Der CSD stand dieses Jahr unter dem Motto „Expedition Wir“. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Mit 6000 Teilnehmern und 170.000 Zuschauern ist die Parade des CSD in Stuttgart größer denn je. Aber trotz aller Feierei der Dragqueens und menschlichen Hunde zeigt sich, dass die Community noch längst nicht an ihrem Ziel angekommen ist.

Stuttgart - Erneut hat die Polit-Parade des Christopher Street Day (CSD) in Stuttgart einen Rekord gebrochen. 93 Gruppen mit 6000 Teilnehmern: So viele sind noch nie bei der Demonstration für Schwule, Lesben, ­Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender, Intersexuelle und queere Menschen mit­gelaufen. Laut Polizei haben am Samstag um die 170 000 Menschen den Umzug vom Erwin-Schoettle-Platz im Stuttgarter ­Süden bis zum Karlsplatz verfolgt. „Es ist die ganze Zeit ruhig geblieben“, sagt ein Sprecher der Polizei. Der CSD im Überblick:

15.15 Uhr, Erwin-Schoettle-Platz:
In wenigen Minuten geht es los. Die Böblinger Straße ist bereits seit Stunden belagert. Federica zupft sich die Federn zurecht. Die Dragqueen schaut sich das Treiben vom Straßenrand aus an. Trotzdem hat sie sich mächtig rausgeputzt mit einem Korsett, einer Netzstrumpfhose und Wimpern in einer Länge, von der wohl viele Frauen träumen: „Ich stand seit heute Morgen im Bad“, berichtet die Dragqueen und lacht. „Aber für den CSD lohnt sich das.“

Auch Firmen sind dieses Jahr dabei

15.45 Uhr, Marienplatz: Es wird laut. Musik wummert aus Boxen, die Zuschauer pfeifen, dann geht es los. Den Anfang macht eine Gruppe auf Motorrädern. Alle haben sich die obligatorische Regenbogenfahne umgehängt und tragen bunte Accessoires. Von einem Balkon winkt ein Mann mit einem farbenfrohen Staubwedel. Die Demonstranten jubeln ihm zu.

16.10 Uhr, Tübinger Straße:
Vor dem Gerber sitzt die Jury des CSD. Sie beurteilt die Teilnehmer des Zuges, bewertet ihre politische Botschaft, Kreativität und die Umsetzung. Eine Dragqueen kommt vorbei, die als Roller verkleidet ist: mit Rad und Radkappe auf dem Kopf und den Seitenspiegeln am Büstenhalter befestigt. Weniger schrill ist eine Gruppe von Lesben, die gegen die lesbische AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel demonstrieren. Auch die Wägen von Bosch oder Daimler sind recht unauffällig, die Mitarbeiter machen aber nicht weniger Party: Die – vorrangig jungen – Menschen tragen T-Shirts mit politischen Botschaften, spielen lautstark Poplieder und tanzen.

Plötzlich taucht ein Paar mit menschlichem Hund auf

17 Uhr, Eberhardstraße:
Marie und Vanessa können kaum die Finger voneinander lassen, immer wieder nehmen sie sich in den Arm. Die beiden jungen Frauen führen eine Fernbeziehung zwischen Ulm und Berlin – und treffen sich an diesem Wochenende in Stuttgart. „Wir sind zum ersten Mal beim CSD und finden es total cool“, sagt Marie. Vanessa ergänzt: „Ich finde es wichtig, dass auch Firmen dabei sind und sich unserer Community öffnen.“ Dem schwulen Philipp ist der CSD zu ernst: „Ich hätte gerne noch mehr Party und weniger Politik. Trotzdem werde ich auch nächstes Jahr wiederkommen.“

17.50 Uhr, Marktplatz: Auf einmal taucht ein aufsehenerregendes Paar auf: Christoph hält Jörg an einer Leine, dieser bewegt sich auf allen vieren und trägt eine Hundemaske. Die zwei Heilbronner erzählen: „Wir haben dieses Outfit bei einem Paar auf einer ­Fetischparty auf Gran Canaria gesehen. Wir wollten das unbedingt auch haben, in Berlin haben wir dann die Maske gefunden. ­Seitdem gehen wir zu jedem CSD und allen Fetischveranstaltungen so.“

„Wir haben noch viel zu tun“

18.40 Uhr, Schlossplatz: Die Parade ist vorbei, nun folgt die Kundgebung. Die Generalsekretärin der FDP, Judith Skudelny, hat in diesem Jahr die Schirmherrschaft des CSD übernommen. Sie sagt: „Auch wenn der Weg nicht immer einfach ist, müssen wir ihn ­weitergehen. Gemeinsam sind wir bunt und stark.“

Christoph Michl, der Geschäftsführer der Interessengemeinschaft des Christopher Street Day in Stuttgart, ist froh, dass auch so viele Heterosexuelle Jahr für Jahr zum CSD kommen: „Wir als politische Minderheit können nicht alleine für unsere Interessen kämpfen.“ Dass schwule und lesbische Pärchen nun seit knapp einem Jahr heiraten dürfen, sei ein großer Erfolg – aber damit sei längst nicht alles erreicht: „Homo- und bisexuelle Männer dürfen nach wie vor nur dann Blut spenden, wenn sie ein Jahr lang keinen Sex hatten. Das wünsche ich mir ­anders.“ Außerdem gehöre das Transsexuellengesetz „auf den Müll“. „Wir haben noch viel zu tun“, sagt er. Dann wird es wieder fröhlicher, die Menge zieht zum CSD-Straßenfest am Markt- und Schillerplatz. Dort wird das ganze Wochenende über Vielfalt gefeiert.

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