Manches meint er durchaus ernst: Luke Mockridge in der Schleyerhalle Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Er ist ein Phänomen: Bei seinem Heimatsender Sat 1 macht er so ziemlich die einzigen Shows, die man dort überhaupt guten Gewissens anschauen kann. Und live füllt er an gleich zwei Abenden die Schleyerhalle – mit Witzen, die dem geistig-seelischen Zustand einer ganzen Generation grandios zum Ausdruck bringen.

Stuttgart - Die Scheinwerfer kreisen, Musik hämmert, Feuersäulen steigen auf: Luke Mockridge, Comedian mit Massenwirkung, inszeniert seinen Auftritt wie ein Rockkonzert, wird gleich mehrfach in die Rolle eines Karaoke-Superstars mit Live-Band schlüpfen, den Soundtrack des Lebens der Kinder des neuen Jahrtausends und ihrer Eltern breitbeinig, euphorisch und vorsätzlich unvollkommen in die Schleyerhalle hinaus singen. Zwei Mal in Folge füllt Mockridge am Donnerstag und Freitag diese Halle restlos, 10 500 Menschen sitzen dort jeweils und rasen mit ihm durch die Geisterbahn ihrer Jugend, Adoleszenz und früh verpassten Reife.

So sieht Mockridges Bühne aus: ein großes, eisernes, geschwungenes Gartentor, durch das er auftritt. Im Hintergrund ein gelblich fieser Riesenclown, ein Saurier, der die Zähne reckt. Zur rechten ein Kleinwagen, dessen Warnblinkanlage ihr ewiges Geschäft verrichtet. Über all dem der leuchtende Schriftzug: „Welcome to Luckyland.“

„Marketing! Auf gut Glück oder auf Lehramt?“

Ein bisschen Grusel-, ein bisschen Märchengarten: Luke Mockridge spielt mit dieser Ambivalenz. Eben noch war die Welt voller Wunder, schon sträuben sich die Haare – der junge Mensch der Gegenwart erlebt das Heranwachsen als misslungenen Bespaßungsversuch. Wer immer sich noch Illusionen machte: Mockridge öffnet ihm die verklebten Augen. „Was studiert ihr?“, fragt er seine Fans. „Marketing!“, wiederholt er die Antwort mit piepsiger Stimme. „Watt ein Schwachsinn! Marketing! Auf gut Glück oder Lehramt?“

Luke Mockridge, Sohn eines kanadischen Kabarettisten mit Schauspieltalent – Vater Bill war viele Jahre der Erich Schiller aus der ARD-„Lindenstraße“ – und einer italienischen Schauspielerin, studierte selbst Medien- und Kommunikationswissenschaft. Für ihn hat sich das offenbar gelohnt: Seit Ende seines Studiums geht es mit seiner Karriere steil bergauf, er ist von den Bühnen, Fernsehschirmen nicht mehr weg zu denken, ist hier zu Gast und dort, hat seine eigene Quiz-Show und leiht seine Synchronstimme Animationsfilmen. Das Leben, so Mockridges These, versetzt dem begabten Kind so viele Hiebe, bis aus dem Raketenwissenschaftler in spe eben ein Marketing-Student wird. Den privaten Fernsehsender (Sat 1), in dem er auftritt, reiht er ein in seine persönlichen Schicksalsschläge.

Witze über James Blunt und Heidi Klum

Wer zu Luke Mockridge geht, muss den Mut haben, über sich selbst zu lachen, egal ob er aus Ludwigsburg kommt oder Levin heißt. Der Komödiant teilt aus, weder leise noch knapp, nimmt keine Rücksicht, auch nicht auf die eigene Person. Luke Mockridge wird nicht müde, das zu sagen: Er selber ist gerade kürzlich erst 30 Jahre alt geworden, ein Millenien durch und durch. „Ich hab euch erzählt, dass ihr eine laktoseintolerante Drecksgeneration seid“, erinnert er sich. Die Intoleranz hat ihn eingeholt seither. „Kürzlich hab ich einen Milchkaffee getrunken...“ - so beginnt er seine Beichte.

Er rast über die Bühne, windet sich in einer kantig überspannten Körpersprache um unsichtbare Laternenpfähle, röhrt wie ein Hirsch oder wie ein Nilpferd, kneift die blauen Augen eng zusammen, zieht die Stirne kraus und erweist dem Primatenreich wiederholte Referenz. Luke Mockridge kratzt sich ein bisschen, wird wieder zum jungen Menschen, durchläuft alle Stationen, die so einer eben durchlaufen muss: die vielen Feste, den Alkohol („Was feiern wir überhaupt die ganze Zeit?“), die ersten sexuellen Erfahrungen unter dem nämlichen Einfluss. Auf Niveau zielt der hyperaktive Comedian erst gar nicht – aber es gelingt ihm, treffsicher blödelnd, seine Generation dort abzuholen, wo sie sich zuhause fühlt. Und auch wenn es irgendwann arg unter die Gürtellinie geht, auch wenn Mockridges Mimik in der zweiten Hälfte des Programms ermüdet: bösartig derbe Parodien auf James Blunt und Heidi Klum machen sich in Stuttgarts größter Halle nun mal sehr gut.

Zum Schluss gibt es Musik von Coldplay

Zuletzt stolpert der tierähnlich gehetzte Twentysomething durch das Ziel seines 30. Jahrs und kommt an in einer Traumwelt, in der er zu seiner eigenen Popband wird. Luke Mockridge verwandelt sich mit seinen musikalischen Begleitern – Gitarre, Bass, Keyboard, Schlagzeug – in Coldplay, singt von den Zeiten, in denen er die Welt regierte, und vor der Bühne explodieren tausend bunte Bänder. Nur eine Antwort scheint es in seiner Welt zu geben, auf das Leben die Rückkehr in den Sandkasten. „Man wird erwachen, weil man immer nur das Negative sieht“, feixt Luke Mockridge. „Kinder sehen die Welt und sehen einen Vergnügungspark. Wir sehen nur Probleme.“

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