Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Mitte) im Gespräch mit Mitarbeitern. Foto: dpa/Silas Stein

Nachdem er Zeuge eines folgenschweren Autounfalls wurde, wirkt der Regierungschef auf Beobachter noch ernster als sonst. Corona wirft für ihn Grundsatzfragen für das Zusammenleben auf.

Stuttgart - Nun reist er also doch wieder durchs Land, Verkehrsunfall hin, Schwerverletzte her: „Ich muss ja, das gehört zu meinem Job“, sagt Ministerpräsident Winfried Kretschmann am Mittwoch, nachdem er tags zuvor noch einen Gang zurück geschaltet hatte. Die „Sommertour“, ein Potpourri von Terminen zum Thema gesellschaftlicher Zusammenhalt, lässt sich nicht einfach absagen.

In Waldenbuch bei Böblingen warten zum Beispiel die Leute vom Museum für Alltagskultur auf ihn, um vorzuführen, wie sie in Zeiten von Corona die Besucher einbinden. Und draußen im Schlosshof warten ein paar fidele Touristinnen, die lachend ein Selfie mit dem Regierungschef fordern.

Erfahrungen im Museum

Kretschmann macht das alles mit. Doch die Bilder von der Regennacht auf der A 81 lassen ihn offenbar nicht los. Er habe das schwer verletzte Mädchen gesehen, sagt er am Rande, ein Polizist hat es aus dem Auto gerettet, das mit dem Heck gegen eine gepanzerte Limousine seines Trosses geprallt war. Kurz zuvor war sein eigener Dienstwagen leicht havariert am Autobahnrand zum Stehen gekommen. „Wenn man Enkel hat wie ich, ist die Emotionalität noch mal anders“, sagt er.

Ein Dauer-Lächler war der 72-Jährige noch nie, doch seit dem Unfall scheint er noch mehr in sich gekehrt. „Er ist nicht so wie sonst“, sagt Fraktionsvize Thekla Walker, die ihn als Böblinger Abgeordnete in Waldenbuch begleitet. Doch im Grunde hat der dortige Termin ja ein ähnliches Thema: Wie man trotz Widernissen – in diesem Fall Corona – den Alltag bewältigt. „Das Mitteilungsbedürfnis unserer Besucher ist groß, das zeigt sich an den vielen Kommentaren“, sagt Astrid Pellengahr, die Leiterin des Landesmuseums Württemberg, zu dem die Waldenbucher Außenstelle gehört.

Der Gast liest, fragt nach und überreicht der Museumschefin schließlich ein Exemplar des Kinderbuchs vom „Grüffelo“. Das ist der Name eines Ungeheuers, das zunächst nur in der Fantasie einer Maus existiert, dann aber zur Realität wird. Kretschmann mag die Fabel, er hat sie schon in einem Kindergarten vorgelesen und ein Internet-Video darüber drehen lassen. „Die Figur lehrt uns, wie man mit Angst umgeht“, sagt Pellengahr – und der Regierungschef nickt.

Neigungstermin im karierten Hemd

Kretschmann hat schon öfter deutlich gemacht, dass er in Corona mehr sieht als nur die Herausforderung zum praktischen Krisenmanagement. Die Pandemie wirft für ihn existenzielle Fragen auf – und denen will er nicht zuletzt auf der „Sommertour“ nachspüren: „Die entscheidende Frage wird sein: Lernen wir, dass wir zur Bewältigung solch großer Probleme an einem Strang ziehen müssen?“ Dass die Antworten untrennbar mit Naturschutz und Nachhaltigkeit zu tun haben, versteht sich bei einem Grünen von selbst.

Die weiteren Termine dieses Tages sind also mit Bedacht ausgesucht – zum Beispiel der Besuch beim Start-up „ajaa!“ in Filderstadt. Das Unternehmen stellt Teller, Becher und andere Haushaltswaren aus Zuckerrohr her und ist auch sonst betont nachhaltig unterwegs – was Kretsch­mann mächtig imponiert. „Die Menschheit braucht grüne Produktlinien, und wir im Land müssen zeigen, dass man es nicht nur muss, sondern auch kann.“

Und dann steht an diesem Mittwoch noch ein waschechter Neigungstermin an. Das zeigt sich schon daran, dass der Ministerpräsident am Ortsrand von Filderstadt nicht mehr im schwarzen Anzug, sondern im karierten Hemd und Jeans aus dem Mercedes steigt. Im Auto hat er sich umgezogen.

Beim Wiesenspaziergang lässt er sich dort von Lust und Leid des Streuobstanbaus berichten – von alten Sorten, Misteln und der richtigen Baumpflege. Manche der Gastgeber fürchten schon, der studierte Biologe werde nun fachsimpeln und sie über dies und das belehren. Doch Kretsch­mann schweigt und hört zu.

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