Free Brahms! Das forderte das Stegreif-Orchester bereits 2018 im Komma, auch beim aktuellen Auftritt befreiten die mehr als 20 Musiker in Esslingen das Publikum gleich mit. Foto: Podium Festival

Was hat Party-Stimmung mit Brahms zu tun? Ziemlich viel, wie das Stegreif-Orchester beim Podium-Festival in Esslingen unter Beweis stellt.

Esslingen - Party-Stimmung am südamerikanischen Strand, Klezmer-Klänge, wilde Jazz-Improvisationen. Und über allem liegt eine entspannte Atmosphäre irgendwo zwischen Chill-Out-Zone und Club. Was das alles mit der 3. Sinfonie von Johannes Brahms zu tun hat? Sehr viel, wie das Stegreif-Orchester bei seinem faszinierenden Auftritt beim Podium-Festival Esslingen unter Beweis stellt.

Gegründet wurde dieses Ensemble mit der Zielsetzung, den für viele Menschen verschlossenen Weg zur klassischen Musik zu öffnen. Also werden Werke der sogenannten Hochkultur aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet und lustvoll in alle möglichen Stilrichtungen verschoben. Der Klarinettist des Orchesters steht dann mitten im Raum und stimmt Klezmer-Klänge an. Angeraute Töne, Glissando-Verbindungen und überdeutliche Artikulation gehören selbstverständlich zum musikalischen Handwerkszeug wie die elegant-klassisch gefärbte Linie und der schwelgerische Tutti-Klang.

Improvisationsbattle wie in einem Club

Genau diese Meisterschaft auf unterschiedlichen musikalischen Ebenen und die Freude daran, das scheinbar Gegensätzliche oder Divergierende zu verknüpfen, kennzeichnet das Stegreif-Orchester. Hoch virtuose Jazz-Variationen zelebriert die Querflöte, Kontrabass und Schlagzeug liefern sich einen Improvisations-Battle, wie er jedem Jazz-Club in den USA zur Ehre gereichen würde. Vielleicht liegt genau darin das Erfolgsgeheimnis des in Berlin beheimateten Ensembles. Stilistische Grenzen und ein einfaches „Weiter-So“, ein Beharren auf den vermeintlichen Spielregeln des Klassikbetriebs kennen diese Musiker nicht.

Die 3. Sinfonie von Johannes Brahms ist daher lediglich das musikalische Ausgangsmaterial, heruntergebrochen auf zwei Dutzend Instrumente. Phrasenweise hört man das Original, etwa den weit ausgreifenden, melancholischen wirkenden Beginn oder das tänzerische Scherzo. Daraus entwickeln sich – in einer raffinierten Mischung aus ad-hoc-Improvisation und gut geplanter Dramaturgie – Episoden mit lateinamerikanischen Rhythmen oder Blues-Skalen. Dazu kommen geradezu theatrale Elemente, wenn zwei Musiker einen Dialog eröffnen, sich Phrasen zuwerfen, auch mal die Klänge der Flöte oder des Cellos grell verzerren und das Ganze beinahe hysterisch übersteigern und sich Nonsens-Silben an den Kopf werfen.

Das Komma ist brechend voll

Das Publikum lässt sich von dieser freigeistigen und unterhaltsamen Atmosphäre einfangen. Immer wieder wiegen sich die Zuhörer zu den instrumentalen Klängen, manch einer verliert sich mit geschlossenen Augen und leichtem Kopfwackeln in träumerischen Zuständen. Es ist vermutlich kein Publikum, für das klassische Konzerte Routine sind. Eher sind es neugierige, alternative, kreative Köpfe, die sich von der Festivalstimmung in Esslingen locken lassen, die es reizvoll finden, junge Musiker abseits des Mainstreams zu erleben. Zweifeln kann man, ob diese Menschen nach einem derartigen Happening den Weg in den traditionellen Konzertsaal finden. Aber – so hört man von etlichen – sie machen sich auf die Suche, hören sich – Youtube sei Dank – die originalen Werke an. In jedem Fall ist das Esslinger Komma, ein Jugend-Kultur-Zentrum mitten in der Stadt, brechend voll. Berührungsängste gibt es hier ebenfalls nicht, denn alle Grenzen fallen. Stuhlreihen für die Zuhörer, ein Podium für die Musiker, das gibt es hier nicht. Vielmehr wandeln die Akteure – die meisten barfuß und in lässig-bequemer Freizeitkleidung – durch den Raum, nehmen ständig neue Positionen ein und veranlassen auch das Publikum, mal hier zu stehen, sich mal da auf dem Boden niederzulassen.

Knapp 90 Minuten dauert dieses Event, das am Ende vielleicht zwei oder drei kreative Schleifen zu viel hat, denn das Finale wird ein paar Mal zu oft hinausgezögert. Faszinierend ist diese Performance dennoch, und nicht nur deshalb, weil die zwei Dutzend Musiker alles ohne Noten und ohne Dirigenten bestreiten und sich vielmehr auf ihre non-verbale Kommunikation und kreative Flexibilität verlassen. Faszinierend ist diese Variante der 3. Sinfonie von Johannes Brahms auch deshalb, weil sie zeigt, was man mit klassischer Musik anfangen kann, wenn man sich Freiheit im Denken leistet.

Das Abschlusswochenende

Zum Abschluss des Festivals gibt es an diesem Freitag, 19.30 Uhr, im Gemeindehaus am Blarerplatz Bachs „Johannespassion“ als Kammermusik und um 22 Uhr ein Nachtkonzert in der Franziskanerkirche. Das Abschlusskonzert findet am Samstag in der Bechtle-Druckerei statt, die Installation ist von 18-22 Uhr begehbar. Ausklingen wird das Festival am selben Abend von 21 Uhr an im Komma mit Koka Nikoladzes „Beat-Machines“.

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