Robert Habeck und die Grünen Ein Philosoph mit Machtinstinkt auf dem Weg nach oben

Von Bärbel Krauß 

Robert Habeck  (Mitte) auf einer Wahlparty in München nach der Landtagwahl in Bayern. Foto: AFP
Robert Habeck (Mitte) auf einer Wahlparty in München nach der Landtagwahl in Bayern. Foto: AFP

Noch nie standen die Grünen so hoch im Kurs. Dieser Erfolg hat viele Väter. Parteichef Robert Habeck ist einer davon. Was sein Erfolgsgeheimnis ausmacht? Eine Spurensuche im Porträt.

Berlin - Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Bündnis 90/Die Grünen!“ Mehr sagt Robert Habeck nicht, aber das Ausrufezeichen kann man deutlich hören. Was vom rot-grünen Projekt heute noch übrig sei, lautet die Frage. Zwanzig Jahre ist es her, dass Sozialdemokraten und Grüne nach der ewig scheinenden Regierungszeit des CDU-Einheitskanzlers Helmut Kohl begannen, nicht alles anders, aber manches besser zu machen, wie es die Sozialdemokraten im Wahlkampf 1998 versprochen hatten.

Es war das erste und es blieb das einzige Mal, dass die beiden Parteien im Bund gemeinsam regierten. Dass sich das mal wieder ändert? Hört man Robert Habeck 20 Jahre später zu, wird zumindest eines klar: Er hat die Sozialdemokraten abgeschrieben.

Die SPD schreibt Habeck ab

Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung hat zu diesem Anlass zu einer Veranstaltung mit dem damaligen Ich-bin-der-Koch-und-ihr-nur-Kellner-Kanzler Gerhard Schröder (SPD), dem grünen Ex-Umweltminister Jürgen Trittin und den amtierenden Chefinnen der beteiligten Parteien Andrea Nahles (SPD) und Annalena Baerbock geladen.

Beim Rückblick auf die alten Zeiten, die nach 13 Jahren mit Angela Merkel als Kanzlerin auch schon unfassbar lang her wirken, sitzt Habeck nicht auf dem Podium. Aber jetzt in der Pressekonferenz erlebt man mit ihm einen ganz und gar ungewöhnlichen Moment.

Im Normalfall bevorzugt der Mann mit den weichen Gesichtszügen, dem charmant-ernsten Blick, der sorgengefurchten Stirn und der immer leicht verwuschelten Stoppelfrisur leisere Töne. Sogar wenn Habeck in seiner nordisch-nuscheligen Redeweise erklärt, dass Horst Seehofer als Bundesinnenminister nun wirklich nicht mehr haltbar sei, schickt er ein paar freundliche Sätze voraus: dass der CSU-Mann einer der erfahrensten Bundespolitiker sei und Habeck ihn im Bundesrat kennen- und schätzen gelernt habe als „einen Politiker mit klugem und gefühlvollem Blick auf die Bedürfnisse der Menschen“.

Grüne Kanzlerschaft nicht ausgeschlossen

Jetzt aber der brutale Befund: Die SPD sei quasi schon nicht mehr da. Das ist nicht nett, wo doch die Genossen gen Abgrund schlittern, während die Grünen die SPD bei den jüngsten Landtagswahlen komplett in den Schatten gestellt haben. In Bayern sind sie nun annähernd doppelt so stark wie die Genossen. Im einst roten Hessen sind sie gleichauf mit der SPD durchs Ziel. Bundesweit liegen die Grünen in den Umfragen auf Platz zwei. Am kommenden Wochenende wollen die Grünen auf ihrem Bundesparteitag in Leipzig mit der Europawahl 2019 den nächsten Coup vorbereiten.

Inzwischen kann sich nicht nur der Urgrüne Daniel Cohn-Bendit nach den Erfolgen der vergangenen Zeit vorstellen, dass Habeck eines Tages Bundeskanzler werden könnte. Laut einer Umfrage sehen das derzeit 22 Prozent der Deutschen auch so. Sie mögen den Mann, der so unangepasst und frisch wirkt, so konziliant und respektvoll.

Die Grünen sind regierungswillig

Keine Frage, mit Winfried Kretschmann, Cem Özdemir oder dem „Außen-Minister–innen-Grün“-Vizekanzler Joschka Fischer hatten die Grünen auch vor dem Aufstieg Robert Habecks populäre Führungsfiguren mit Ausstrahlung in ihren Reihen. Aber Habeck hat am aktuellen Höhenflug der Grünen einen besonderen Anteil.

Das gilt, obwohl die Partei derzeit vieles erntet, was sie schon vor Habecks Aufstieg erarbeitet hat: Dass sie regierungswillig und verantwortungsbereit ist, haben die Grünen mit der Jamaika-Anbahnung bewiesen. Das hebt sich positiv ab von der Flucht der FDP vor dieser Koalition und vom ewigen Leiden der SPD an ihren eigenen Regierungserfolgen.

Außerdem regieren die Grünen in den Ländern in unterschiedlichsten Bündnissen geräuschlos und verlässlich. Nicht zuletzt punkten sie damit, dass sie sich klar von der AfD abgrenzen. Habeck und Baerbock haben noch etwas anderes geschafft: den internen Flügelstreit zu beenden.

Spätberufener und Senkrechtstarter

Es ist gerade mal gut neun Monate her, dass Habeck neben seiner Co-Vorsitzenden den Spitzenjob bei den Grünen übernommen hat. Bundesweite Aufmerksamkeit erregte der Vater von vier Söhnen erstmals, als er die Kanzlerin in der Frühphase der Jamaika-Sondierungen mal salopp „die Chefin“ nannte und damit alle Lacher auf seiner Seite hatte. Vorher war er an der Küste Energie-, Agrar- und Umweltminister und Vizeministerpräsident.

Bei den Grünen hatte er sich republikweit als Herausforderer Cem Özdemirs im Kampf um die Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl einen Namen gemacht. Nur 75 Stimmen lag der Norddeutsche damals bei der Urwahl hinter dem Schwaben. Aber erst seit der „Chefinnen-Episode“ kennt man den 49-Jährigen bundesweit, auch weil er Dinge „krass“, „geil“ oder „cool“ findet, das übliche sperrige Politvokabular meidet und rhetorisch sein Image als Intellektueller, Schriftsteller und Philosoph, der er vor seinem – späten – Wechsel in die Politik war, konsequent pflegt.

Ausgeprägter Machtinstinkt

2002 und damit mehr als zwanzig Jahre nach seinem Vorgänger und Generationsgenossen Cem Özdemir kam Robert Habeck erst zu den Grünen. Da gehörte die Partei längst zum Establishment. 2004 war Habeck schon Landesparteichef in Schleswig-Holstein. Beim Einzug in den Landtag 2009 stieg er aus dem Stand zum Fraktionschef auf, 2012 folgten Ministerwürden. Seinen Vorgängern hat der „Spiegel“ stete „Gefechtsbereitschaft“ attestiert, und da ist viel Wahres dran. Doch Habeck ist nicht im Kampfzustand.

Im Gegenteil: Er breitet die Arme aus, um alle zu umarmen, die sowieso grün oder aber vom politischen Angebot der Konkurrenz links oder rechts frustriert sind. Habeck kann lange, moralisch-philosophisch-gesamtdemokratisch aufgeladene Sätze formulieren.

Klopft man sie auf ihre konkrete politische Bedeutung ab, findet man wenig Großes, manchmal Banales, oft Widersprüchliches, ab und an gar nichts und nur selten Klarheit. Dass das intellektuell angehauchte Reden einen ausgeprägten Machtinstinkt camoufliert, ist dabei ein nützlicher Nebeneffekt. Wofür er genau steht? Das ist so schwer auszumachen wie Habecks Politikmethode zu beschreiben.

Robert Habeck ist kein Rock’n Roller

Ein Rock-’n’-Roller, wie Joschka Fischer sich bei seinem Abschied aus der Politik selbst bezeichnet hat, ist Habeck trotz seines kurzen Versuchs beim Stage­diving von der Bühne nach der Bayernwahl jedenfalls nicht. Am ehesten kommt einem beim Nachdenken über ihn ein alter Song in den Sinn, den France Gall in Habecks Geburtsjahr 1969 gesungen hat: „Ein bisschen Goethe, ein bisschen Bonaparte, so sieht er aus, der Mann, auf den ich warte“, sang die französische Schlagersängerin damals.

Der Habeck von heute ist als Politiker eine Art Gesamtkunstwerk. Von den Philosophen borgt er sich den Tiefsinn, mit Obamas „Yes we can“-Zuversicht will er das Klima retten, durch Anleihen bei Emmanuel Macrons En-Marche-Bewegung die Volksparteien im Allgemeinen und die SPD im Besonderen überholen. Bei der Kanzlerin hat er sich eine dicke Scheibe rhetorisch-politischer Unschärfe abgeschnitten. Dass er seiner Partei gerne und oft attestiert, sie liefere radikale Antworten auf radikale Veränderungen in der Wirklichkeit, ist einer der Widersprüche, die ihm derzeit keiner ankreidet.

Denn tatsächlich zeigten sich die Grünen beim Kohleausstieg und Verbrennungsmotor in den Jamaika-Gesprächen früh kompromissbereit. Und wenn Habeck überhaupt je radikale Politik gemacht hat, dann hat er radikal konsens- und kompromissorientierte Realpolitik gemacht. Ob seine Anziehungskraft mehr ist als eine Projektionsfläche für vagabundierende Politsehnsüchte, muss sich zeigen, wenn der grüne Höhenflug in den Umfragen mit konkreten Inhalten unterfüttert wird.

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