Bier, Bier und nochmals Bier. Während der EM gab es Bier aus aller Herren Länder. Foto: privat

Wenn jede Stunde eine Geschichte erzählt, hat der Tag 24 Geschichten. Eben diese erzählen wir in einer Serie. Von 1 bis 2 Uhr hocken wir in der Vaihinger Bierkneipe Maulwurf und schauen, wer sich dort kurz vor der Sperrstunde sonst noch so tummelt.

Vaihingen - Während es in der Innenstadt mit dem Nachtleben gerade erst losgeht, wirken die Stadtbezirke auf den Fildern an jenem Freitagabend wie ausgestorben. Vaihingen macht da keine Ausnahme. Doch an einem Haus an der Möhringer Landstraße brennt noch Licht: das Reklameschild mit der Aufschrift „Maulwurf“. Was erwartet einen zu so später Stunde in der Kneipe mit dem rustikalen Namen? Elendsalkoholismus am Tresen, so viel sei vorweggenommen, ist es jedenfalls nicht. Im Gegenteil.

Genau genommen gibt es nicht einmal einen richtigen Tresen im Maulwurf. Aufhalten darf sich, abgesehen vom Personal, niemand dort, wo die Getränke zusammengebraut werden – mit Ausnahme von einem Marihuana rauchenden Jesus, Bob Dylan und Mick Jagger, die in ihren Bilderrahmen hängen und das Treiben beobachten.

Hipsterfreie Zone

Das Szenario ist auf den ersten Blick nicht ganz leicht einzuordnen. Hipster gibt’s hier jedenfalls keine, dafür sind aber Cordhose mit T-Shirt problemlos kombinierbar, wie ein Stilpionier auf einem der Hocker an den Stehtischen beweist. Maximilian Zeh, der aufmerksame Kellner, trägt auch keinen Herrendutt, sondern einen klassischen Zopf, wie ihn viele Freunde von Metal-Musik tragen. Auch wenn das Etablissement sicher nicht als besonders modern und urban zu verkaufen ist: An Publikumsverkehr mangelt es dem Maulwurf nicht, kaum ein Platz, der nicht besetzt ist. In der Raucherzone rechts vom Eingang findet sich nahe einer jungen Mädchengruppe dann doch noch einer.

Der Kellner Maximilian Zeh wagt einen Erklärungsversuch, warum der Maulwurf, etwas ab vom Schuss gelegen, so gut besucht ist. „Wir haben uns über die Jahre viel Stammkundschaft aufgebaut“, sagt er. Und von diesen treuen Gästen kommen nicht alle aus der unmittelbaren Umgebung. „Außerdem sind wir ein beliebter Treff zum Fußballgucken“, fügt Zeh hinzu. Das ist unschwer zu erahnen: Die halbe Decke hängt voll mit Vereinswimpeln, vor allem vom VfB Stuttgart, aber auch von Vereinen, die gewissen Kultstatus genießen – wie etwa der FC St. Pauli. Im Maulwurf, sagt Zeh, werden alle wichtigen Spiele der Bundesliga, internationaler Fußball und natürlich alle Begegnungen des VfB gezeigt.

FC Bayern ist verboten

Nur Spiele mit der Beteiligung des FC Bayern München flimmern unter keinen Umständen über die Leinwand – es sei denn, die Bayern spielen gegen Stuttgart. So will es Andreas Göz, der Chef, der nicht viel für den Rekordmeister übrig hat. Dafür hat er ein Faible für Bier. „Wir haben gerade Weizenbierwochen“, erklärt Zeh, da der Chef an diesem Abend nicht da ist. „Und zur Fußball-EM hatten wir aus jedem Teilnehmerland eine Biersorte im Angebot.“

Die Mädchengruppe am Nebentisch wird aber wohl kaum wegen Fußball und der Biervielfalt hergekommen sein. Was also ist ihre Motivation? Warum sind sie nicht, wie so viele andere junge Frauen ihres Alters, zum Beispiel in einem Club in der Innenstadt zum Tanzen? Patricia Lohr lacht. „Wir haben schon den ganzen Abend getanzt. Jetzt ist es schön, mal zu sitzen“, sagt die 24-Jährige, die kaum geschminkt ist und wie die anderen am Tisch auf den ersten Eindruck etwas jünger wirkt, als sie ist. Patricia Lohr und ihre Begleiterinnen entpuppen sich nämlich als auszubildende Musical-Darstellerinnen der Jungen Akademie Stuttgart (JAS), die direkt vom Tanzunterricht kommen.

Amy Winehouse aus den Boxen

Aber ist der Raucherbereich in einer Kneipe für Musicalnachwuchs denn der passende Ort? „Ach, hier darf nicht überall geraucht werden?“, fragt Patricia Lohrs Freundin Jessica Lobardi erstaunt. Die 27-Jährige aus Stuttgart-Ost stört sich nicht daran, temporär Zigarettenrauch ausgesetzt zu sein. Selbst zum Glimmstängel greifen würde sie allerdings nie: „Wenn man selbst gut singen will, ist das wirklich nicht zu empfehlen“, sagt sie.

Im Hintergrund läuft Musik der britischen Sängerin Amy Winehouse. Die Künstlerin hatte weniger Berührungsängste mit Suchtmitteln, was 2011 seinen traurigen Höhepunkt fand, als sie aufgrund einer Alkoholvergiftung mit 4,16 Promille starb. Davon ist Jessica Lobardi, die ein Radler trinkt, weit entfernt. Der kiffende Jesus, die verruchten Lieder der Amy Winehouse – die kultige Kneipe erscheint am Ende womöglich wilder zu sein, als sie es in Wahrheit ist. Denn um 2 Uhr sind auch hier die Schotten dicht.

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Die Geschichten der 24-Stunden-Serie bündeln wir auf www.stuttgarter-zeitung.de/thema/24-Stunden-Serie und www.stuttgarter-nachrichten.de/thema/24-Stunden-Serie.

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