Artur Brauner: Als Starthilfe diente ihm 1946 der Nerzmantel der Schwiegermutter. Foto: dpa

Der deutsche Filmproduzent Artur „Atze“ Brauner ist tot. Er starb am 7. Juli in Berlin im Alter von 100 Jahren. Einst war er einer der Unterhaltungskönige des Nachkriegskinos. Doch der Holocaust-Überlebende hat dem Publikum immer wieder auch Ernstes zugemutet. Lesen Sie hier unsere Würdigung des Schaffens Atze Brauners, die wir an seinem 100. Geburtstag am 1. August 2018 veröffentlicht hatten.

Berlin - Dass er mal stolz bilanzieren könne, von den vielen Filmproduktionsgesellschaften, die im Trümmer- und Wiederaufbaudeutschland entstanden, sei seine als einzige übrig – nein, so kühn hat wohl auch der Produzent Artur Brauner nicht geträumt. So wenig wie von einem bei geistiger Regsamkeit begangenen hundertsten Geburtstag.

Aber nun feiert der von Freund und Feind nur„Atze“ Braunergenannte, am 1. August 1918 geborene Produzent den großen Geburtstag. Und seine Firma, die CCC (Central Cinema Company) existiert unter Leitung seiner Tochter Alice Brauner noch immer. Derzeit floriert vor allem die Vermietung der Studioanlagen in Berlin-Haselhorst, die Serien „Ku’damm 56“ und „Ku’damm 59“ fürs ZDF und „Dark“ für Netflix beispielsweise sind dort entstanden.

Fiese kleine Anspielungen

Von und über Atze Brauner gibt es die süffigsten, lustigsten, schrägsten Anekdoten. Aber die interessantesten sind jene, die von einem schwelenden Konflikt erzählen. Brauner sei furchtbar geizig gewesen, heißt es etwa, in der Branche soll der Spott umgelaufen sein, die Abkürzung CCC stehe für „cahlt ciemlich cögerlich“.

Die Verbiegung des Z zum C weist auch eventuell boshaft darauf hin, dass Atze Brauners Aussprache des Deutschen ein klein wenig von der seiner Angestellten, Schauspieler, Geschäftspartner und Rivalen abwich. Er ist ein in Polen geborener Holocaust-Überlebender, und er hat das nie verschwiegen: 49 seiner jüdischen Verwandten wurden seiner Zählung nach von den Nazis ermordet.

Das ist der Aberwitz an seiner Lebens- und Schaffensgeschichte: Eine zentrale Figur jenes deutschen Nachkriegskinos, das die Leinwände fleißig mit Leichtem, Heiterem, Schnurrigem füllte, um dort keinen Platz für Auseinandersetzungen mit dem Dritten Reich zu lassen, hatte sich in Wäldern in Erdlöchern vor den Fangkommandos für die Todeslager verstecken müssen.

Da schwingt vielleicht was mit

Da stand 1946 ein gerade noch von einer vermeintlichen Herrenrasse für die Endlösung Vorgemerkter in den Trümmern der plattgebombten Hauptstadt und träumte davon, die deutsche Filmindustrie zu jenem alten Glanz zurückzuführen, den die Nazis ruiniert hatten. Hat ihn Deutschland dafür umarmt? Wurde Atze Brauner der Alibi-Jude der Verdrängungswilligen, die sich wunderbar entlastet sehen konnten durch einen, der bereit war, zukunftshungrig mit nach vorne zu blicken?

Man sollte annehmen, dass es genau so lief. Aber Brauner begegnete nicht nur der übliche Neid, sondern eine tiefere, verdruckste Abneigung. Witze über Geiz und Verschlagenheit kann man über jeden Produzenten hören, aber in denen über Brauner fürchtet man, ein antisemitisches Klischee mitschwingen zu hören.

Die große Konfrontation

Vielleicht wäre ja alles anders gekommen, hätte Brauner so weitergemacht, wie er mit seinem Startkapital, dem Erlös aus dem Verkauf des Nerzmantels seiner Schwiegermutter, verfahren war: Er hatte es in eine leichte Komödie investiert. Aber das war nicht das, was er vordringlich ins Kino bringen wollte. Seit er vor Deutschen um sein Leben gerannt war, trug er das Projekt mit sich herum, davon zu erzählen. Und er setzte dieses Vorhaben durch, obwohl ihn jeder für verrückt erklärte: das Publikum suche Ablenkung, keine Konfrontation mit Schuld und Schrecken.

„Morituri“ (1948), inszeniert von Eugen York, ist der gewagteste jener kleinen Gruppe der sogenannten „Trümmerfilme“, die sich dem heiteren Eskapismus damals verweigerten. „Morituri“ erzählt von einer Gruppe KZ-Häftlinge, denen die Flucht gelingt. In Zeiten, als die Menschen in die Kinos drängten, als seien die ein seltener Ort der Wärme in mörderischer Kälte, blieben die Säle bei „Morituri“ leer. Viele der überhaupt Gekommenen beschwerten sich, manche Kinobetreiber setzten den Film schon nach zwei Tagen wieder ab.

Was das Publikum will

Atze Brauner hätte nun gut und gerne in vielerlei Hinsicht aufgeben können. Seine Geschichte und die Geschichte von Millionen Opfern und traumatisiert Davongekommenen gehöre nicht zu diesem Wiederaufbaudeutschland, hatte man ihm gerade brüsk zu verstehen gegeben. Aber der Sohn eines Holzgroßhändlers gab nicht auf. Er blieb und lieferte, was das Publikum verlangte: Liebeskomödien mit Susanne Cramer und Claus Biederstaedt, Edgar Wallace-Krimis, im Orient spielende Karl-May-Verfilmungen und vor allem viele Schlager- und Revuefilme, etwa mit mit Peter Alexander und Caterina Valente.

Aber man traute ihm nie mehr ganz, und das zurecht: Dieser geschäftstüchtige Produzent mit der feinen Nase für kassenträchtige Stoffe und Besetzungen war nach wie vor willens, seine Mitmenschen mit herberen Stoffen und ernsteren Aufbereitungen zu behelligen: mit der Gerhard-Hauptmann-Verfilmung „Die Ratten“ (1955) mit Maria Schell und Curd Jürgens, mit „Liebling der Götter“ (1960) über den Beginn der Judendiskriminierung im gerade braun gewordenen Deutschland, mit „Es geschah am hellichten Tag“ (1958) mit Gert Fröbe und Heinz Rühmann über einen sexuell motivierten Kindsmörder in Biedermann-Verkleidung.

Noch 1990 produzierte Brauner „Hitlerjunge Salomon“, der international sein größter Erfolg wurde. Dass man dieses Werk der Academy of Motion Picture Arts and Sciences nicht als möglichen deutschen Kandidaten für den Auslands-Oscar antrug, hat nicht nur er als spätes Aufflammen eines alten Ressentiments empfunden.

Immer noch ein Mahner

Jammern aber, diese Tonart kennt Atze Brauner nur in der Variante des theatralischen Klagens des erfolgreichen Geschäftsmanns über die arge Kassenlage. Ansonsten war er unbeirrt der Stachel im Fleische, der Produzent, der Regisseure der Vor-Nazi-Ära aus Hollywood zurückholte, „Metropolis“-Legende Fritz Lang etwa, mit dem er die „Dr. Mabuse“-Reihe (ab 1960), „Der Tiger von Eschnapur“ und „Das indische Grabmal“ (beide 1959) drehte. So erinnerte er die restliche Branche störend daran, wie viel größer, couragierter und innovativer sie früher gewesen war.

Artur Brauner hat Unterhaltung geliefert und Kasse gemacht, aber es ist ihm nie alleine darum gegangen. Noch im Gespräch mit einer Nachrichtenagentur zu seinem 100. Geburtstag stellt er Forderungen an seine Mitbürger: „Ich kann der Jugend nur nahelegen“, sagt er, „dass sie den Populisten weltweit nicht ins Netz geht und sich mit aller Kraft Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit entgegenstellt.“

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