Er liebt das Spiel mit der Kamera: Brian De Palma 2015 in Venedig Foto: dpa/Ettore Ferrari

Spektakuläre Filme wie „Carrie“ und „Mission: Impossible“ hat Brian De Palma erschaffen. An seinem 80. Geburtstag blickt er auf ein Werk zurück.

Stuttgart - Er sehe sich mehr als „visuellen Stilisten“ denn als Geschichtenerzähler, hat Brian De Palma einmal gesagt. Oft gingen Bilder und Inhalt zusammen, besonders wenn es Schauspielern gelang, seine ausgeklügelte Kameraarbeit mit prallem Leben aufzuladen.

Eine spektakuläre Szene eröffnet „Carlito’s Way“ (1993): Die Kamera dreht sich um das Bild der trauernden Gail (Penelope Ann Miller) um 180 Grad auf den Kopf, um dann um 180 Grad nach unten wegzuschwenken und auf Al Pacinos Gesicht zu landen, der als angeschossener Ex-Gangster vor ihr auf einer Trage liegt. Carlito, ein liebenswerter Romantiker, möchte sich zur Ruhe setzen, wird aber von seiner Vergangenheit eingeholt. Dabei ist der Film erfüllt von Hoffnung, vom Alles-ist-möglich-Geist, während Joe Cocker „You’re so beautiful“ singt, und es klingt, als meine er das Leben selbst.

Er zeigte Sex und Gewalt auf verstörende Art

Ganz anders war Pacino in „Scarface“ (1983) aufgetreten, dem Remake eines Gangsterfilms von Howard Hawks von 1932. De Palma verlegte die Handlung von Chicago nach Miami, die ambivalente Hauptfigur Tony Montana sucht zwischen Drogen und Gewalt den amerikanischen Traum, der im Drehbuch von Oliver Stone mit Gier und Macht verbunden ist. „Scarface“ wurde zur viel zitierten Ikone der Popkultur.

Ein wichtiger Einfluss für De Palma war Alfred Hitchcock. Der konnte in seinen Filmen oft nicht zeigen, was er wollte, weil der seit bis 1967 gültige Hays Code nur „moralisch akzeptable Darstellungen“ von Gewalt und Sex zuließ. De Palma konnte alles auf andere, verstörende Weise zeigen, aufgeladen mit heftigen Emotionen, was ihm in den USA Kritik und Überschriften wie „The Brutalist“ einbrachte – aber auch jede Menge Huldigungen: Quentin Tarantino preist ihn als Vorbild.

Er interpretierte „Psycho“ neu

Als Pionier der politisch aufgeladenen „New Hollywood“-Bewegung, zu der auch Martin Scorsese und Francis Ford Coppola gehörten, verwendete De Palma in seinem Debüt „The Wedding Party“ (1963/69) mit dem jungen Robert De Niro „Jump-Cuts“, Auslassungen, wie sein damaliges Vorbild Jean-Luc Godard in „Außer Atem“ (1960). 1969 gewann De Palma mit seiner Vietnamkriegs-Satire „Greetings“ – erneut mit De Niro – einen silbernen Berlinale-Bären. Sein Film noir „Blow out“ (1981) mit John Travolta war eines der letzte New Hollywood-Werke, in dem er Francis Ford Coppolas „Der Dialog“ (1974) und Michelangelo Antonionis „Blow up“ (1966) zitierte. Der Verschwörungs-Thriller fiel beim Publikum durch: Für die 80er war er zu satirisch, zu zynisch gegenüber Filmen wie „Indiana Jones“ (ebenfalls 1981). Heute gilt „Blow out“ wegen seiner visuellen Kraft als Kultfilm.

De Palma betätigte sich oft als meisterhafter Neu-Interpretierer. In „Dressed to kill“ (1980) trieb er mit exakt den selben Zutaten wie Hitchcock dessen „Psycho“ auf die nächste Stufe, einschließlich der „Suspense“: Wenn Angie Dickinson durchs Museum irrt und Nancy Allen in der U-Bahn vor einem Killer flieht, herrscht Hochspannung. Der legendäre Kinderwagen, der in Sergej Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ (1925) beim Matrosenaufstand eine Treppe hinunterrollt, taucht in De Palmas Gangster-Thriller „The Untouchables“ (1987) in der Schluss-Schießerei in Zeitlupe wieder auf. Hier nimmt es Kevin Costner als FBI-Agent im Chicago des Jahres 1930 mit dem Gangster Al Capone (Robert De Niro) auf und mit einer korrumpierten Polizei. Unterstützt wird er nur von ein paar Freaks, darunter Sean Connery in einer Oscar-prämierten Darbietung als Mentor mit Schattenseiten. David Mamets Drehbuch spielt in einer Grauzone, die schließlich auch die Helden verschluckt.

Ein Einfluss für Christopher Nolan

Ein virtuoses Spiel mit Splitscreens zeigte De Palma in „Sisters“ (1973), einem Psycho-Horror-Thriller über ein Model mit mörderischer Zwillingsschwester: Opfer, Täter und Polizisten sind da in parallelen Handlungen nebeneinander zu sehen, Schuss und Gegenschuss durch gegenüberliegende Fenster. Der Regisseur nützte diese Technik auch in seinem ersten Kinohit, der Stephen King-Verfilmung „Carrie“ (1976). Die junge Sissy Spacek spielt darin ein Mobbing-Opfer mit telekinetischen Fähigkeiten, das an der Highschool ein Blutbad anrichtet, nachdem sie durch alle Verwirrungen gegangen ist, die ein Film übers Heranwachsen braucht.

Wie Tarantino dürfte De Palma auch Christopher Nolan („Inception“) inspiriert haben, etwa mit dem Psycho-Thriller „Raising Cain“ (1992), in dem John Lithgow sehr verstörend als multiple Persönlichkeit auftritt. Oder mit „Mission: Impossible“ (1996), einem sagenhaft verrätselten Thriller, der den Agenten Ethan Hunt (Tom Cruise) als ernsthaften James Bond-Rivalen etabliert hat. Auch darin zaubert der Regisseur: In einem aus Aquarien bestehenden Restaurant in Prag bringt De Palma da die Köpfe von Hunt (Tom Cruise) und dessen verräterischem Chef Kittridge (Paul Czerny) im Gegenschnitt in irritierende Schräglage und unterstreicht dadurch visuell, wie ihr Disput eskaliert – ehe Hunt das Glas der Behälter zum Bersten bringt, um sich zu retten.

Wie meistens bei De Palma war in diesem Film fast alles echt: Er drängte Cruise, der die meisten Stunts selbst machte, auch zu dieser Szene – obwohl er dabei hätte ertrinken können. Der Star hatte „Mission: Impossible“ selbst produziert und machte daraus mit anderen Regisseuren eine der erfolgreichsten Filmreihen aller Zeiten. Die Basis dafür hat Brian De Palma gelegt, der am 11. September 80 Jahre alt wird: Durch seine beharrliche Drehbucharbeit mit mehreren Autoren, vor allem aber durch seine brillante Kamerakunst.

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