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Daimler-Chef Ola Källenius will alle Werke des Autobauers auf klimaneutrale Produktion umstellen – und kräftig sparen.

Stuttgart - Ola Källenius hat keine Zeit zu verschenken. Seine erste Regierungserklärung als Chef des Stuttgarter Daimler-Konzerns gab er bereits ab, noch bevor er sein neues Amt überhaupt angetreten hatte – im Forschungszentrum des Daimler-Werks in Sindelfingen. Sein damaliger Chef Dieter Zetsche war noch nicht ausgeschieden, da gab er bereits langfristige Ziele für das Unternehmen aus.

In drei Jahren will Källenius alle Werke auf eine klimaneutrale Produktion umgestellt haben, bis 2039 soll jedes Auto, das ein Daimler-Werk verlässt, klimaneutral sein. Das ist ambitionierter, als es klingt – weiß heute doch niemand, welche Technologien sich beim Auto durchsetzen werden, wie schnell der Bau von Ladesäulen, Wasserstofftankstellen und Stromleitungen dauern wird. Daimler, so seine klare Ansage, ist bei allen Technologien dabei und setzt zugleich auf immer höhere Anteile von Elektro- und Hybridmotoren. „Wir brauchen nicht eine Nachhaltigkeitsstrategie als Ergänzung“, sagte er. „Die Geschäftsstrategie selbst muss nachhaltig sein.“ So wie er das sagt, hört es sich nicht nach dem flotten Spruch einer Werbeagentur an. Es ist eine Ansage.

Steiniger Boden statt Visionen

So weit der Daimler-Chef in diesen verworrenen Zeiten auch in die Zukunft blickt, so steinig ist der Boden, auf dem er sich bisher voranbewegen muss. Denn öffentlich wahrgenommen wird er bisher eher in Verbindung mit der Vergangenheit. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) scheint ihn als seinen Lieblingsgegner ausgeguckt zu haben. Er wirft ihm „Tricksereien“ und „Salamitaktik“ vor und schickt ihm einen Zwangsrückruf für Dieselfahrzeuge nach dem anderen. Der Dieselskandal, der Daimler bereits ein Bußgeld über 870 Millionen Euro beschert hatte, ist für Källenius so schnell noch nicht ausgestanden.

Die Geduld des neuen Strategen wird auch durch die Finanzlage des Konzerns strapaziert, die unter den Handelskonflikten, aber auch durch den Diesel und durch die Investitionen in neue Antriebstechnologien leidet. „Wir müssen die Effizienz dramatisch erhöhen“, sagte der 50-jährige Schwede vor wenigen Wochen öffentlich. Er spricht so fließend Englisch, dass sich die Sprachen manchmal miteinander vermischen. Man brauche die „economies of scale“, sagt er, wenn er begründet, dass er erst mal beim Elektroauto auf hohe Stückzahlen kommen will. „Unser Anspruch ist sustainable modern luxury“ – moderner, nachhaltiger Luxus, sagt er ein andermal. Bei manch anderem würde so etwas blasiert wirken, dem unprätentiösen, unkompliziert und locker auftretenden Källenius aber kommen solche Sätze so fließend über die Lippen, als bediene er sich ein und derselben Sprache.

Er kann nicht nur locker

Doch Källenius kann auch anders. In einem Brandbrief an seine Führungskräfte, über den unsere Zeitung vor wenigen Wochen exklusiv berichtete, gaben er und seine Vorstandskollegen dann einen Einblick in die Tonlage, die er im Unternehmen anschlägt. Er gab den Führungskräften indirekt eine Mitschuld an den massiven Mittelabflüssen, unter denen das Unternehmen leidet und äußerte die „Erwartungshaltung“, dass Einbußen von 4,2 Milliarden Euro kurzfristig kompensiert werden. Nicht alle Herausforderungen aus dem ersten Halbjahr seien „auf äußere Einflussfaktoren zurückzuführen. Einige – mit großer Hebelwirkung – sind hausgemacht.“

Jahrelang eilte der Daimler-Konzern von Rekord zu Rekord, getrieben von einer Weltwirtschaft, die sich nach Daimlers neuen Autos geradezu verzehrte. Lange Jahre trugen die Stuttgarter die rote Laterne unter den deutschen Premiumherstellern, doch dann wandelte sich das Bild dramatisch. Neue, mit viel Mut gestaltete Kompaktfahrzeuge eroberten massenhaft Käufer, die im Durchschnitt zehn Jahre jünger waren als die bisherigen Mercedes-Fahrer, zudem oft weiblich und die – am allerwichtigsten – zuvor nie auf die Idee gekommen wären, sich einen Mercedes zu kaufen. Auch im langjährigen Wachstumsmarkt China schafft der Konzern den Durchbruch. Nicht nur zur Freude der Aktionäre und der Fondsgesellschaften, sondern auch der Beschäftigen, die sich über viele sichere Jobs ebenso freuen durften wie über eine jährliche, satt vierstellige Erfolgsbeteiligung.

Weltkonzern im dichten Nebel

Der bisherige Daimler-Chef Dieter Zetsche musste für diese Wende hart arbeiten, doch er hatte Rückenwind: Er konnte die Mitarbeiter mit der Aussicht begeistern, den Konzern wieder dorthin zu führen, wo ihn nicht nur die Kunden, sondern auch die Beschäftigten selbst sahen: auf Platz eins. Zetsche vermittelte den Mitarbeitern die Vision einer Erfolgsgeschichte, die nicht nur die Köpfe ansprach, sondern auch die Herzen – und die dann auch eintrat, bis der Dieselskandal lange Schatten warf. Doch mit welcher Erfolgsstory kann ein Manager die Belegschaft begeistern, dessen Konzern gerade noch auf dem Gipfel stand und nun von einem Nebel eingehüllt ist, von dem man nur weiß, dass sich dahinter wohl eher eine Talsohle unbekannter Tiefe als ein neuer Gipfel befindet?

Statt neuer Visionen gilt es erst einmal, den Cashflow in den Griff zu bekommen und den Abfluss der Mittel zu begrenzen. „Die nächsten fünf bis zehn Jahre müssen wir beides machen: Innovation vorantreiben und – ganz wichtig – die Kosten senken.“ Das ist sicher richtig – und doch weit weniger zündend als die Ansage, endlich BMW und Audi zu überholen. Auch die Begeisterung über die Vision vom emissionsfreien Auto bleibt in der Belegschaft schwer gedämpft, bis sie eine Vorstellung hat, ob dahinter nicht unausgesprochen auch die Vision von einer job-ärmeren Region Stuttgart steht.

Kapitalmarkt in Lauerstellung

Am nächsten Donnerstag will Källenius nun seine eigentliche Regierungserklärung abgeben – nicht in Stuttgart, sondern in London bei einem „Tag des Kapitalmarkts“, wo die Analysten vor allem eine Frage umtreibt: Wird er, etwa im Umgang mit der Belegschaft, die Härte zeigen, die sie von ihm erwarten? Wird er alles tun, damit ein wachsender Anteil der E-Autos an den verkauften Fahrzeugen nicht zu teuren Beschäftigungsüberhängen führt, die außer der Dividende auch die Investitionen in neue Technologien beeinträchtigen?

Seit nun Eckpunkte über den Umgang mit dem Personal bekannt wurden, wozu auch die Forderung nach einem Verzicht auf tarifliche Erhöhungen zählt, scheint die ohnehin angespannte Stimmung gekippt zu sein. Betriebsratschef Michael Brecht spricht ohne allzu große Bemühungen um eine diplomatische Sprache von „sinnlosem Kostenschrubben“ und davon, dass man die Vorstellungen, Tariferhöhungen zu streichen oder zu verschieben, „kategorisch“ ablehne. Bei Daimler ziehen schwere Stürme auf – und Källenius steht mittendrin.

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