Über die Jahre hat Wolfgang Röhl den Stadtbezirk Degerloch und seine Menschen ins Herz geschlossen. Foto: Tilman Baur

Wolfgang Röhl sagt Adieu: Der Dekan des Dekanatsbezirks Degerloch geht in den Ruhestand und verlässt das Schwabenland sogar ganz. Am Sonntag, 4. Dezember, wird er verabschiedet.

Degerloch - Nach 16 Jahren ist nun auch in Stuttgart Schluss. Seine letzte Station vor dem Ruhestand war auch die längste für Wolfgang Röhl, den scheidenden Dekan des Dekanatsbezirks Degerloch. „Wenn man erst mal Dekan ist, dann kommt eben nicht mehr viel“, begründet der 64-Jährige diese Tatsache nüchtern. Ein wahres Vagabundentum hatte er gepflegt, bevor er in Stuttgart sesshaft wurde. Länger als sieben Jahre hatte es ihn seit dem Abitur nirgends gehalten, ob in München, Kalifornien, Straßburg oder in Aldingen.

Am Sonntag, 4. Dezember, wird Wolfgang Röhl nun offiziell verabschiedet. Für ihn schließt sich dann ein Kreis: Im Ruhestand kehrt er in seine Geburtsstadt Berlin zurück. Auf Fontanes Spuren durch die Mark Brandenburg zu wandern, darauf freue er sich. Freunde aus alten Zeiten hat er auch noch in der Hauptstadt, die er zu einer Zeit verlassen hat, als die Mauer noch stand. „Es gibt dort immer etwas Spannendes zu tun.“

Es gibt in Degerloch eine interessierte Religionsgemeinde

Der Dekan mag den klaren Schnitt. Viel Wehmut schwingt nicht mit im Hinblick auf den Lebensabschnitt, der nun zu Ende geht. Wenngleich er Stuttgart, vor allem Degerloch, über die Jahre ins Herz geschlossen hat. „Die Begegnungen mit den Menschen werden mir fehlen, genauso der tägliche Umgang mit Kollegen und Mitarbeitern“, sagt Röhl. Auch gepredigt hat der Dekan hier gern. „Es gab und gibt in Degerloch eine interessierte Religionsgemeinde“, findet Röhl. Verglichen mit seiner Heimat Berlin sei die protestantische Welt hier noch in Ordnung, und das Leben im Stadtteil habe ihm sehr gefallen. „Degerloch ist einerseits städtisch geprägt, hat aber auch diese tiefe Verwurzelung als Filderort“, sagt Röhl.

Der scheidende Dekan liebt Exkurse: Ob Demografie, Landeskunde oder Kirchenstrukturen, zu allem hat Röhl fundierte Ansichten, die er stets mit Zahlen unterfüttert. „Ich interessiere mich für religions­soziologische Fragen“, sagt er. Freilich auch für die Entwicklung der evangelischen Kirche. Deren Mitgliedszahlen schwinden seit 50 Jahren kontinuierlich. Ob sich der Trend auch einmal wieder dreht? Spekulieren mag Röhl nicht gern. Andererseits, so der Geistliche, habe es auch im 19. Jahrhundert eine Erweckungsbewegung gegeben, und in anderen Ländern sei die Christenheit auf dem Vormarsch. „Der Heilige Geist weht im Moment eben woanders“, sagt er.

Schwerfällige Frachtschiffe

Die Freikirchen in Stuttgart beobachtet Röhl, der auch Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Stuttgart (ACK) ist, mit Interesse. „Das ist ein Kommen und Gehen in dem Bereich. Die Frage ist, wie nachhaltig es ist.“

Die Großkirchen vergleicht er mit Frachtschiffen, eine Kursänderung sei schwierig. „In Berlin-Brandenburg repräsentiert die Landeskirche nur noch 16 Prozent der Bevölkerung“, stellt Röhl fest, in Stadtteilen wie Hellersdorf sei die Bedeutung der Kirche nicht größer als die eines Kaninchenzüchtervereins. Diese Tendenz könne man auch in Stuttgart beobachten; Trotzdem – oder genau deshalb – glaubt Röhl, dass die Landeskirche mit den 2006 eingeleiteten Strukturveränderungen richtig gehandelt habe.

Seine freie Zeit wird der Dekan für vieles nutzen, was im Berufsleben zu kurz kam. „Ich werde öfter ins Kino gehen“, sagt der Liebhaber von Woody-Allen-Filmen. Den leeren Kalender hat er bereits vor Kurzem während einer Kur am Bodensee kennengelernt, wo vier Wochen lang kein Telefon klingelte und das E-Mail-Postfach geschlossen blieb. Ein „Einstieg in den Ausstieg“ sei das gewesen. „Vielleicht vermisse ich den Alltag ja auch irgendwann“, sagt Röhl. Ein Geistlicher jedenfalls bleibe er. Ob man wolle oder nicht: „Als Pfarrer bleibt man Pfarrer.“

Der Abschiedsgottesdienst
ist am Sonntag, 4. Dezember, um 10 Uhr in der Michaelskirche.

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