Stets gut gelaunt: der Coldplay-Sänger Chris Martin Foto: AP

Eigentlich hat die britische Band Coldplay mit einer Auszeit geliebäugelt. Nun jedoch legt sie ihre EP „Kaleidoscope“ vor. Wir haben einmal in das Mini-Album reingehört.

Stuttgart - Auf den ersten Blick könnte man dem Plattenmulti Warner, der die Musik der Band Coldplay vermarktet, Beutelschneiderei der allerdreistesten Sorte unterstellen. Vor sechs Wochen hat sie unter großem medialem Getöse das neue Coldplay-Lied „All I can think about is you“ veröffentlicht, vor vier Wochen dann das zweite neue Stück „Aliens“ am Downloadmarkt lanciert, vor drei Wochen schließlich das Stück „Miracles (Someone Special)“. Und nun, an diesem Freitag, ist die EP „Kaleidoscope“ erschienen, welche die drei genannten Songs enthält, eine ­Remix-Version des bereits im Frühjahr gemeinsam mit dem DJ-Duo The Chain­smokers eingespielten Stücks „Something just like this“ sowie lediglich ein einziges bislang unbekanntes Stück.

„Strafverschärfend“ könnte man bei dieser fadenscheinigen Veröffentlichungspraxis noch darauf hinweisen, dass der Sänger Chris Martin im Vorfeld des letzten Coldplay-Albums „A Head full of Dreams“, erschienen im Dezember 2015, noch werbewirksam verlauten ließ, dass es sich bei dieser Scheibe um die letzte Studioeinspielung der Band handeln könne. Und auch wenn’s jetzt schon fast niederträchtig klingen mag, sei noch angefügt, dass die Band umgehend zur weiteren Arbeit an ihrem Gutmenschenimage verkündete, die ­ganzen Erlöse aus dem Verkauf von „Aliens“ der Flüchtlingshilfe zugutekommen lassen zu wollen.

Die nächste Nummer eins in den Charts?

Früher, das muss man sich in Erinnerung rufen, wurden EPs – also Minialben – im Gegensatz zu Maxisingles – also Singles mit Bonus-B-Seiten – in den allermeisten Fällen aus zwei Gründen veröffentlicht: Erstens, weil Newcomerbands noch nicht genug Material beziehungsweise Geld hatten, um ein ganzes Debütalbum einzuspielen, oder aber zweitens, weil bei etablierten Bands zwar schon einiges neues Material hinzugekommen und große Veröffentlichungslust vorhanden war, die Zeit aber noch nicht reif für das nächste große ­Album; seltene Ausnahmen wie etwa die Sisters of Mercy, bei denen von einer LP ­abgesehen das komplette Oeuvre auf EPs erschien, bestätigten die Regel.

Nun scheidet bei Coldplay der erste Grund gewiss aus. Der zweite allerdings auch, wenn man Chris Martins oben ­erwähntes Diktum für bare Münze nehmen will. Geht’s also doch nur um in doppeltem Wortsinn klingende Münze? Das wiederum mag man auch nicht glauben, aus ­pekuniären Gründen oder Ruhmsucht müssen Coldplay sicher nichts veröffentlichen – alle sieben Alben (!) der Band landeten auf Platz eins der britischen Charts, ­insgesamt hat das Quartett weltweit schon rund achtzig Millionen Alben verkauft. Und zur Ehrenrettung sei schließlich auch noch angefügt, dass es sich bei „Caleidoscope­“ um die schon zwölfte Coldplay-EP handelt.

Es scheint also eher eine heimliche Liebe zu diesem Format zu sein, und womöglich mag man sie tatsächlich als Herold zu einem weiteren Album deuten. Den zahlreichen Liebhabern der Band wär’s gewiss recht, und für sie ist das jetzt vorliegende Kaleidoskop auch schon mal mit ein paar aparten Glitzersteinen gefüllt.

Chris Martins Stimme muss man mögen

Wie immer gilt für die Musik von Coldplay, dass man die sehr hohe, nicht sehr körperhafte und immer etwas verzweifelt flehende Singstimme Chris Martins mögen muss. In „All I can think about is you“ ­offenbart sich sodann ein typisch breitwandig aufgestellter Song mit den ebenfalls gewohnt flächigen Keyboards. „Miracles (Something Special)“ ist eher ein heiterer, ­gitarrenbasierter Popsong mit schon ­eingängigeren Hooklines, als Gast rappt der Detroiter Hip-Hopper Big Sean. Am interessantesten gerät der Band jenes Stück, bei dem der legendäre Brian Eno mitgewirkt hat: „Aliens“ bietet einen fein synkopierten Rhythmus und wirkt insgesamt am stimmigsten auskomponiert. „Something just like this“ kommt dagegen als Liveversion daher mit deutlich in den Vordergrund gemischtem Fanapplaus, viel juvenil-weiblichem Chorusgesang und sehr artifiziellem Sound. „Hypnotized“, das einzige tatsächlich brandneue Stück, zeigt die balladeske Seite der Band, mit mildem Keyboardsprenkeln und einem sich leicht leiernd in sehr hohe Register windenden Gesang.

Alles ist erwartungsgemäß blitzsauber produziert, alles natürlich auch von entsprechender Grundgüte – und dennoch kann man die Gedanken einfach nicht beiseiteschieben, dass es eine zwingende künstlerische Notwendigkeit für diese ­Minialbumveröffentlichung von Coldplay nicht gegeben hat.

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