Christian Sewing ist seit einem Jahr Chef der Deutschen Bank – und hat noch jede Menge Herausforderungen. Foto: dpa

Auf Fusionsgespräche mit der Commerzbank war Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing beim Amtsantritt vor einem Jahr nicht eingestellt.

Frankfurt - Den „Team- und Kampfgeist“ seiner Mitarbeiter hat Christian Sewing beschworen, als er vor einem Jahr an die Spitze der Deutschen Bank rückte. Doch die Herausforderung, mit der sich der 48-Jährige heute konfrontiert sieht, hatte er damals wohl nicht auf dem Zettel: Entweder muss er eine Fusion mit der Commerzbank mit massivem Stellenabbau durchziehen – oder zunehmend skeptischen Investoren beweisen, dass die Deutsche Bank ihre Probleme allein überwinden kann.

Wie groß die Zweifel an den Börsen sind, wurde vergangene Woche deutlich: Meldungen, die italienische Großbank Unicredit habe ein Auge auf die Commerzbank geworfen, versetzten der Deutsche-Bank-Aktie einen neuerlichen Tiefschlag. Mit Unicredit im Rücken, so offenbar die Befürchtung, könnte die Commerzbank den bisherigen Branchenprimus in Bedrängnis bringen.

Dass Sewing, der bei seinem Amtsantritt von der Belegschaft eine „Jägermentalität“ eingefordert hatte, nun gewissermaßen die Beute abgejagt wird, ist allerdings unwahrscheinlich. Erstens haben sich frühere Spekulationen über einen Einstieg von Unicredit bei der Commerzbank nie bewahrheitet. Und zweitens hieß es in den jüngsten Berichten, die Italiener wollten nur aktiv werden, wenn die Gespräche zwischen den beiden deutschen Banken scheitern sollten. Gleichwohl – die Gerüchte „erhöhen den Druck auf Herrn Sewing, zu Potte zu kommen“, sagt Ingo Frommen, Bankenanalyst bei der LBBW.

Experten beurteilen Fusionspläne skeptisch

Bezogen auf die Fusionsgespräche wirkt der als entschlossen und führungsstark gepriesene Bankchef bislang eher wie ein Getriebener: Noch im September hatte er zu Spekulationen über einen möglichen Zusammenschluss erklärt, die Deutsche Bank wolle erst einmal ihre eigenen Hausaufgaben erledigen. Und als dann im März doch offizielle Fusionsgespräche aufgenommen wurden, äußerte er sich nicht eben euphorisch: „Zum jetzigen Zeitpunkt steht keineswegs fest, ob es überhaupt zu einer Transaktion kommen wird. Die Erfahrungen zeigen, dass es viele wirtschaftliche und technische Gründe geben kann, die einem solchen Schritt entgegenstehen können“, schrieb Sewing in einer Nachricht an die Belegschaft.

Auch viele Branchenexperten beurteilen die Fusionspläne skeptisch: „Auf dem Papier kann man damit tolle Synergieeffekte erzielen – aber tatsächlich 30 000 Stellen abzubauen, das wird nicht einfach mit dem deutschen Arbeitsrecht“, sagt LBBW-Analyst Frommen. Ähnlich sieht das Neil Smith, der die Finanzbranche für das Bankhaus Lampe beobachtet. Er bezweifelt auch, ob sich bei einem neuen nationalen Bankenriesen die bisherigen Erträge der beiden Geldhäuser addieren würden: „Ein deutsches Unternehmen, das bislang mit beiden Geschäfte macht, würde sich bei einem Zusammenschluss wohl nach einer neuen Zweitbank umschauen, um sich nicht vollständig von einem Institut abhängig zu machen.“

Zumindest im Privatkundengeschäft allerdings fiele bei einer Fusion ein großer Wettbewerber weg. Die Commerzbank betreibt derzeit bundesweit 1000 Filialen, die Deutsche Bank zusammen mit ihrer Tochter Postbank rund 1400 – dass hier gespart werden könnte, glaubt auch Kritiker Smith. „Ich hoffe, dass auch bei einem Scheitern der Gespräche beide Seiten ihre Sparziele noch einmal verschärfen“, sagt er. Derzeit muss die Deutsche Bank für jeden Euro Ertrag über 90 Cent aufwenden.

Bei der Fondstochter DWS hat Sewing schnell gehandelt

Dabei hat Sewing bereits das Messer angesetzt: Er schaffte es, die bereinigten Kosten noch unter die für 2018 angepeilte Obergrenze von 23 Milliarden Euro zu drücken und reduzierte die Zahl der Vollzeitstellen um etwa 5800 auf 91 700. Dazu beigetragen hat die Fokussierung der hauseigenen Investmentbank auf europäische Kunden, die Sewing wenige Wochen nach seinem Amtsantritt angekündigt hatte. „Er hat den Rückzug der Bank aus einzelnen Regionen umgesetzt, die für die europäischen Kunden tatsächlich unwichtig sind“, sagt LBBW-Analyst Frommen. Als Beispiel nennt er die Auflösung eines Teams von Investmentbankern in Texas, das die dortige Ölindustrie betreute.

„Auch bei der Fondstochter DWS hat Sewing schnell gehandelt und den Chef ausgewechselt, als es da nicht so toll lief. Er zeigt eine gewisse Ungeduld, aber eben auch Konsequenz. Das erhöht seine Glaubwürdigkeit und hat Investoren wieder etwas mehr Zuversicht gegeben“, lobt Frommen. Offen bleibe aber, wie die Bank ihre Erträge steigern wolle: „Er hat den Blick nicht so sehr auf der Erschließung neuer Geschäftsfelder.“

Die Frage, wie die Deutsche Bank die Schrumpfkur im Investmentbanking kompensieren will, harrt schon seit Jahren einer Antwort. Schließlich sind die europäischen Unternehmenskunden, auf die sich das Geldhaus konzentrieren will, hart umkämpft. Wohl deshalb war der Druck auf Sewing groß, eine Fusion mit der Commerzbank wenigstens zu prüfen: „Die Konsolidierung der Bankenbranche in Deutschland und Europa ist für uns ein wichtiges Thema“, schrieb er an seine Mitarbeiter.

Eine Chance böte eine Fusion für den Bankchef durchaus, glaubt Frommen: „Alle Ziele würden dann auf null gesetzt, man würde ganz neu anfangen.“

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