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Ihrem scheidenden Vorsitzenden Berthold Huber zollen Hunderte IG-Metaller minutenlang Beifall. Dagegen müssen sich die beiden neu-gewählten Vertreter an der IG-Metall-Spitze das Vertrauen der Delegierten erst erarbeiten: Sie fahren ein eher mäßiges Wahlergebnis ein.

Ihrem scheidenden Vorsitzenden Berthold Huber zollen Hunderte IG-Metaller minutenlang Beifall. Dagegen müssen sich die beiden neu-gewählten Vertreter an der IG-Metall-Spitze das Vertrauen der Delegierten erst erarbeiten: Sie fahren ein eher mäßiges Wahlergebnis ein.

Frankfurt - Berthold Huber sitzt zwischen Dieter Hundt und Sigmar Gabriel: So beginnt der 6. Außerordentliche Gewerkschaftstag der IG Metall (IGM) , bei dem sich Huber von der Spitze zurückzieht. Der Sitzplatz steht symptomatisch für die Rolle, die der 63-Jährige als Chef der mächtigen Industriegewerkschaft verkörpert hat: Huber war nicht auf Konfrontation aus, sondern auf Kompromisse, mit dem langjährigen Arbeitgeberpräsidenten Dieter Hundt ebenso wie mit SPD-Chef Sigmar Gabriel und anderen Politikern. Dabei war sich Huber der Unterstützung durch die Basis gewiss: Bei seiner Wiederwahl zum IGM-Vorsitzenden im Herbst 2011 bescherten ihm die Delegierten mit 96 Prozent Zustimmung ein Traumergebnis.

Detlef Wetzel, Hubers bisheriger Vize, verbucht beim Sprung an die Spitze nur 75,5 Prozent der Stimmen. Jörg Hofmann, bisher Bezirksleiter für Baden-Württemberg, wird mit knapp 78 Prozent zum neuen Stellvertreter der Bundes-IGM gewählt. Offenbar ist nicht mehr jeder an der Basis damit einverstanden, dass der Zweite automatisch auf den Ersten Vorsitzenden folgt. 333 Delegierte stimmen für, 108 gegen Wetzel. Das ist das zweitschlechteste Ergebnis für einen IG-Metall-Chef in der Geschichte der Organisation, Wetzels Vorvorgänger Jürgen Peters bekam 2003 nur zwei Drittel der Stimmen. Bei der Wahl zum Vize kommen unter 80 Prozent Zustimmung dagegen immer wieder mal vor – selbst Huber kam 2003 lediglich auf 67 Prozent Jastimmen. Damals herrschten in der IG Metall widersprüchliche Strömungen und die Mitgliederzahl sank.

Wie wichtig die Stimme der IG Metall ist, betonen sowohl Gabriel als auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): „Ich achte die Sozialpartnerschaft, ich halte sie für unerlässlich, und ich erachte sie als ein Erfolgsmodell Deutschlands“, erklärt Merkel. Was die Koalitionsgespräche angeht, verspricht die Kanzlerin Entgegenkommen bei den Themen Mindestlohn, Leiharbeit und Werkverträge, hingegen werde um den abschlagsfreien Renteneintritt nach 45 Beitragsjahren wohl „bis zur letzten Minute“ gestritten.

„Arbeit ist keine Ramschware“

Noch mehr Nähe demonstriert Gabriel: „Ich werde nichts unterschreiben, von dem die Gewerkschaften sagen, das ist nicht genug.“ Merkel wie Gabriel zollen Huber persönlich hohen Respekt. Ohne ihn hätte es in der Wirtschaftskrise 2008/2009 „keine Abwrackprämie, kein Konjunkturprogramm und keine Kurzarbeiterregelung gegeben“, so Gabriel. Indem der IGM-Chef dies bei der damaligen Großen Koalition durchgesetzt habe, hätte er Tausende Arbeitsplätze gerettet. Huber selbst ist insbesondere vom minutenlangen Applaus seiner Organisation sichtlich gerührt und lobt nicht nur Verbesserungen bei der Leiharbeit als Erfolg. Er spricht in seiner Abschiedsrede aber auch Unerreichtes an. Manchmal sei es nur gelungen, das Schlimmste zu verhindern, sagte der 63-Jährige. Seit Jahren werde Arbeit zunehmend entwertet. Huber appelliert: „Arbeit ist keine Ramschware. Ich erwarte, dass man Arbeit den Respekt und die Anerkennung entgegenbringt, die ihr gebührt.“

Dafür werden nun Wetzel und Hofmann kämpfen müssen. Der neue Vorsitzende wünscht sich, in einem Land zu leben, das nicht nur Exportweltmeister, sondern auch „Gerechtigkeitsweltmeister oder Bildungsweltmeister“ ist. Im obligatorischen Grundsatzreferat erklärt Wetzel die Gewinnung neuer Mitglieder zur vordringlichen Aufgabe, den Betrieb als vordringlichen Einsatzort: „Im Betrieb zeigt sich, ob wir die Hoffnungen und Wünsche unserer Mitglieder erfüllen. Was wir dort nicht hinbekommen, das werden wir auch in der Gesellschaft nicht durchsetzen.“ Zudem will er die betriebliche Mitbestimmung – etwa bei Werkverträgen und Verlagerungen – ausweiten und flexible Wahlmöglichkeiten zum Renteneintritt erreichen.

Neben Huber scheiden Bertin Eichler und Helga Schwitzer aus dem geschäftsführenden Vorstand aus. Für sie kommen Wolfgang Lemb, Erster Bevollmächtigter aus Erfurt, und Irene Schulz, Gewerkschaftssekretärin in Berlin-Brandenburg. Die IGM-Finanzen verantwortet Jürgen Kerner als Hauptkassierer.

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