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Christian Gross (55) löst beim VfB Stuttgart Markus Babbel als Trainer ab. Der Neue will den Verein mit harter Hand nach oben führen.

Stuttgart - Christian Gross (55) löst beim VfB Stuttgart Markus Babbel als Trainer ab. Der Neue will den Verein mit harter Hand nach oben führen.

Nein, es war nicht der Nikolaus, der an diesem 6. Dezember 2009 Markus Babbel als VfB-Trainer ablöste. Schon äußerlich gibt es da überhaupt kein Vertun: Statt eines wallenden Rauschebarts bevorzugt Gross einen Haarlos-Look. Dass manch einer der VfB-Profis nun auch sportlich eine Glattrasur befürchtet, liegt an dem Ruf, der Christian Gross wie ein Donnerhall vorauseilt. Der Neue gilt unter den Schweizer Trainern als absoluter Fachmann, aber auch als furchtloser, knallharter und reichlich kompromissloser Zeitgenosse. Mit dem FC Basel hat er zwischen 1999 und 2009 acht Titel und zwei Champions-League-Teilnahmen geholt. Als ihm Gigi Oeri, die Präsidentin, dann im Mai trotzdem den Stuhl vor die Tür stellte, weil der Verein den neuerlichen Titelgewinn verpasste und nur Meisterschaftsdritter wurde, wünschte sich Gross zum Abschied im St.-Jakob-Park sein Lieblingslied von Bruce Springsteen. Titel: "Tougher than the Rest" (Härter als der Rest). Das spiegelt sein Trainerideal wider, das er so beschreibt: "Man muss tough sein in diesem Geschäft - cool und hart sich selbst gegenüber, ohne den Mitmenschen zu verletzen."

Ab sofort, so viel ist sicher, weht ein anderer Wind auf dem Cannstatter Wasen. In Basel jedenfalls sollen die Spieler erst mal erleichtert Luft geholt haben, als der kollegiale Ex-Bayern-Profi Thorsten Fink das Kommando übernahm. Gross war über die Jahre immer autoritärer geworden. Einen Führungsspieler, der das Gespräch mit ihm suchte, soll er umgehend aus seiner Trainerkabine geworfen haben: "Ich muss nicht mit Ihnen sprechen." Dabei kam er ausgerechnet mit den Yakin-Brüdern Murat (Grasshoppers) und Hakan (Basel) gut klar - beide Ex-VfB-Profis gelten als nicht gerade pflegeleicht. Gross siezt alle Spieler, er ist nicht für einen übermäßig großen Humor bekannt - aber er hat ein großes Plus, das klar für ihn spricht: Er überzeugt mit seinen sportlichen Erfolgen. In Grasshoppers Zürich und im FC Basel prägte er die beiden besten Schweizer Vereine der letzten 15 Jahre.

Dass dennoch Zweifel an seiner Befähigung aufkommen, den VfB aus dem Keller der Fußball-Bundesliga zu führen, liegt zum einen an ihm selbst - sein bisher einziges Engagement im Ausland gipfelte 1997 bei Tottenham Hotspur nach nur einer Saison in der gegenseitigen Trennung. Danach stand er bei zahlreichen Bundesligavereinen auf der Wunschliste, doch Gross nahm keines der Angebote an - auch deshalb, weil er sich ein neues Abenteuer in der Fremde nicht zutraute? Denn zum anderen hatte noch kein Schweizer Trainer bei einem deutschen Spitzenverein richtig viel Erfolg. Die Ausnahme war Helmut Benthaus, der den VfB Stuttgart 1984 zum Deutschen-Meister-Titel führte.

Das verlangt von Christian Gross beim VfB kein Mensch. Vorerst genügt es vollkommen, wenn er die Roten aus der Gefahrenzone der Bundesliga führt. Ein Meistertrainer als Feuerwehrmann? Kein Problem für Gross: "Ich bin ein sehr zielstrebiger Mensch. Ein Ziel kann darin bestehen, einen Titel zu gewinnen, aber auch den Abstieg zu verhindern. Primär ist es mir wichtig, einen Verein zu trainieren, bei dem es um etwas geht und bei dem ich etwas bewegen kann." In der Grauzone der Tabelle fühlt er sich unwohl: "Da ziehe ich es vor, eine Mannschaft wie Tottenham zu trainieren, mit der ich in England gegen den Abstieg gekämpft habe. Das sind die wirklich spannenden Aufgaben, so werden Stadien gefüllt."

Als er das sagte, hat er noch keinen Gedanken an den VfB verschwendet, jetzt ist er mittendrin.

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