Der Moderator Steve German geht im heutigen AFN-Studio Frankfurt auf Sendung. Foto: epd

Der 75 Jahre alte US-Soldatensender AFN hat nach dem Zweiten Weltkrieg Ohren geöffnet. Unter anderem hat er den Rock 'n' Roll zu uns gebracht. Im Vergleich zur damals stocksteifen deutschen Konkurrenz war er unerhört locker.

Stuttgart - Selbst Jahrzehnte später kommt Rainer Holbe beim Thema AFN noch ins Schwärmen. Der TV-Moderator ist in Frankfurt aufgewachsen, wo das American Forces Network, der amerikanische Soldatensender, im Juli 1945 auf Sendung ging. Holbe, 78, hat in jungen Jahren immer AFN gehört, wie er erzählt, und vorm Sendegebäude gewartet, um sich Autogramme der Moderatoren zu holen: „Manchmal gab’s noch Hershey-Schokolade dazu.“

Bekannt wurde Holbe durch die „Starparade“ im ZDF (1968 bis 1980), in den Siebzigern hat er auch für Radio Luxemburg moderiert. Damals sei AFN ein großes Vorbild gewesen, „und das nicht nur, weil sie immer die neueste Musik hatten. Uns hat vor allem die Lässigkeit sehr imponiert.“ Im Vergleich zum steifen deutschen Hörfunkangebot war der am 4. Juli 1943 in London gestartete Soldatensender unerhört locker. Zwar hat nur eine Minderheit regelmäßig AFN gehört, zumal das Programm anfangs nur rund um die US-Stützpunkte in München, Frankfurt, Bremen und Berlin verbreitet wurde, und in Stuttgart dann ab März 1948. Aber diese Minderheit, sagt die Historikerin Anja Schäfers, „ist stark beeinflusst worden; persönlich wie auch beruflich.“

Dudelfunk mit Negermusik

Unter den jugendlichen AFN-Fans seien auffällig viele spätere Multiplikatoren gewesen: „Lehrer, Künstler und Schriftsteller, Politiker wie etwa Joschka Fischer, und natürlich auch Rundfunkschaffende. Der Sender hatte also durchaus Wirkung auf deutsche Hörer.“ Die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Münster hat ihre Dissertation über den Sender geschrieben: „Ich war einfach neugierig, was hinter der Legende steckt.“

Diese Legende geht so: AFN hat den Rock 'n' Roll nach Deutschland gebracht und den hiesigen Hörfunk revolutioniert. Aber Schäfers’ Buch zum Thema trägt nicht umsonst den Titel „Mehr als Rock 'n' Roll“ (Franz Steiner Verlag, 454 Seiten, 68 Euro): „Wer AFN ablehnte, reduzierte das Programm auf seinen Unterhaltungsaspekt. Für viele Eltern, Lehrer und deutsche Hörfunkredakteure war der Sender ein rotes Tuch; sie betrachteten ihn als Dudelfunk, der nur ‚Negermusik’ spielt.“

Die meisten Deutschen hätten sich zwar in erster Linie für die Musik interessiert. Aber AFN hatte „eine heterogene Zielgruppe zu bedienen und spielte jede Art von Musik. Neben viel Mainstream gab es nicht nur Rock 'n' Roll, sondern beispielsweise auch Jazz, Soul und Klassik.“ Der Sender bot als Vollprogramm neben Musik und Unterhaltung auch Informations-, Service- und Bildungssendungen. Es herrschte Kalter Krieg, die GIs, so Schäfers, „sollten wissen, warum sie in Europa stationiert waren und was ihre Aufgabe war.“

In den Ohren der Flakhelfer

Anders als heute verstanden jedoch nur relativ wenige Deutsche Englisch. Umso höher ist Schäfers’ Wertschätzung für jene, die AFN einschalteten und die sie als „neugierig, weltoffen und in gewisser Weise sogar abenteuerlustig“ einstuft. Sie „konnten auch ohne größere Englischkenntnisse spüren, dass die AFN-Moderatoren ein völlig anderes Verhältnis zu ihrer Hörerschaft hatten als der deutsche Funk mit seinem Bekenntnis zur Hochkultur. Bei AFN waren zum ersten Mal Moderatoren zu hören, die sich nicht als Oberlehrer aufspielten. Sie bewegten sich auf ‚Ohrenhöhe’ und haben mit ihren Hörern rumgeflachst.“

Der größte Unterschied zwischen AFN und deutschen Programmen sei jedoch die Bereitschaft gewesen, die Hörer zu beteiligen und sogar deutsche Musikwünsche zu erfüllen. Kernzielgruppe des Senders waren zwar Militär- und Zivilpersonal sowie die jeweiligen Familien. Den Befehlshabern lag jedoch auch daran, die deutsch-amerikanische Freundschaft zu pflegen, „die Erfüllung der Hörerwünsche hatte also durchaus einen politischen Hintergrund.“

Achtung, Sprachfärbung

Politischen Hintegrund gab es aber auch aufseiten der Hörer: Für die sogenannte Flakhelfergeneration (die Jahrgänge um 1930) „ist AFN ein Symbol für die Befreiung vom Nationalsozialismus gewesen. Gerade in dieser Generation waren die Ressentiments gegen die angeblich minderwertige amerikanische Massenkultur aber auch deutlich größer als bei den Jugendlichen, die in den Kriegsjahren geboren wurden.“

Auch spätere Jahrgänge, ergänzt der 1953 geborene Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger, hätten den einzigen Sender für die Amerikaner in Deutschland „angesichts des spärlichen Beat- und Rockangebots bundesdeutscher Sender als Oase inmitten musikalischer Ödnis empfunden.“ Außerdem habe AFN ganz erheblich zum Spracherwerb beitragen. Das konnte unliebsame Nebenwirkungen haben: Schülerinnen, deren Englisch amerikanisch klang, wurden schief angeschaut. Nicht, weil man an AFN dachte, sondern weil ihre Lehrer vermuteten, sie hätten heimlich Umgang mit amerikanischen Soldaten.

Lokales: AFN Stuttgart ist am 17. März 1948 auf Sendung gegangen und versorgt von den Robinson Barracks aus über 20 000 Militärangehörige in der Stadt – ab 6 Uhr morgens mit der „Boogie in the Morning Show“ und bereits ab 14 Uhr mit „The Evening Escape“. Mittlerweile hat sich der Soldatensender allerdings aus Kostengründen von den meisten Radiofrequenzen getrennt. Am unkompliziertesten ist der Empfang über Internet. Im Angebot sind hier nicht nur die deutschen Lokalstationen Bavaria, Kaiserslautern, Stuttgart und Wiesbaden, sondern auch sieben weltweit empfangbare Schwerpunktprogramme wie etwa Country, Legacy (klassische Rockmusik), Joe Radio (mit den Hits der 80er und 90er), Fans (Sport), Powertalk (Talkradio) oder The Voice (Information).

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