Im Remstalmarkt in Weinstadt Foto: Gottfried Stoppel

Wie steht es wirklich um die Lebensmittelversorgung in Zeiten von Corona? Kaufen wirklich alle Klopapier sowie Mehl, und wo bilden sich die Schlangen? Ein Besuch in einem Supermarkt.

Stuttgart - Wenn Marktleiter Rocco Capurso morgens um sieben Uhr durch den Remstalmarkt in Weinstadt (Rems-Murr-Kreis) schreitet, nimmt er jede Ecke seines Ladens genau unter die Lupe. Sein Blick taxiert Details, die sonst niemandem auffallen: Hier fehlt ein Produkt, dort versperrt ein Rollwagen die Sicht auf die Frischetheke – fast beiläufig entdeckt er jeden noch so kleinen Mangel und korrigiert ihn.

Egal welches Problem droht, der Unternehmer macht einen tiefenentspannten Eindruck. Dabei ist Rocco Capurso derzeit nicht nur als Marktleiter gefragt. Der 44-Jährige muss sich auch als Krisenmanager bewähren. Die Ausbreitung des Coronavirus führt bei vielen Lebensmittelgeschäften der Region zu „erhöhten Abverkäufen“, wie es in der Fachsprache heißt: In den Geschäften greifen die Kunden vermehrt zu haltbaren Trockenwaren, decken sich mit Toilettenpapier, Nudeln, oder Konservendosen ein. Auch das Phänomen der Hamsterkäufer nimmt zu: Menschen, die ihre Einkaufswagen bis zum Rand mit Produkten vollschaufeln, sind an der Tagesordnung. Es regiert die Furcht vor gespenstisch leeren Regalen und einer bundesweiten Unterversorgung.

Schlangen schon vor Ladenöffnung

Schon lange bevor sich die Türen des Ladens öffnen, bildet sich deshalb eine Menschentraube vor dem Eingang des Remstalmarkts. Eltern mit ihren Kindern, Senioren mit Einkaufsrollern, Paare in jedem Alter – gut 50 Leute warten darauf, dass Rocco Capurso die Regale für den ersten Ansturm des Tages freigibt.

„Ich hatte erwartet, dass es leerer sein wird und wollte früh einkaufen, um den Kontakt zu anderen zu meiden“, berichtet ein Kunde. Als Hamsterkäufer möchte sich keiner outen – trotzdem sind viele Einkaufswagen am Ende bis zum Anschlag gefüllt. Besonders auffällig: Kaum löst sich nach der Marktöffnung die Schlange am Eingang, bildet sich im Ladeninnern bereits die nächste. Während der Frischetheke und dem Obstsortiment noch eine kurze Verschnaufpause vergönnt sind, ist die erste Regalwand aus Toilettenpapier binnen Sekunden verschwunden.

Kaum Erklärung für Klopapierkäufe

Kaum ein Kunde verlässt den Remstalmarkt, ohne wenigstens ein paar Rollen in den Händen zu halten. Warum genau die Faszination für das Alltagsprodukt in der Coronakrise so nach oben geschnellt ist, bleibt der Einzelhandelskoryphäe Capurso ein Rätsel: Achselzuckend beobachtet er, wie Packung für Packung den Laden verlässt. Auch die Kunden können den Impulskauf nur bedingt begründen. „Irgendwie ist das saublöd. Da ist man als Mensch vielleicht auch nicht mehr als ein Herdentier“, sagt eine Kundin, die den Laden mit zwei Packungen Toilettenpapier verlässt. Mehr ist auch gar nicht möglich: Die begrenzte Liefermenge zwang Rocco Capurso schon vor Tagen, die maximale Menge pro Einkauf und Haushalt zu begrenzen. In anderen Läden, wie zuletzt in Mannheim, führte die Rationierung bereits zu Rangeleien und Polizeieinsätzen – davon blieb der Remstalmarkt bislang verschont.

Für den Nachschub an Toilettenpapier sind gleich mehrere der rund 150 Mitarbeiter verantwortlich, über die Konservendosen wacht sogar ein Trio. Während sich der Pulk der Frühaufsteher durch den Markt schiebt, räumen sie routiniert die Ware ein, kümmern sich um den Nachschub und helfen geduldig bei der Orientierung. Wie ein gut eingespieltes Ensemble eilen die Mitarbeiter durch den Laden. An Urlaub oder Freizeit ist aktuell nicht zu denken, Gabi Newman hat ihr Wochenpensum sogar freiwillig aufgestockt. „Das hier ist Weihnachten hoch drei. Jetzt geht es nicht um meine Freizeit, sondern darum, dass es weitergeht“, sagt die Mitarbeiterin. Doch wie berechtigt ist das Verhalten der Kunden? Drohen bald Verhältnisse wie in Italien, wo Bilder von leergekauften Märkten die sozialen Medien fluteten? Wenn Capurso diese Befürchtungen hört, schüttelt er entschieden mit dem Kopf. „Ich glaube nicht, dass es in Deutschland zu einer Unterversorgung kommen wird“, betont der Unternehmer mehrmals. Denn: „Das ist allein der Schnelligkeit und den großen Mengen geschuldet, die konsumiert werden. Deswegen kommen die Lager mit der Lieferung nicht mehr hinterher.“

Irrationale Kaufentscheidungen

Den Eindruck aus Weinstadt teilt auch der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels in Berlin. Teilweise habe sich die Nachfrage in den Lebensmittelgeschäften verfünffacht, berichtet Pressesprecher Christian Böttcher. Mit führend in den rasanten Zunahmen ist, mal wieder, das Toilettenpapier: Berechnungen des Marktforschungsinstituts Nielsen zufolge nahm die Nachfrage nach diesem Artikel im Vergleich zum Vorjahr bundesweit um 76,1 Prozent zu – stärker ist der Anstieg sonst nur bei Desinfektionsmitteln, Teigwaren und Reis. Diese Zahlen sind aber auch schon zwei Wochen alt, vermutlich liegt der Anstieg noch höher.

Dass das zu Verzögerungen in der Lieferkette führt, sei verständlich: „Die Lieferrhythmen und -mengen richten sich nach dem normalen Kaufverhalten der Kunden. Aktuell befinden wir uns aber in einem Ausnahmezustand, vielerorts treffen die Kunden irrationale Kaufentscheidungen.“ Was helfen würde, wäre die Rückkehr zu einem normalen Kaufverhalten. „Dann findet die Lieferkette wieder ihren Takt“, so Böttcher.

In der Krise häufen sich die Ausnahmen

Auch Rocco Capurso wäre mehr Vernunft bei den Kunden nicht Unrecht. Der Remstalmarkt ist zwar ein unabhängiges Unternehmen, bezieht einen Teil seiner Trockenware aber von der Edeka-Gruppe. Mögliche Leerstellen füllen die Sattelschlepper des Konzerns normalerweise zweimal wöchentlich auf. „Zu 99 Prozent zuverlässig“ seien die, sagt Capurso – doch in der Krise häufen sich die Ausnahmen. Immer wieder müsse die Logistikzentrale umdisponieren, oft würden Lieferungen erst verspätet zugestellt, berichtet der Marktleiter. So musste sich Rocco Capurso bei der Trockenware einen Tag länger als geplant gedulden, ehe am Freitag die Karawane der Sattelschlepper einzog: Früh um sechs Uhr donnerte sie um die Ecke, bis zum Anschlag gefüllt mit 97 Rollbehältern. „Normal sind 30“, so Capurso.

Im Remstalmarkt sind die Regale nun wieder gefüllt – Marktleiter Rocco Capurso gibt sich zuversichtlich. „Wir haben hier in Deutschland auch in Zeiten von Corona eher ein Luxusproblem“, sagt er. Wenn der Kunde für einen kurzen Zeitraum drei statt fünf verschiedene Sorten Toilettenpapier im Regal findet, sollte das nach seinem Empfinden niemandem Sorge bereiten.

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