Viele Hotelbetten bleiben wegen der Beherbergungsverbote leer. Foto: /Martin Kaufmann

Fast überall in der Republik ist es Hoteliers und Vermietern untersagt, Urlauber aus Corona-Hotspots zu empfangen. Ausnahmen gibt es für Reisende, die einen negativen Test vorweisen können – doch der ist auf die Schnelle kaum zu bekommen. Für viele Bürger fällt der Herbsturlaub deshalb aus.

Berlin - Eine Woche kann in der Politik eine lange Zeit sein. In der Corona-Pandemie gilt das allemal: Am Mittwoch vergangener Woche kamen Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) und seine Länder-Kollegen überein, dass der Anstieg der Infektionszahlen in den Ballungsräumen mit lokalen Maßnahmen dringend gestoppt werden müsse. Die Bürger wurden daher aufgefordert, „nicht erforderliche Reisen in Gebiete und aus Gebieten heraus“, welche die Grenze von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb der letzten sieben Tage übersteigen, zu vermeiden.

Für die Bewohner dieser Corona-Hotspots soll zugleich ein Beherbergungsverbot in Hotels und Ferienwohnungen gelten. Dafür sind die Länder zuständig, die meisten von ihnen machen auch mit. Nur wer einen aktuellen Corona-Test mit negativem Ergebnis vorweisen kann, ist von den Beschränkungen ausgenommen.

Lauterbach spricht von „Gängelei der Bürger“

Am kommenden Mittwoch steht die nächste Bund-Länder-Runde zum Thema Corona an. Dieses Mal konferiert die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Regierungschefs der 16 Bundesländer. Und nach Lage der Dinge wird es vor allem darum gehen, die Beschlüsse aus der Vorwoche zu entschärfen.

Denn pünktlich zum Beginn der Herbstferien fliegt der Politik das eigene Handeln um die Ohren: Weil immer mehr Großstädte und Landkreise als Risikogebiete eingestuft werden, können etliche Bürger gebuchte Urlaubsreisen nicht antreten und bleiben womöglich sogar auf den Kosten sitzen. Corona-Tests sind in der Kürze der Zeit kaum zu bekommen. Dabei hatten Spitzenpolitiker aller Couleur die Bundesbürger zuletzt noch aufgefordert, im eigenen Land Urlaub zu machen und auf Reisen ins Ausland zu verzichten.

Hoteliers, Vermietern und Gastronomen fehlen plötzlich wieder im großen Stil Gäste und Umsätze. Die Branchenverbände laufen Sturm. Das Problem nimmt beträchtliche Dimensionen an: Im größten Bundesland Nordrhein-Westfalen leben seit gestern mehr als vier Millionen Menschen in Corona-Risikogebieten, das ist etwa jeder vierte Einwohner. Die Bundeshauptstadt Berlin mit ihren fast 3,7 Millionen Einwohnern gilt ebenfalls als Corona-Hotspot. Das Gleiche gilt für Großstädte wie Stuttgart, Frankfurt, München, Bremen und Mainz sowie für diverse Landkreise. Die Liste dürfte in den kommenden Tagen noch länger werden.

Dabei ist es umstritten, ob der innerdeutsche Reiseverkehr überhaupt nennenswert zur Ausbreitung des Coronavirus beiträgt: Die Familie aus Stuttgart, die ein Ferienhaus in Schleswig-Holstein mietet und dort auf die Hygiene- und Abstandsregeln achtet, sollte im Urlaub eigentlich kein größeres Corona-Risiko darstellen als zu Hause.

Das Beherbergungsverbot wirke wie eine Gängelei der Bürger und trage nicht zur Pandemiebekämpfung bei, meint der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Kanzlerin und Ministerpräsidenten sollten ihre Konferenz nutzen, „um das abzuräumen“. Auch im Gesundheitswesen ist der Ärger groß: Als „Ressourcenverschwendung ohne plausiblen Grund“ bezeichnet der e Hausärzteverband (HÄV) die Regeln von Bund und Ländern aus der vergangenen Woche.

Nachfrage nach Tests steigt sprunghaft

Die Praxen der Hausärzte seien derzeit ohnehin voll ausgelastet, sagt der HÄV-Vorsitzende Ulrich Weigeldt: „Hinzu kommen jetzt die Familien, die zurecht in den Urlaub fahren wollen, und um schnelle Corona-Tests bitten.“ Dafür gebe es aber kaum Kapazitäten. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts wurden zuletzt wöchentlich etwa 1,1 Millionen Tests auf Covid-19 durchgeführt. Der Verein „Akkreditierte Labore in der Medizin“ (ALM) sieht eine mögliche Kapazität von 1,375 Millionen Tests pro Woche – betont aber zugleich, dass mancherorts schon heute die Grenzen erreicht seien. Für den medizinischen Bedarf gebe es ausreichend Testmöglichkeiten. Ein Freitest für Urlauber, der das Beherbergungsverbot aushebelt, zählt aber nicht zum medizinischen Bedarf. Seit dem Beherbergungsverbot hat laut ALM die Nachfrage in den Corona-Hotspots sprunghaft zugenommen.

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