die Themen Heimat und Dialekt dekliniert, das sei jetzt also kein spontaner Einfall. Für die Grünen biete sich so die Chance, glaubt Brettschneider, nach den Wahlerfolgen von 2011 und 2016 die gewonnenen Wähler fester an sich zu binden.

Kretschmann 3.0?

Was umso aussichtsreichen sein dürfte, als die CDU das Konservative auf vielen Feldern zur puren Traditionspflege verkommen ließ. „Wenn das die CDU veranstaltet hätte, wäre ich nicht gekommen“, sagt ein junger Teilnehmer der Dialekt-Tagung. Begründung: Dann hätte es „zu angestaubt“ gewirkt. Seine Parteifreunde wissen um dieses Pfund und drängen deshalb zu „Kretschmann 3.0“.

Und die Christdemokraten? „Vielleicht sollten wir den Spieß umdrehen und grüne Themen kapern“, sagt einer gelassen. Die Landtagsfraktion hat dies bei der Ökologie schon versucht. Doch sobald Grünen-Verkehrsminister Winfried Hermann auf der Bildfläche erscheint und für Radschnellwege wirbt, ist es vorbei mit der Gelassenheit.

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