Die JVA Singen hat 50 Haftplätze für Senioren. Foto: Steve Przybilla

In der JVA Singen läuft vieles anders als in üblichen Vollzugsanstalten, denn hier ist der jüngste Häftling 62 Jahre alt, der älteste 85. Ein Besuch im bundesweit einzigen Seniorengefängnis.

Singen - In Gefängnissen gehört Kraftsport zu den beliebtesten Freizeitaktivitäten. Die Insassen lieben es, ihren Körper zu stählen. Sie stemmen Gewichte gegen die Langeweile, spielen Fußball, messen ihre Kräfte auf dem Sportplatz – und manchmal auch auf dem Gang. Poster mit Pin-up-Girls gehören zur Standardausstattung vieler Hafträume. Der Ausblick ist oft ernüchternd: Stacheldraht, Wachtürme. Dazu Zellengenossen, die heimlich Handys einschmuggeln oder Drogen konsumieren.

In der Justizvollzugsanstalt Singen gibt es von alledem nichts. Die Inhaftierten gehen am liebsten zur Ergotherapie, zum Gedächtnistraining, oder sie sitzen einfach nur draußen auf einer Bank. Weglaufen oder über die Mauer klettern? Noch nie vorgekommen. Geheime E-Mails aus dem Zellentrakt? Auch nicht, denn viele Gefangene wissen nicht einmal, wie man ein Smartphone überhaupt bedient.

In der Justizvollzugsanstalt Singen ist keiner der Häftlinge jünger als 62. Schon 1970 – lange bevor der demografische Wandel zum Thema wurde – richtete die baden-württembergische Landesregierung das spezielle Gefängnis ein. Dahinter stand zunächst ein praktisches Ziel: Wenn jüngere und ältere Häftlinge getrennt leben, gibt es weniger Reibereien.

Weder Schlägereien noch Ausbruchsversuche

„Von einem bestimmten Alter an ist das Ruhebedürfnis ein ganz anderes“, sagt Thomas Maus, der Dienstleiter in Singen. „Wenn jemand dreimal nachts auf die Toilette muss und jedes Mal das Licht angeht, ist der 30-jährige Zellengenosse wenig begeistert.“ Zumal Senioren in einem normalen Gefängnis unterzugehen drohen: „Im Knast gilt das Recht des Stärkeren“, sagt Maus. Das sei eben keine gemütliche Mehrgenerationen-Wohngemeinschaft.

Peter M. (alle Namen der Häftlinge geändert) sitzt seit 2014 in Singen ein. Welche Straftat er begangen hat, will der 68-Jährige nicht verraten. Nur so viel: „Ich bin kein Sextäter.“ Er ist froh, auf den Gängen nun ausschließlich ergrauten Männern zu begegnen. „Ich war sieben Monate in Stammheim. Da haben die Leute die ganze Nacht Radau gemacht, und wir waren 23 Stunden am Tag weggeschlossen.“ In Singen ist das anders: Weil bei den Betagten weder Schlägereien noch Ausbruchsversuche über die Mauer drohen, dürfen sie sich tagsüber frei auf dem Gelände bewegen. Die begehrtesten Plätze sind in der Gefängniswerkstatt, wo die Häftlinge Dübel aller Art herstellen. Die Rente mit 67 gibt es hier nicht.

Rein optisch unterscheidet sich die JVA Singen kaum von anderen Gefängnissen. Das 1940 erbaute Gebäude wirkt auch nicht besonders seniorenfreundlich. Die Gänge und Zellen sind eng, es gibt keinen Aufzug. Mit Rollstuhl, Rollator oder Stock kommt man in dem alten Gemäuer nur mühsam voran. Doch das sei gar nicht das Wichtigste, betont Thomas Maus: „Es geht ums Konzept.“ Das fange bei Kleinigkeiten an. So dürfen die älteren Herrschaften bis zu sechs Stunden Besuch pro Monat bekommen – woanders ist es nur eine Stunde. Neben speziellen Sportangeboten gibt es eine gut bestückte Krankenstation, die 1700 Tabletten pro Woche verteilt. In der Bibliothek darf man so viele Bücher ausleihen, wie man will. „Die jüngeren Leute reißen Buchseiten aus, um sich daraus Zigaretten zu drehen“, sagt Maus, der selbst einige Jahre in der JVA Konstanz gearbeitet hat. „Solche Probleme haben wir nicht.“

Renitenz oder Demenz?

Sorgen bereiten ihm hingegen die Gefangenen, die spürbar vergreisen. „Es gab auch schon jemanden, der jeden Abend in einer anderen Zelle saß“, berichtet Thomas Maus. Die Justizvollzugsbeamten in Singen werden deshalb speziell geschult, um „Renitenz von Demenz zu unterscheiden“, wie es im offiziellen Jargon heißt. Weniger Probleme gebe es mit körperlichen Einschränkungen, sagt Maus. „Wir haben zwei blinde Gefangene, die sich gut integrieren. Die anderen Häftlinge helfen ihnen, wo sie können. Das ist hier ein ganz anderes Miteinander als in anderen Gefängnissen.“

Ist seine Anstalt deshalb ein Luxusknast? „Nein“, meint der Dienstleiter. „Wir sind kein Altersheim, sondern ein Gefängnis.“ Die Gesellschaft erwarte zu Recht, dass Gefangene bestraft werden, gerade bei schweren Straftaten wie Mord oder sexuellem Missbrauch. Aber über 60-Jährige seien eben deutlich haftempfindlicher als junge Menschen. Zu Herz-Kreislauf-Beschwerden, Diabetes, Prostataleiden und Demenz komme der psychische Druck. „Das ist nicht wie bei einem 30-Jährigen, der vielleicht noch damit prahlt, zwei Jahre absitzen zu müssen“, sagt Thomas Maus. So manchem Gefangenen treibe die Sorge um, „hier drinnen“ sterben zu müssen.

Mit diesem Problem wird sich das Justizsystem in Zukunft häufiger befassen müssen. Die Bevölkerung wird insgesamt immer älter, das zeigt sich auch bei den Gefangenen. Bislang steigt der Anteil der Senioren hinter Gittern eher langsam: So lag laut den Zahlen des Statistischen Bundesamts vom März 2016 der Anteil der über 60 Jahre alten Häftlinge bei 4,4 Prozent. Vor 20 Jahren waren es noch 1,6 Prozent.

Mehr alte Geldwäscher

Werden die Alten also immer krimineller? „Da muss man unterscheiden“, mahnt Thomas Feltes, Kriminologie-Professor an der Ruhr-Universität Bochum. In absoluten Zahlen werde es auch künftig mehr ältere Straftäter geben, da im Land insgesamt mehr Senioren leben. Eine andere Frage sei es, ob „der Senior an sich“ krimineller werde. Laut Feltes zeigt sich ein differenziertes Bild, je nachdem, welches Deliktfeld man betrachtet: So sei die Zahl der beschuldigten Ladendiebe im Seniorenalter von 2003 bis 2013 um 48 Prozent zurückgegangen. In anderen Bereichen hätten die Vergehen hingegen erheblich zugenommen, zum Beispiel bei Geldwäsche um mehr als 100 Prozent, bei Computerkriminalität um mehr als 150 Prozent oder bei Betrugsdelikten um mehr als 200 Prozent. Insgesamt geht Feltes davon aus, dass bis zum Jahr 2030 die Zahl der Tatverdächtigen über 60 um 34 Prozent steigt.

Die JVA Singen ist bislang der einzige Seniorenknast in Deutschland. In manchen Bundesländern existieren geriatrische Abteilungen innerhalb eines bestehenden Gefängnisses, zum Beispiel im nordrhein-westfälischen Detmold oder im sächsischen Waldheim. Bei Sanierungen und Neubauten achten die Behörden außerdem darauf, die Zellen barrierefrei zu gestalten. Ansonsten setzt man lieber auf einfache Hilfsmittel. „In jeder Justizvollzugsanstalt stehen Rollstühle bereit“, erklärt etwa das Justizministerium in Mecklenburg-Vorpommern. Bei Bedarf könnten die Hafträume „mit einer zweiten Matratze, einem zusätzlichen Kissen, aber auch mit einer kleinen Fußbank oder einem Duschhocker“ ausgestattet werden.

Spezielle Seniorenabteilungen oder Seniorengefängnisse lehnen die meisten Bundesländer ab. Man habe mit „altersgemischten Vollzugsgruppen“ positive Erfahrungen gemacht, heißt es aus Bremen.

Immer voll belegt

In der Justizvollzugsanstalt Singen sind die 50 Haftplätze extrem begehrt. „Wir sind zu hundert Prozent belegt“, sagt der Dienstleiter Thomas Maus. Das Durchschnittsalter im Rentnergefängnis liegt bei 70 Jahren, der älteste Gefangene ist 85 Jahre alt.

Lassen sich Menschen, die ihr Leben schon gelebt haben, überhaupt noch resozialisieren? Thomas Maus überlegt. „Natürlich kann man Verhaltensweisen auch bei älteren Menschen trainieren.“ Das fange bei ganz banalen Dingen an. „Einem Sexualstraftäter müssen wir klarmachen, dass er sich nicht mehr in der Nähe eines Spielplatzes aufhalten soll.“

Kurz vor zwölf zieht der Duft von Schweinebraten durch die Gänge. Bernd S. trägt sein Tablett von der Essensausgabe in die Zelle. „Das Küche ist hier viel besser als in der Untersuchungshaft“, sagt der 67-Jährige, der wegen eines Finanzdelikts zu anderthalb Jahren Haft verurteilt wurde. Seine Zelle ist klein. Zwischen Tisch und Bett passt gerade mal ein Stuhl. Doch Bernd S. ist zufrieden mit dem vergitterten Zimmer: Er hat hier ein eigenes Waschbecken, eine Toilette und einen Fernseher.

Wenn er in den Hof geht, kann er seine Zelle sogar abschließen, obwohl die Beamten natürlich einen Schlüssel besitzen. „Fast wie betreutes Wohnen“, scherzt Bernd S, wird aber gleich darauf wieder ernst. „Wenn die Freiheit weg ist, ist das das Schlimmste, was einem passieren kann. Da klammert man sich an jeden Halm.“

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