Kuka-Roboter können dem Besitzer sogar einen Kaffee nach Wunsch zubereiten – die Domäne des Unternehmens sind bisher aber industrielle Anwendungen Foto: dpa

Der Roboterhersteller Kuka gilt als Sahnestück der deutschen Wirtschaft, und der Heidenheimer Maschinenbauer Voith ist sein größter Aktionär. Doch nun steigt das baden-württembergische Unternehmen aus und verkauft an einen chinesischen Investor.

Stuttgart/Augsburg - So ein schwäbischer Mittelständler denkt in langen Zeiträumen. Er hat es nicht nötig, sich von den Börsen treiben zu lassen. Und deshalb wirkte es wie von langer Hand geplant, als der schwäbische Anlagenbauer Voith am 3. Dezember 2014 bekannt gab, mit 25,1 Prozent beim Augsburger Roboterhersteller Kuka einzusteigen. „Wir haben erkannt, dass wir in der Mechanik stark sind“, erkläre Konzernchef Hubert Lienhard den Kauf der Papiere mit einem Börsenwert von 550 Millionen Euro. „Aber ohne das Liefer- und Leistungsspektrum von Kuka ist eine Industrie 4.0 nicht möglich.“ Voith sehe sich als „langfristiger Ankeraktionär“, erklärte Lienhard. “Wir denken da an Jahrzehnte.“

19 Monate später sind diese Jahrzehnte schon wieder vorbei. „Voith kann digitale Transformation beschleunigen“, lautet die knappe Überschrift einer Mitteilung, mit der das Heidenheimer Maschinenbauunternehmen den Ausstieg vom Einstieg bei Kuka begründet. Jetzt verkauft Voith sein Aktienpaket für rund 1,2 Milliarden Euro an den chinesischen Kühlschrank-, Waschmaschinen- und Klimaanlagenhersteller Midea und profitiert damit kräftig von dem satten Angebot der Chinesen, das Voith einen Börsengewinn von fast 700 Millionen Euro beschert. Angesichts eines Minus von 93 Millionen Euro im vergangenen Geschäftsjahr ist dies ein schöner Geldregen für die Heidenheimer. Man will zwar nicht an den Börsen spekulieren, Kasse machen aber schon. Das Engagement bei Kuka sei langfristig angelegt gewesen, durch das sehr hohe Übernahmeangebot aus China sei aber eine neue Situation entstanden, sagte ein Voith-Sprecher unserer Zeitung.

Doch wie kann Voith seine digitale Transformation erst durch den Einstieg beschleunigen und dann durch den Ausstieg noch schneller machen? Selbst hochkarätige Branchenkenner tun sich bisher schwer, dahinter eine unternehmerische Strategie jenseits der Gewinnmitnahme zu erkennen. „Voith war mit der Strategie, Maschinen internetfähig zu machen, ohnehin schon spät dran“, sagt ein renommierter Forschungsmanager. Mit dem Verkauf gewinne man zwar Geld, verliere aber noch mehr Zeit auf diesem Weg. Auch büße man mit den Kuka-Aktien den Zugang zu einem Unternehmen ein, dem sich jetzt ein hervorragender Zugang zum stark wachsenden Robotik-Markt öffne.

Die Robotik hat für die deutsche Wirtschaft strategische Bedeutung

Mit dem Rückzug der Schwaben haben sich auch Hoffnungen von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel endgültig zerschlagen, einen Verkauf des Roboterherstellers nach China abzuwenden. Denn auch wenn der Einstieg chinesischer Investoren bei deutschen Unternehmen fast schon zum Alltag gehört, zuckte die Politik beim Namen Kuka zusammen. Kurz vor der Übernahme-Offerte der Chinesen hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel dem US-Präsidenten Barack Obama stolz einen Kuka-Roboter gezeigt, der auf Berührungen durch den Menschen mit hoch sensiblen Sensoren reagiert und als Kollege eingesetzt werden kann. „Impressive – Beeindruckend“, sagte der US-Präsident, als der Roboter auf Merkels Berührungen reagierte.

Kuka ist ein Vorzeigeunternehmen, weil es als führend in der Entwicklung von Robotern gilt, die selbstständig Aufgaben übernehmen, sich digital mit Kunden, Lieferanten und sogar den zu bearbeitenden Teilen vernetzen können, die ihnen melden, wenn eine Maschine sie nicht gut behandelt hat. Sie erkennen, wenn es ihnen selbst nicht gut geht und bestellen rechtzeitig beim günstigsten Anbieter Ersatzteile. Die Robotik gilt als Schlüsselkompetenz, wenn es darum geht, amerikanischen Digitalkonzernen wie Google und Apple den Zugang in die Fabrikhallen zu verstellen. Die Handys dieser Welt haben sie bereits im Alleingang erobert, bei den Autos tobt der Konkurrenzkampf um die Frage, ob die Digitalkonzerne die Zulieferer der Autokonzern werden oder umgekehrt. Doch der Maschinenbau ist bisher noch die Domäne der Ingenieure, auch der deutschen. Gelingt es ihnen rechtzeitig, ihre Ingenieurskompetenz ins digitale Zeitalter zu transformieren, können sie die Googles in ihre Schranken weisen. Für die Maschinenbauer, aber auch für die eng mit ihnen verwobene Autoindustrie und für die Arbeitsplätze in Deutschland hängt davon eine ganze Menge ab.

Doch Gabriels Versuch, ein Gegenangebot zu organisieren, verlief im Sande. Kein Finger eines Wirtschaftskapitäns rührte sich, als er dazu aufrief, die Offerte aus China nicht einfach so stehen zu lassen. Auch nicht der des Chefs des Siemens-Konzerns Joe Kaser. Als er Mitte Juni im Schlepptau von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Nordosten Chinas unterwegs war, führte die Route auch in ein Industriemuseum in Shenyang, wo das Modell einer modernen Fertigungsstraße aufgebaut ist: Industrie 4.0 im Kleinformat. Zur Ausstellung gehören auch die orangefarbenen Roboterarme von Kuka. Ob sein Unternehmen daran auch beteiligt sei, will die Kanzlerin von Kaeser wissen. „Fragen Sie mal, von wem die Steuerungen sind“, sagt Kaeser. Aus den chinesischen Reihen kommt die Antwort: Von Siemens. Kaeser nickt zufrieden. So entsteht das Bild von Kuka als mittelständischem Eisenbieger. Tatsächlich aber kam die Steuerung der Kuka-Roboter, die Merkel im Museum von Shenyang gesehen hat, von Kuka selbst, beteuert ein hochrangiger Kuka-Vertreter. Bei so viel prallem Selbstvertrauen der Industriekapitäne wundert es kaum, dass Gabriel diesen mit seinem Anliegen nicht einmal ein müdes Lächeln ins Gesicht zaubern konnte.

Schwieriges Verhältnis zu einer hippen Tochtergesellschaft

Doch nicht nur zu Siemens pflegt Kuka seither gestörte Beziehungen. Auch eine 45-Prozent-Beteiligung von Kuka und seinen Führungskräften bereitet den Augsburgern nur noch begrenzt Freude. Das Unternehmen KBee, unter anderem gegründet von dem ebenso extravaganten wie genialen Ingenieur Sami Haddadin, hätte seinem Großaktionär auf der Hannover-Messe beinahe die Schau gestohlen – mit der Roboterdame Franka Emika, die sich innerhalb von drei Minuten selbst zusammenbauen kann.

Ihr Vater Haddadin hat sich der Vision verschrieben, das iPhone der Robotik zu erfinden: Massentaugliche Hochtechnologie, für deren Bedienung man keine Programmierkenntnisse benötigt. Kuka gilt als digitaler Schrittmacher der Industrie, KBee als Schrittmacher von Kuka. Das aber schafft auch Probleme. Nicht alle Kuka-Leute sind davon begeistert, von Haddadin in den Schatten gestellt zu werden.

Um das Verhältnis zwischen den beiden Unternehmen scheint es ohnehin nicht zum Besten zu stehen. Darauf deutet eine Klage vor dem Landgericht München I hin, die KBee gegen Kuka angestrengt hat. Über den Inhalt hüllen sich beide Seiten in Schweigen. Kuka jedenfalls will sich mit dem Ansinnen nicht abfinden. „Die Klage ist unbegründet, wir werden Klageabweisung beantragen“, sagte eine Sprecherin unserer Zeitung. Klein beigeben wird Haddadin so schnell aber nicht.

Eine Kostprobe seines Selbstbewusstseins gab der Robotikprofessor, der einst Europas beste Doktorarbeit auf diesem Gebiet geschrieben hatte, im Juni vor erlauchten Gästen am Vorabend der Roboter-Messe „Automatica“ in München. Auf die Nachfrage der bayerischen Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner, an welcher Universität Haddadin denn lehre, erwiderte dieser nach den Worten eines Teilnehmers: „An der Uni in Hannover, weil die Bayern zu langsam sind.“ Die Ministerin sei kurz davor gewesen, dem Professor das Wort abzuschneiden. Die Robotik-Experten werden noch eine Zeitlang brauchen, bis es unter ihren Geschöpfen genauso menschelt wie bei ihnen selbst.

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