„Denken Sie groß“: Dachte sich auch die Hamburger Band Deichkind beim Gestalten der Bühnenoutfits. Foto: Jan Reich

Die Hamburger Electropunks von Deichkind zogen in Stuttgart mal wieder ihre abgedrehte Show ab. Darin steckt auch schon der einzige Negativkritikpunkt an dieser Zeremonie des Aberwitzes - mal wieder.

Stuttgart - Das gigantische Fass mit den Mikroträgern im Innern bahnt sich den Weg durch die Massen. Wer zu tief einatmet, könnte an umherwirbelnden Federn ersticken. Auf der Bühne tanzen fluoreszierende Pyramidenschädel und irgendein Flegel raubt einer recht maskulinen Großmutter während der einzigen und daher titelgebenden Zeile des Songs „Oma gib Handtasche!“ das Hab und Gut. Wie konnte das passieren? Was war da los?

Eine Band: Deichkind. Die Hamburger Electropunks mit Hip-Hop-Hintergrund zogen mal wieder ihre abgedrehte Show ab. Darin steckt auch schon der einzige Negativkritikpunkt an dieser Zeremonie des Aberwitzes: Mal wieder. Die Dramaturgie des Abends erinnert noch stark an jene von vor vier Jahren, als die Herren ebenfalls in der Schleyer-Halle loslegten. Aber sei’s drum: Das Bühnenprogramm war und ist skurril, ekstatisch und mitreißend. Die Hits klingen bei schwer aufgedrehtem Bass bombastisch. Würde man hier einen internationalen Treff aller Amateur-Trampolin-Springer organisieren – die drei MCs von Deichkind brächten immer noch am meisten Hüften zum Hüpfen.

„Wir haben Ferris, was habt ihr?“

Beim Song „Hauptsache nichts mit Menschen“ stiefelte das Trio durchs 6000-köpfige Publikum: Während der als Kryptik Joe bekannte Philipp Grütering und Sebastian Dürre alias Porky vornewegmarschierten und zur Front einer Polonaise avancierten, zwängte sich der dritte im Bunde zuvor in einen grünen Ganzkörperanzug: Sascha Reimann, der seit 2008 unter dem Pseudonym Ferris Hilton mitmischt, mag den Körperkontakt weniger. Ihn wiederum lieben Kollegen und Anhänger: „Wir haben Ferris, was habt ihr?“ heißt es im ihm gewidmeten Lied. Übergroße Gehirne zierten die Häupter der Sänger während sie „Denken sie groß“ vortrugen.

Fulminant entfesselten Deichkind die Partygeister mit den Finalsongs „Limit“ und „Remmidemmi“: Crewmitglieder flogen an Seilen gen Himmel, Bierpistolen spritzten Vollkornsprudel in dürre Kehlen, zudem verwandelten Hüpfburgen, Riesenfahnen und „Deichkind“-Heliumballons den Schauplatz in ein Irrenhaus. Wie immer eben. Vielleicht ergibt sich diese Beharrlichkeit in puncto Programmkonzeption aber auch aus blankem Altruismus. Womöglich kommen Deichkind der Menschheit auf diese Weise einfach entgegen: Denn es ist ja eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass wer sein Leben eines Tages rückblickend als geglückt bezeichnen will, einmal diese Wahnsinnsshow besucht haben muss.

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