Collegium iuvenum in der Markuskirche Foto: Wetterich

Am 16. Dezember und am 6. Januar präsentieren das collegium iuvenum und das Karlsruher Barockorchester unter der Leitung von Michael Culo Bachs „Weihnachtsoratorium“ in der Markuskirche

Stuttgart - Am 16. Dezember und am 6. Januar präsentieren das collegium iuvenum und das Karlsruher Barockorchester unter der Leitung von Michael Culo Bachs „Weihnachtsoratorium“ in der Markuskirche

Herr Culo, wenn Johann Sebastian Bach jetzt nach Stuttgart käme, um sein Weihnachtsoratorium vom collegium iuvenum zu hören, würde ihm das gefallen?

Er wäre auf jeden Fall höchst erstaunt darüber, wie viele Teilnehmer wir haben. In der Markuskirche sind an den beiden Konzertteilen jeweils mehr als 100 junge Sänger dabei. Bach hat das Werk ja für den Thomanerchor geschrieben, aber bei der Uraufführung 1734 in der Leipziger Thomaskirche waren da nur ein Bruchteil im Vergleich zu unserer Besetzung dabei. Und die konnten gar nicht immer alles mitsingen, sondern mussten zum Teil auch noch Instrumente spielen.

Und wie hätte er es gefunden, dass das sechsteilige Werk aufgeteilt auf den 16. Dezember sowie den 6. Januar jeweils um 17 Uhr in der Markuskirche aufgeführt wird?

Das wird ihn auch ziemlich verwirren. Denn Bach hat die sechs Teile für sechs Gottesdienste an den sechs Feier- und Sonntagen zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar komponiert. Das heute wieder so zu machen, wäre aber eine große Herausforderung für unsere heutigen Besucher. Denn der Gottesdienst zum ersten Teil am 25. Dezember beginnt um 7.30 Uhr und dieser dauert dann – nach heutigem Forschungsstand – mit Predigt, Messe und Gemeindegesang zwischen vier und fünf Stunden. Denn um 14 Uhr würde es dann weitergehen mit einer Vesper. Und an Neujahr wäre selbstverständlich auch in der Frühe ein langer Gottesdienst angesagt. Und das alles jetzt im Winter, in Leipzig, in einer unbeheizten Kirche.

Also betrachten wir das Weihnachtsoratorium aus heutiger Sicht. Warum die Aufteilung in zwei Konzerte?

Eine Aufführung von allen sechs Teilen hintereinander dauert mehr als drei Stunden. Das erschöpft heute zu viele, um dem Geschehen über diese Dauer hinweg interessiert folgen zu können. Heute sind die konzertanten Aspekte eben vorrangig vor den liturgischen. Inzwischen ist es üblich, für das Oratorium zwei Termine anzusetzen. Aber da gibt es auch ein Anliegen von mir: Ich will nicht, dass die Geschichte der heiligen drei Könige im abschließenden Teil schon in der Vorweihnachtszeit erzählt wird.

Dann hat sich schon sehr viel geändert in den Aufführungen in den letzten zweieinhalb Jahrhunderten?

Wir sprechen hier zumindest nicht darum, dass wir uns um eine historische Aufführungspraxis bemühen. Da haben sich die Umstände doch zu sehr geändert. Aber wir wollen schon in vielen Aspekten den historischen Kontext wahren. Das Karlsruher Barockorchester, das uns begleitet, spielt ausschließlich auf alten Instrumenten, verwendet etwa Darmsaiten. Und es spielt Naturtrompeten und –hörner sowie Traversflöten. Vor allem die Streicher müssen aber üppiger besetzt werden, damit sie mit dem Chor korrespondieren können. Und wir machen die Aufführung auf der zu Bach-Zeiten üblichen Grundstimmung von 415 Hertz, das ist ungefähr ein halber Ton tiefer als heute musiziert wird mit 440 Hertz. Überhaupt beachten wir das beim collegium iuvenum: Bei Mozart etwa liegt der Grundton wie zu seiner Zeit üblich bei 430 Hertz.

Und den Jungs macht es heute nach wie vor Spaß, jedes Jahr das Weihnachtsoratorium zu singen?

Es gibt ja einen ständigen Wechsel, auch altersbedingt wechseln die Jugendlichen stets in andere Gruppen, damit wachsen und wechseln ihre Aufgaben. Im Prinzip erneuert sich so alle vier Jahre der Chor komplett neu.

Wie verteilen sich denn die Aufgaben im Weihnachtsoratorium?

Etwa von sechs Jahren an beginnt bei uns die eigentliche Chorarbeit. Die Kleinen sind bereits in die Auftritte eingebunden, indem sie etwa in den großen Chorälen mitsingen. Mit acht Jahren werden sie an die Chorliteratur herangeführt. Zwischen neun und zehn Jahren sind sie dann im Reisechor, danach bis zum Stimmwechsel im Konzertchor. Mit den Erfahrensten beginnen die Proben so ab Anfang November, für die im mittleren Alter ab Mitte Oktober. Und für die Kleinsten beginnt es mit „Jauchzet, frohlocket“ bereits im Sommer während unserer bewährten Chorfreizeit in Michelbach bei Schwäbisch Hall. Dann wissen auch immer die Bewohner dieses Orts, dass die zweite Hälfte des Jahres begonnen hat. Aber da geht es nicht nur ums Singen, sondern auch um das Oratorium und die Weihnachtsgeschichte an sich. Wir stellen da schon fest, dass das Thema Flucht heute auch bei den Kindern präsenter ist als früher. Und die von Bach vertonten Bibeltexte sprechen da schon eine sehr deutliche Sprache. Weihnachten ist für sie jedenfalls nicht nur Schnee und Christbaum.

Was reizt die Jugendlichen sonst noch an solchen Aufführungen?

Prinzipiell schätzen sie es, dass hier Jungs unter sich sein können. Die sind eben schon sehr orientiert am Gedanken des Wettbewerbs. Das heißt, sie wollen die Herausforderung, damit sie diese dann bewältigen können. Und danach wollen sie den Erfolg auskosten. Und das bekommen sie in Form des Applauses. Das ist auch der Unterschied etwa zu einem Fußballspiel: Da gewinnt nur eine Mannschaft, im Chor gewinnen alle. Das kommt gut an.

Und wie motivieren Sie die Jungs immer aufs Neue?

Indem ich ein Problem formuliere, etwa so: An dieser Stelle geht es jetzt darum, diese Note besonders lang zu halten. Schafft ihr das? Schafft ihr es, hier als großer Chor besonders leise zu singen? – Es geht also um das ständige Feilen an der Interpretation, das ist ja eh die große Aufgabe in der klassischen Musik. Und wenn eine Aufführung besonders gelungen ist, mache ich im Abschlussgespräch meinen „Das war Spitze“-Sprung. Natürlich kennen die Jungs heute weder den Fernsehmoderator Hans Rosenthal noch seine „Dalli dalli“-Sendung. Aber das kommt nach wie vor ganz hervorragend an als besonderes Kompliment von mir.

Wenn es eine Hitparade des Weihnachtsoratoriums vom Chor gäbe, was wäre da die Nummer eins?

Sicherlich der Eingangschoral des ersten Teils „Jauchzet, frohlocket“. Ganz weit vorne dürfte auch „Ehre sei Gott in der Höhe“ sein. Wobei generell die Eingangschoräle am beliebtesten sind. Aber das ändert sich dann auch je nach Altersstufe. Die Älteren geben „Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben“ den Vorzug, die Kleinen mögen dagegen eindeutig „Ach mein herzliebes Jesulein“.

Bereits am 15. Dezember gibt es um 11 Uhr in der Markuskirche ein Weihnachtsoratorium für Kinder von fünf Jahren an. Ist das eine Art Best-of-Kurzversion?

Nein, das ist eine szenische Fassung des Salzburger Musikers Michael Gusenbauer. Er stellt einige Instrumente vor und zeigt etwa, welche Instrumente spielen, wenn es um fliegende Engel geht oder weshalb die Trompete das königliche Instrument spielt. Das bettet er in eine Erzählung der Weihnachtsgeschichte ein. Und das collegium iuvenum, das Karlsruher Barockorchester und die Solisten stellen einige Stücke des Oratoriums vor. Da betreiben wir auch Werbung in eigener Sache: Selbst die teuerste Musikanlage zuhause kann das Live-Erlebnis nicht wiedergeben. Und wir machen auf unseren Chor aufmerksam.

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