Auf Berlins Straßen sind wohl immer mehr sogenannte Koks-Taxis unterwegs. Foto: dpa/Christian Charisius

Statt beim Dealer im Park werden Drogen in Berlin immer öfter bequem und unauffällig vor die Haustür oder den Clubeingang geliefert. Partygänger finden das meist harmlos. Die Polizei nicht.

Berlin - Der Hauptstadt-Service stimmt. Bestellung per Anruf oder SMS, schnelle Lieferung an die Wunschadresse, zuverlässig, keine Kreditkarten. Doch geliefert wird nicht Pizza oder Bier - illegales Kokain kommt diskret und direkt per Auto. Auf Berlins Straßen sind wohl immer mehr sogenannte Koks-Taxis unterwegs.

Nun hat die Berliner Polizei diesen Drogenhandel verstärkt in den Blick genommen. Seit Mai dieses Jahres wird eine extra Statistik zu „Btm-Lieferservice“ bei illegalem Handel mit Kokain geführt. Btm steht für Betäubungsmittel. Allein bis zum 1. Oktober seien 35 Ermittlungsverfahren zum Kokain-Lieferservice eingeleitet worden, teilte die Polizei am Montag mit. Zuvor hatte der RBB berichtet.

Das Wort Kokain wird nicht genannt

Ein Berliner Student, der seinen Namen nicht nennen möchte, erzählt, irgendwer habe immer eine Nummer, bei der man bestellen kann. Er habe auch erlebt, dass Visitenkärtchen vor Bars verteilt würden. Auf einem habe mal gestanden: „Alex’ Obst-Taxi“. Er habe das erst gar nicht kapiert, meint der 31-Jährige.

Viele der Taxis seien etwa in Neukölln, Friedrichshain oder Kreuzberg unterwegs, so der Student. Es komme aber kein „Klischee-Drogendealer mit fettem BMW“, sondern ein harmloser Kerl in irgendeinem Auto. Dann fährt man zusammen einmal ums Eck, macht Smalltalk ohne das Wort Kokain, bezahlt einen Fuffi (50 Euro) und wird dann wieder abgesetzt.

Das habe krass zugenommen, so der junge Mann. Bei etlichen Bekannten, die gelegentlich Partydrogen nähmen, gehöre nach Speed oder Ecstasy jetzt auch Koks zum Standard. „Vor ein paar Jahren war das auf jeden Fall noch nicht so.“ Es sei geradezu nett - die Verkäufer, der Ablauf. „Ganz normal. Es fühlt sich jetzt nicht so an, als würde man sich mit irgendwelchen Clans oder sowas einlassen.“

Clans stehen im Visier der Ermittler

Und doch stehen auch kriminelle Mitglieder arabischer Großfamilien im Visier der Kriminalisten. Im August 2018 gab es im Zusammenhang mit Drogentaxis auch Ermittlungen gegen Angehörige eines Clans. Die Behörden berichteten damals vom Fund von 2,4 Kilo Cannabis in einem Auto. Beschlagnahmt wurden demnach 200 000 Euro Bargeld sowie mehrere Autos.

„Die Dunkelziffer wird heller“, sagt der Berliner SPD-Innenexperte Tom Schreiber zu den jetzt begonnenen Verfahren zu den „Koks-Taxis“. Das sei auch eine Folge verschärfter Kontrollen. Drogendealer suchten nach immer neuen Wegen, ihren Stoff abzusetzen. Allerdings seien Dealer und Fahrer, die das Kokain zu den Konsumenten bringen, nur das Ende einer Kette, zu der komplexe kriminelle Strukturen gehörten.

Obwohl die Polizei in den letzten Jahren immer wieder große Mengen an Kokain beschlagnahmte, wird das Phänomen nicht kleiner. Im November 2018 beschlagnahmten Berliner Ermittler 33 Kilogramm Kokain mit einem Schwarzmarktwert von 1,7 Millionen Euro. Beim Drogenhandel würden Vorräte inzwischen oftmals unauffällig in Autos im Stadtgebiet gelagert statt in Wohnungen, hatte ein Dezernatsleiter des Landeskriminalamtes eingeschätzt.

Mehr Drogentote in Berlin

Im Mai wurde die Festnahme zweier Männer in Berlin bekannt, die ihre Kunden per Kokain-Taxi versorgt haben sollen. In einem verdächtigen Fahrzeug wurden ein Kilogramm Kokain mit einem Marktpreis von etwa 40 000 Euro sowie zwei Schreckschusswaffen beschlagnahmt. In Hamburg wurde im Vorjahr eine Tonne Kokain sichergestellt worden. Dort sollen Rocker der Hells Angels verwickelt gewesen sein.

Indes stieg entgegen dem Bundestrend die Zahl der Drogentoten in Berlin erneut. Im vergangenen Jahr starben nach Angaben der Bundesdrogenbeauftragten Marlene Mortler (CSU) 191 Menschen in der Hauptstadt an Folgen ihres Rauschmittelkonsums, 23 mehr als 2017. Laut Polizei wurden in Berlin bis Juli dieses Jahres bereits 123 Drogentote festgestellt. Bundesweit blieb deren Zahl im Vorjahr mit 1276 fast konstant. Hintergrund waren meist Überdosen von Opioiden wie Heroin.

Kokain gilt als „Leistungsdroge“. Der Stoff erhöhe kurzzeitig die körperliche Belastbarkeit, dämpfe Hungergefühle, löse euphorische Gefühle aus und vermindere das Schlafbedürfnis, heißt es auf der Website der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen. Neben möglichen strafrechtlichen und auch finanziellen Problemen durch dauerhaften Kokainkonsum könnten Selbstisolation und das Zerbrechen jeglicher sozialer Bindungen die Folge sein, wird dort gewarnt.

Vater und Sohn lieferten im großen Stil

So mancher Partygänger hingegen sieht sich nicht als suchtgefährdet. Man konsumiere verantwortungsbewusst, es gehe um Spaß beim Ausgehen, heißt es etwa in der Clubszene häufig. Das gelegentliche Schnupfen sieht selbst manch angehender Lehrer am Wochenende nicht als illegal.

Denen, die sie beliefern, könnte dagegen ein Urteil des Berliner Landgerichts zumindest eine kleine Warnung sein. Wegen Drogenhandels in weit mehr als 100 Fällen wurde gegen einen Vater im August eine Haftstrafe von vier Jahren und drei Monaten verhängt und gegen den Sohn eine Bewährungsstrafe. Vater und Sohn lieferten demnach berlinweit monatelang fast täglich mehr als 1000 „Konsumeinheiten“ Kokain und Amphetamine in ihren Autos aus.

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