Capital Bra ist Deutschlands erfolgreichster Rapper – und Rap ist vor allem auch Migrantenmusik. Foto: dpa/Uli Deck

Die Frage nach der eigenen Identität ist eines der großen Themen unserer Zeit. Im Deutsch-Rap lassen sich Antworten finden. Ein Youtube-Kanal und ein neues Buch zeigen, wie unterschiedlich die sein können.

Berlin - Capital Bra, Olexesh, Kool Savas, Apache: Deutsch-Rap prägt den Sound dieser Zeit. Er dominiert die Musikcharts, schallt aus Kinderzimmern und Studenten-WGs. Harte Beats und konfrontative Texte machen für viele den Reiz erst aus - für andere sind sie eine Zumutung. Deutsch-Rap repräsentiert auch eine von Migranten geprägte Gesellschaft, die im Hip-Hop eine Stimme gefunden hat.

Russe, Ukrainer, Deutscher

15 dieser Deutsch-Rap-Größen mit Einwanderungsgeschichte porträtiert der Musikjournalist Juri Sternburg in seinem neuen Buch „Das ist Germania“ (Droemer Knaur). Er stützt sich dabei auf persönliche Interviews, die unter anderen in der mehrfach ausgezeichneten Youtube-Serie „Germania“ zu sehen sind. Der Kanal wird vom öffentlich-rechtlichen Angebot funk betrieben und von der Firma Hyperbole Medien GmbH produziert.

Die Rapper erzählen von Heimweh und Ankommen, von Zugehörigkeit und Rassismus. Die zentralen Fragen lauten: Was ist deine Heimat, was deine Identität? Rapper Olexesh, also Olexij Kossarew aus Darmstadt-Kranichstein, beantwortet sie so: „Ich bin drei in eins. Ich sehe mich als Russen, weil mein Vater Weißrusse ist. Ich sehe mich als Ukrainer, weil meine Mutter daher stammt. Ich bin Deutscher, weil ich hier aufgewachsen bin und die Leute mich hier gut empfangen haben, schon seit dem Kindergarten. Ich bin bestimmt so sechzig bis siebzig Prozent Deutscher jetzt. Ich spreche die deutsche Sprache, ich verdien mein Geld mit ihr.“

Wurzeln in der Bronx

Die Frage nach Identität und Heimat ist dem Genre ureigen. Rap, in den 70er Jahren als schwarze Jugendkultur in der Bronx von New York City entstanden, war schon immer Artikulationsmedium für Menschen, die sich in der Gesellschaft nicht repräsentiert fühlten, erklärt der Medienwissenschaftler und Popkultur-Experte Mario Anastasiadis. „Rap und Hip-Hop waren dabei stets auch identitätsbildend.“

Den Machern von „Germania“ war es wichtig, in ihrer Reihe eine große Diversität zeigen, die einzelnen Geschichten und Unterschiede zu sehen, ihre Biografien verständlich zu machen. „Menschen mit Einwanderungsgeschichte sind oft mit Stereotypen besetzt, sie tauchen immer mit bestimmten Zuschreibungen auf. Das wollten wir bewusst aufbrechen“, sagt Bastian Asdonk von Hyperbole.

Auch Rechte rappen

Trotz des großen Erfolgs von „Germania“ gab es immer wieder Kritik an dem Projekt, „sowohl von rechts als auch von links“, so Asdonk. „Sowohl die Verwendung des historisch kontaminierten Begriffs „Germania“ als auch die offensive Umdeutung tradierter Konzepte wie Heimat“ hätten dabei im Zentrum gestanden. Asdonk findet, dass diese Kritik oftmals am zentralen Anliegen der Serie vorbei geht - nämlich die Geschichte von Migranten und ihrer Kinder zu erzählen und sie nicht als gleichförmige Gruppe zu sehen.

Rap und Hip-Hop, ebenso wie andere Genres, seien heute aber längst nicht mehr nur Sprachrohr unterdrückter Minderheiten, denen man gern eine Nähe zu progressiven und liberalen Werten zuschreibt, sagt Popkultur-Fachmann Anastasiadis. Diese Musik sei auch „Medium für konservative, reaktionäre, diskriminierende oder gar extremistische Inhalte“.

Noch immer nicht akzeptiert

Rechte Rapper verknüpften den Heimatbegriff mit Themen wie Patriotismus, Nationalstolz, Ausgrenzung und Systemkritik. „Sie greifen eine soziale Stimmungslage auf, die lange nicht mehr so präsent war wie momentan“, sagt Anastasiadis. „Dies korrespondiert mit dem Aufstieg der AfD sowie dem Anstieg rechter und rechtsextremer Straftaten.“

Auch Sternburgs „Das ist Germania“ provoziert, weil es den Begriff Heimat auf den Kopf stellt, zerlegt und wieder neu zusammensetzt. Seine Geschichten berühren, sind bedrückend und unterhaltsam zugleich. Der Autor sagt, alle 15 Protagonisten seines Buches verbinde „eine Diversität, die in großen Teilen Deutschlands immer noch nicht akzeptiert oder schief angeschaut wird“.

  
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