Bier contra Rotwein, Deutschland versus Italien: Ein Spiel sorgt für innerfamiliäre Spannung. Foto: factum/Bach

Wie ein deutsch-italienisches Paar das Halbfinale der Europameisterschaften am Samstagabend erlebt hat. Und warum das Sitzkissen unter dem südländischen Temperament zu leiden hatte.

Stuttgart - Meine Frau ist eine gute Gattin. Eigentlich. Obwohl sie sich für Fußball nicht die Bohne interessiert, überlässt sie mir den Fernseher so gut wie immer, wenn ich ein Spiel sehen möchte. Alle paar Jahre passiert es allerdings, dass sie nicht gleichgültig daneben sitzt und am Tablet herum fummelt, dass sie dem Geschehen im TV ihre ganze Aufmerksamkeit widmet und ihr Blutdruck von Minute zu Minute steigt. Immer wenn Deutschland gegen Italien spielt.

Meine Frau ist in Deutschland geborene Italienerin, und die Liebe zur Squadra Azzurra genetisch angelegt. Zudem betreibt sie einen Friseursalon und muss es sich „ewig anhören, wenn die Deutschen gewinnen“.

Seit feststand, dass es am Samstag zum erneuten Duell kommt, ging es im Laden zu, als würde dort der erste Schritt zum Sieg getan. Die Deutschen seien so gut, da sei für die Italiener diesmal leider nichts zu holen, ging mal wieder der Tenor. Meine Frau weiß wenig über Fußball, aber dass Italien bei diesen Turnieren stets gewinnt, das hat sie sich gemerkt.

In diesem Bewusstsein ist sie so entspannt, dass sie mit der kleinen Tochter erst nach einer halben Stunde Spielzeit von einem Sommerfest zurückkehrt. Als Stefano Sturaro kurz vor der Pause gefährlich vor dem deutschen Tor auftaucht, wähnt sie die Italiener auf dem richtigen Weg und geht mit dem Schlachtruf „Vai, vai!“ (Lauf, lauf!) erst mal Erdbeeren waschen. Dann übt sie mit der Siebenjährigen die italienische Hymne und erörtert mit ihr, warum der italienische Onkel heute wohl nicht mehr kommen wird, um hupen zu gehen („Das wird zu spät“). Das hatte der Kleinen nach dem 3:0 der Deutschen gegen die Slowakei so gut gefallen.

Mit Pilates gegen die Spannung

Als Özil das 1:0 macht und der Mann die Faust ballt, fällt die Südländerin aber in den Krisenmodus. Man merkt, dass sie das noch nie erlebt hat. Wann ist Deutschland schon mal gegen Italien in einem wichtigen Spiel in Führung gegangen? Flugs sucht meine Frau nach Erklärungen („Zu alt“) und nach Lösungsansätzen („Jetzt geh ich mal beten“). Stattdessen beginnt sie vor dem Fernseher mit Pilates und hält die Übung auf dem Pilates-Ball auch, als einem Italiener die Kugel verspringt. Bis Bonucci den Elfer versenkt. Die Gattin, die es mit Buffon hält und bei der Ausführung das Wohnzimmer verlässt, stürmt schreiend wieder herein: „Von mir aus dürft ihr das nächste Mal gewinnen, aber diesmal geht’s noch nicht.“ So langsam spüre ich, wie der Kampfgeist der Squadra entsteht. Die Verlängerung wird zur Nervenschlacht. Das Sitzkissen in Form eines riesigen Frosches wird malträtiert, dass mir anders wird.

Außerdem wird mir allmählich klar, dass Deutschland ein weiteres Mal nicht aus dem Spiel heraus gegen Italien gewinnen wird, sondern auf ein Elfmeterschießen angewiesen ist – eigentlich Rettungsanker offensivschwacher Teams wie Portugal. Das Töchterchen hatte schon in der Halbzeitpause gesagt, dass es 1:1 ausgehen soll, ich dagegen wünschte mir, dass Deutschland meine geliebten Italiener endlich mal so entzaubert wie es 2006 umgekehrt der Fall war. Stattdessen entscheidet die Lotterie, und meine Frau hüpft wie ein Tennisball aus dem Zimmer hinaus und wieder hinein.

Die Häme beginnt

Direkt nach dem Schlusspfiff schaltet sie auf einen Krimi auf RAI 4, ich bringe die Kleine ins Bett und schaue auf unserem alten TV im Büro die Jubelarien an. Weil die Große auswärts übernachtet, will die Kleine, dass ich bei ihr schlafe. „Das ist heute vielleicht auch besser so“, sagt meine Frau. Sie rüstet sich für die Häme, die ihr diese Woche im Salon vor die Füße gekippt wird. Los geht es schon am Sonntagmorgen mit der ersten SMS: „Bye, bye Italien . . .“ .

Das Halbfinale werde ich wohl auswärts anschauen, damit der Fußball nicht mehr zwischen uns steht. Schließlich verstehen wir uns blendend – eigentlich.

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