Sarah Bolger spielt in „A good Woman is hard to find“ eine Witwe. Foto:Christopher Barr Foto:  

Horror, Thriller, Science Fiction – das Fantasy Filmfest widmet sich den weniger braven Kinobereichen. Am 12. September 2019 geht es auch in Stuttgart wieder los. Artur Brzozowski, der mit fürs Programm verantwortlich ist, glaubt an die Zukunft des Festivals.

Stuttgart - Sarah kann nicht mehr. Vor kurzem ist ihr Mann ermordet worden, und die Polizei von Belfast gibt sich nicht eben Mühe, den Täter zu finden. Sarah muss sich und ihre zwei Kinder nun alleine durchbringen, das Geld wird knapp. Ihre Mom liegt ihr mit Vorwürfen in den Ohren, wie sie nur diesen Verlierer von Mann habe heiraten können. Es heißt, er habe sich mit Dealern herumgetrieben.

Aufbäumen gegen Gewalt

Als der Kleinkriminelle Tito Sarah nötigt, seinen Drogenvorrat in ihrer Wohnung zu verstecken, ist das Maß voll. „A good Woman is hard to find“ heißt der knallharte, hervorragend besetzte Sozialthriller von Abner Pastoll, der kommende Woche beim 33. Fantasy Filmfest zu sehen sein wird. Besonders Sarah Bolger überzeugt als ausgelaugte Witwe, die sich mit extremen Mitteln gegen Trauer, Armut und Gewalt aufbäumt.

Wann genau dieser starke Film regulär im deutschen Kino anlaufen wird, ist unklar. Vielleicht gehört er auch zu jenen Werken, die irgendwann klammheimlich auf DVD und Blu-ray erscheinen, weil sie aufgrund des harschen Sujets oder des hierzulande noch unbekannten Regisseurs ein zu großes finanzielles Risiko für Verleiher darstellen.

Ehrlichkeit ist wichtig

Für solche Fälle hat das dreiköpfige Kuratoren-Team des Fantasy Filmfests nicht nur ein Herz, sondern auch eine große Leinwand. Seit 1987 gibt es das Festival für den besonderen Nischen- und Genrefilm bereits. In Hamburg wurde es gegründet, in den Folgejahren kamen weitere Großstädte hinzu. Das Stuttgarter Metropol ist seit langem fester Spielort, auch für die Fantasy Filmfest Nights; einer Mini-Ausgabe des Festivals an zwei Wochenenden im Jahr.

Artur Brzozowski, einer der Kuratoren, hat eine einfache Erklärung für den Erfolg der Schau parat. „Wir geben den Zuschauern die Möglichkeit, neue Filme zu entdecken, von denen sie noch nie etwas gehört haben. Das spielt sicher eine große Rolle. Auch die Ehrlichkeit bei der Filmauswahl ist wichtig, die Zuschauer vertrauen uns blind. Seit Jahren sind deswegen unsere Dauerkarten gefragt, bevor wir überhaupt das Programm veröffentlicht haben.“

Ausgebeutete Pornomacher

Ausgerechnet in Zeiten der Kinokrise versucht sich das Fantasy Filmfest mit nicht gerade marktgängigen Werken wie dem kantigen Drama „Mope“ zu profilieren. Wie Abner Pastolls „A good Woman is hard to find“ läuft auch Lucas Heynes Regiedebüt als Deutschlandpremiere. Heyne rekonstruiert einen echten Kriminalfall im Pornofilmer-Milieu von Los Angeles im Jahr 2008 und schildert den Werdegang der Freunde Steve Driver und Tom Long, die als Pornodarsteller groß herauskommen wollen, aber von einem Produzenten brutal ausgebeutet werden. Besonders der psychisch labile Steve leidet unter den Demütigungen und begeht schließlich einen Mord.

Heynes Thema ist ungeheuer brisant; in einigen Momenten entwickelt der Film aufgrund seiner rohen, semi-dokumentarischen Ästhetik enorme Glaubwürdigkeit. Irritierend ist aber, wie Heyne zwischen Comedy und Drama schwankt und seine Figuren streckenweise der Lächerlichkeit preisgibt. „Mope“ ist damit sicherlich nicht der gelungenste Beitrag auf dem Festival, regt aber zum Nachdenken an.

Gegenprogramm zu Netflix

„Ich habe den Eindruck, dass besonders Filmemacher mit kleineren Budgets sich ausprobieren und mutiger werden. Wenn man unseren „Fresh Blood“-Wettbewerb für Debüts und Zweitfilme anschaut, merkt man das sehr“, sagt Artur Brzozowski und lobt etwa den Erstling „Why don’t you just die“ des russischen Filmemachers Kirill Sokolov: eine Slapstick-Farce über zwei Männer, die einander in einem Apartment an die Gurgel gehen. „Auf den Streamingplattformen sind solche Filme nicht zu sehen. Dort müssen Filme für jedermann tauglich sein, ohne Ecken und Kanten. Das Fantasy Filmfest liebt aber genau das Gegenprogramm!“, bekräftigt Brzozowsi sein Engagement für die Nische.

Weil in den letzten Jahren das Programm in Stuttgart von zehn auf fünf Tage abgespeckt worden war und nur noch ein Film pro Zeitschiene lief, munkelten Fans, es sei um die Veranstaltung nicht gut bestellt. „Wir hatten überlegt, unser Festival zu zentralisieren und ein paar Städte auszubauen, dafür aber zwei zu verkleinern. Die Idee haben wir aber verabschiedet und sind wieder auf die volle Anzahl gekommen“, erklärt Brzozowski die Entscheidung, auch in Stuttgart wieder zehn Tage zu spielen.

Spagat zwischen Kunst und Unterhaltung

Wer meint, das Festival zeige nur Abseitiges für ausgebuffte Fans, irrt. Neben Projekten wie „Dachra“, dem ersten Horrorstück aus Tunesien, gibt es massentauglichere Arbeiten wie Mary Harrons Psychothriller „Charlie says“ über den Alltag in der Kommune von Charles Manson oder Anthony Maras Debüt „Hotel Mumbai“ über einen IS-Terroranschlag, besetzt mit Stars wie Armie Hammer.

„In diesem Jahr ist mir aufgefallen, dass sich besonders viele Filmemacher mit dem Thema Verlust und Besitz auseinandersetzen, aber auch mit komplizierten Familienverhältnissen“, bilanziert Brzozowski. Über mangelnde Vielfalt wird sich wohl niemand beklagen. „Wir haben den Spagat zwischen Kunst und Unterhaltung ganz gut hinbekommen“, findet Brzozowski. Man darf gespannt sein.

Info

Das Fantasy Filmfest findet vom 12. bis zum 22. September im Metropol Kino statt. An 10 Tagen gibt es 50 Werke aus der ganzen Welt zu sehen. Am Donnerstagabend um 19.30 Uhr geht es mit „The Lodge“ von Veronika Franz und Severin Fiala los. Das Duo hatte 2015 mit „Ich seh ich seh“ Aufsehen erregt.

Das gesamte Programm kann man hier finden.

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