Boris Palmer kritisiert das Robert-Koch-Institut. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Boris Palmer greift eine derzeit im Internet verbreitete Kritik am Robert-Koch-Institut auf. Doch der Professor aus dem Youtube-Video lässt eine wichtige Information weg.

Tübingen - Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer hat Kritik am Robert-Koch-Institut (RKI) aufgegriffen, die zurzeit im Internet verbreitet wird. Dort heißt es, die Maßnahmen gegen das Coronavirus seien wirkungslos, weil die Infektionsrate bereits zum Beginn des „Lockdown“ am 23. März niedrig genug gewesen und seither nicht gesunken sei.

Palmer bezieht sich auf ein Youtube-Interview der Ex-RTL-Moderatorin Milena Preradovic mit dem Hannoveraner Professor Stefan Homburg. Der Finanzwissenschaftler argumentiert mit einer Kurve, die das RKI vergangenen Mittwoch veröffentlicht hat. Demnach war die Reproduktionszahl in Deutschland schon am 20. März unter 1 gefallen; zuletzt lag sie bei 0,8. Ebenfalls am Mittwoch verkündete die Bundesregierung eine nur geringe Lockerung der Maßnahmen gegen das Coronavirus. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, die Reproduktionszahl müsse dauerhaft unter 1 gedrückt werden, damit die Zahl der Infizierten sinke. Schon ein Wert knapp über 1 führe zur raschen Überforderung des Gesundheitssystems.

Warum aber sank die Infektionsrate seit dem 23. März nicht stärker? Diese Frage stellt Homburg im Interview, Palmer greift sie in seinem Facebook-Beitrag auf. „In einer Situation, in der so massive Maßnahmen weitergeführt werden, müsste das RKI rasch Klarheit schaffen“, fordert Palmer. Es müsse begründen, „warum es dem scheinbar so nahe liegenden Schluss, die Kontaktverbote seien wirkungslos, nicht folgt“.

Was war wann bekannt?

Das RKI schreibt auf Anfrage, das Virus habe sich im März wegen heimkehrender Skiurlauber sowie auf Faschingsfeiern und Starkbierfesten sehr schnell ausgebreitet. Die Absage von Großveranstaltungen und das seit dem 23. März geltende Kontaktverbot hätten die Zahl der Neuinfektionen unter Jüngeren reduziert – während sie etwa in Alten- und Pflegeheimen, Krankenhäusern und Asylbewerbereinrichtungen zugenommen habe. „Dadurch steigt die Reproduktionszahl in diesen Gruppen stark an“, so eine Sprecherin. Weil zudem die Zahl der Tests erhöht worden sei, würden mehr Infektionen erkannt als im März. Insgesamt bleibe die Infektionsrate daher konstant, statt zu sinken.

Diese Erklärung liefert das RKI in seinem täglichen Lagebericht nicht – sehr wohl aber in dem Papier, auf die sich die Youtube-Kritik bezieht. Außerdem wird deutlich, dass die Reproduktionszahl nur mit Zeitverzug errechnet werden kann. Am 23. März wusste man noch nicht, was man heute weiß. Diese Informationen lässt der Finanzwissenschaftler Homburg weg. Später gibt er sogar eine viel zu hohe Zahl von Corona-Todesfällen an, vor denen das RKI in einer Beispielrechnung vom 20. März warne – und bezeichnet den Autor dieses Papiers als „Alarmist“, dem die Bundesregierung auf den Leim gehe. Die Politik habe sich in einen „Lockdown-Wahn hineingesteigert“, kritisiert er.

Verkürzende Darstellung

Palmer macht sich diese mindestens verkürzende Darstellung nicht zu Eigen, sondern verweist auf Zahlen, die die Wirkung der Maßnahmen seit dem 23. März belegten –  auch bei schweren Krankheitsverläufen. Er entkräftet also die Youtube-Kritik. Dennoch bleibe unklar, wie der RKI-Präsident mit der jetzt bekannten Reproduktionszahl jüngst für die Verlängerung der Maßnahmen plädieren konnte. Das RKI sagt dazu nichts. Man kommentiere „generell keine Einzeläußerungen“.

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