Hilfe für ältere Menschen gehört zu den Aufgaben der freiwilligen Helfer. Foto: epd

Zigtausende Jugendliche leisten jedes Jahr einen Freiwilligendienst – im Sozialbereich wie bei der Bundeswehr. Die Union und ihr Jugendverband würden dies gerne zur Verpflichtung machen. Dazu ein Pro und Kontra.

Stuttgart - Laura Velezmoro (18) aus Stuttgart hat gerade Abitur gemacht und weiß, was sie will: Medizin studieren. Doch viele Mitschüler seien erst einmal orientierungslos – sie wüssten nicht, was sie nach der Schule anfangen sollen. Ein allgemeines Dienstjahr für junge Frauen und Männer, wie gerade von der CDU angeregt, findet sie dennoch nicht gut. Zwar sei es positiv, wenn junge Menschen in Zeiten des Pflegenotstands in diese Branche hineinschauen würden. Eine Verpflichtung dazu lehnt sie aber ab. „Die meisten genießen es, einmal länger freizuhaben. Und vielleicht ist es auch ganz okay, mal orientierungslos zu sein und die Möglichkeit zu haben herauszufinden, wer man ist – ohne Zwang.“

So ähnlich sehen es die Jugendorganisationen von SPD, FDP und Grünen. Ein Gesellschaftsjahr sei eine gute Sache – auf freiwilliger Basis. „Die Versäumnisse zum Beispiel in der Pflege sollten nicht auf dem Rücken der jungen Menschen ausgetragen werden“, sagt Valentin Christian Abel, Landeschef der Jungen Liberalen. Jusos und Grüne fordern, das bestehende Angebot attraktiver zu machen – etwa durch bessere Entlohnung. „Man könnte auch die kostenlose Nutzung von öffentlichen Einrichtungen oder vom Nahverkehr anbieten“, sagt Marcel Roth, Landessprecher der Grünen Jugend. Allein bei der Jungen Union (JU) kommt der Vorstoß aus der CDU-Führung gut an. „Wir stehen ganz klar für ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr für junge Männer und Frauen und haben das am Samstag auf Bundesebene auch so beschlossen“, sagt JU-Bundesvize Bastian Schneider. Die Jugendorganisation der AfD, die Junge Alternative, befürwortet ein Pflichtjahr ausschließlich als Gegenstück zum Wehrdienst, zu dessen Wiedereinführung sie sich aber klar bekennt.

Bundesfreiwilligendienst hat sich gut entwickelt

Nach Angaben des Bundesfamilienministeriums leisten etwa 100 000 vor allem junge Menschen jedes Jahr einen Freiwilligendienst. Hauptangebote sind der Bundesfreiwilligendienst (BFD), das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ), das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ) und der Internationale Freiwilligendienst. „Eine Debatte darüber, wie wir mehr Solidarität erreichen können, ist gut“, sagt die Sprecherin. Zu konkreten Konzepten äußere man sich erst, sobald sie vorliegen. Nur so viel dazu: Die rechtlichen Hürden für ein Pflichtjahr seien hoch.

Der Bundesfreiwilligendienst hat sich besser entwickelt als bei Abschaffung der Wehrpflicht und des Ersatzdienstes erwartet. 320 000 Freiwillige haben sich seit Juli 2011 für den BFD-Einsatz entschieden. Aktuell engagieren sich bundesweit 39 089 Männer und Frauen in gemeinnützigen Einrichtungen. 2017 wurden im Jahresdurchschnitt 41 891 Freiwillige gezählt.

Rückgängige Bewerberzahlen beim FSJ

In Baden-Württemberg waren es im Juli dieses Jahres 5398 Freiwillige, was Platz zwei nach NRW (8099) bedeutet. Frauen sind dabei stärker engagiert als Männer – und die große Mehrheit ist unter 27 Jahren: 2709 junge Frauen stehen 2004 Männern gegenüber (bundesweit 15 478 zu 11 514).

Die Jugendfreiwilligendienste haben kontinuierlich zugelegt. Im Förderjahrgang 2017/2018 gab es im FSJ und FÖJ jedoch erstmals einen leichten Rückgang auf 54 907 Freiwillige. Einige Träger verweisen auf rückgängige Bewerberzahlen im schwach strukturierten ländlichen Raum. In Baden-Württemberg leisten jährlich fast 14 000 junge Menschen ein Freiwilliges Soziales Jahr – das Niveau bleibt hoch.

Sozialminister Lucha meldet Bedenken an

Landessozialminister Manne Lucha (Grüne) sieht die Einführung eines Pflichtjahrs „kritisch“, wie er unserer Zeitung sagte. „Wichtiger ist es, dass wir die Freiwilligendienste so attraktiv gestalten, dass wir viele junge Menschen damit erreichen.“ Ein FSJ sei für jeden jungen Erwachsenen eine prägende Erfahrung. „Ein zusätzlicher Anreiz könnte zum Beispiel auch über Boni bei der Zulassung zum Studium geschaffen werden“, regt er an. Durch die Freiwilligkeit bekomme das bürgerschaftliche Engagement seinen besonderen Wert: Es sei Ausdruck des Willens zum Mitgestalten, das für den Zusammenhalt der Gesellschaft eine sehr wichtige Rolle spiele in Zeiten, in denen diese in vielen Bereichen auseinanderzudriften drohe. Baden-Württemberg hat als erstes Bundesland umfassende Qualitätsstandards für das FSJ mit den Trägern vereinbart. Damit soll etwa gewährleistet werden, dass FSJler nicht als billige Hilfskräfte eingesetzt werden.

DRK macht unter Bedingungen mit

Die Hilfsorganisationen wiederum zeigen sich eher gespalten. Während der Paritätische Wohlfahrtsverband von einer „Gespensterdebatte“ spricht, ist das Deutsche Rote Kreuz aufgeschlossen für die Idee. Das DRK ist mit 12 000 Stellen bundesweit größter FSJ-Anbieter. „Wir brauchen in Deutschland eine Aufwertung von sozialem oder bürgerschaftlichem Engagement“, sagt DRK-Sprecher Dieter Schütz unserer Zeitung. Die Debatte könnte zur notwendigen Stärkung des Einsatzes führen. „Wir plädieren aber eher für einen Ausbau der derzeitigen Freiwilligendienste, zumal wir in der Regel mehr Bewerber als Plätze haben.“ Falls es ein Pflichtjahr geben sollte, „stehen wir unter bestimmten Voraussetzungen als Anbieter bereit, wenn die Betroffenen selbst aussuchen können, bei welcher Organisation sie ihren Dienst ableisten“, so der DRK-Sprecher.

Pro Dienstpflicht


Allen Schulabgängern sei es gegönnt: Wer den Abschluss in der Tasche hat, soll erst mal durchschnaufen dürfen. Für nicht wenige beginnt jedoch eine Phase der Ziellosigkeit, weil sie sich weder für eine Ausbildung noch für ein Studium erwärmen können. Respekt, wer diese Orientierungsphase nutzt, um sich freiwillig in einem Wohlfahrtsverband oder bei der Bundeswehr zu engagieren! Diese Erfahrungen stärken die Sozialkompetenz und prägen für das Leben. Man wünschte sie auch den jungen Menschen, die den Effekt zunächst nicht wahrhaben wollen.

Mal alle juristischen Fragen beiseite lassend: Ein Pflichtdienst trägt gewiss zum Zusammenhalt und zur Förderung des Gemeinwesens bei. Es geht wohlgemerkt um Sinnstiftung – es geht nicht darum, billige Hilfskräfte aufzubauen. Weder die Bundeswehr noch die Hilfsorganisationen dürfen an ihrer Professionalität Abstriche machen. Zudem müssen die jungen Menschen frei wählen können – nur dann wäre ihre Motivation gesichert. Auch unter Integrationsaspekten hat die Idee einen großen Reiz.

Der Satz von John F. Kennedy „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage, was du für dein Land tun kannst“ mag vielen Jugendlichen auf dem Weg in die individualisierte Ego-Gesellschaft verstaubt erscheinen. Da braucht es offenbar einen Rechtsrahmen, um dieser zeitlos gültigen Erkenntnis wieder Geltung zu verschaffen. (Matthias Schiermeyer)

Kontra Dienstpflicht

Mit dem Vorschlag, eine allgemeine Dienstpflicht einzuführen, wird Politik gegen die junge Generation gemacht. Zukunftsfragen werden so nicht beantwortet, im Gegenteil.

Dass das Pflichtjahr als etwas Positives verkauft wird, ist zynisch. Die Jungen – mit deren Stimmen keine Wahlen gewonnen werden und die nur selten im Fokus stehen – sollen ausbaden, was Politiker versemmelt haben. Sie sollen nach dem Schulabschluss in Pflege- und Altenheimen die Pflegelücke füllen, die über Jahre hinweg nicht gestopft wurde. Mit der Diskussion über eine Wiedereinführung soll vom eigentlichen Problem abgelenkt werden, den gravierenden Mängeln in diesen Bereichen. Kaschiert wird das Ganze mit dem Hinweis auf „gesellschaftlichen Zusammenhalt“ und „prägende Erfahrungen für die Persönlichkeitsentwicklung“. Natürlich ist es wichtig, dass junge Menschen aus ihrer eigenen Komfortzone herauskommen und herausfinden, wer sie sind.

Doch: Durch ein Zwangsjahr wird das nicht geschehen. Ohnehin steht ein solcher Zwang im Kontrast zu den freiheitlichen Werten der Demokratie in Deutschland. Es braucht diese Diskussion nicht. Wirklich wichtig wäre es, den Pflegenotstand zu beheben. Gerne auch mit jungen Menschen, die endlich fair entlohnt würden. Und gerne mit mehr Anreizen für die Jungen, die sich sowieso schon freiwillig engagieren. (Jaqueline Vieth)

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