Christian Neureuther mit Ehefrau Rosi Mittermaier in Bayreuth Foto: imago images / Future Image

Christian Neureuther will mit dem Buch "Never give up" Menschen helfen, die von Arthrose betroffen sind. Wie er selbst damit umgeht, verrät er im Interview.

Der ehemalige Weltklasse-Skifahrer Christian Neureuther (70), selbst Arthrose-Patient, hat zusammen mit Prof. Dr. Christian Fink, einem bekannten Innsbrucker Unfallchirurgen, ein Programm entwickelt, mit dem sie Arthrose-Patienten helfen wollen, in Schwung zu kommen. In dem Buch "Never give up: Fit und vital mit Arthrose" (ZS Verlag) gibt es viele Tipps und Fallbeispiele. Wie er selbst mit der Gelenkerkrankung umgeht, erklärt Neureuther im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news. Zudem schwärmt er von Ehefrau Rosi Mittermaier (69) und Sohn Felix Neureuther (35).

Das Buch "Never give up: Fit und vital mit Arthrose" von Christian Neureuther, Dr. Christian Fink und Frank Bömers gibt es hier

Lieber Herr Neureuther, zusammen mit Dr. Christian Fink und Frank Bömers haben Sie das Buch "Never give up: Fit und vital mit Arthrose" verfasst. Was ist das Wichtigste, was Sie Ihren Lesern darin sagen wollen?

Christian Neureuther: Ich will sagen, ihr habt Arthrose, das ist bitter und tut weh und ist mit Einschränkungen verbunden. Daneben gibt es aber trotzdem viel Neues und Schönes zu entdecken. Bitte bleibt auf der Suche und gebt nicht auf. Bleibt nicht daheimsitzen. Entscheidend ist die positive Erfahrung, dass ich mich trotz Arthrose weiterhin bewegen kann, wenn auch etwas eingeschränkt. Ich merke, wie die regelmäßige Bewegung meinem Knie guttut und die Aktivität, besonders in der Natur, meinen Gemütszustand verbessert.

"Eine positive Einstellung ist die beste Heilmethode", heißt es im Buch. Was raten Sie Menschen, die eine positive Grundeinstellung nicht von Natur aus haben?

Neureuther: Ich bin von klein auf immer positiven Einflüssen ausgesetzt gewesen, das hat mich stark geprägt. Und ich möchte auch selbst allen Menschen möglichst freundlich und positiv gegenübertreten. Wenn es meinem Umfeld daraufhin besser geht, geht es mir auch besser. Ich glaube an die Wirkung solcher Einflüsse. Das ist die beste Heilmethode und inzwischen ja auch wissenschaftlich erwiesen.

Und wenn es Ihnen einmal schlecht geht?

Neureuther: Dann hilft die Erinnerung an das, was ich alles schon gemacht habe oder welchen Blödsinn ich schon angestellt habe. Das hilft ungemein, um wieder neuen Blödsinn zu versuchen. Ich weiß natürlich, dass nicht jeder so einen inneren Antrieb hat wie ich. Und manchmal tue auch ich mir nicht weniger leicht. Es ist ja auch extrem anstrengend, neugierig zu sein. Wie gut, dass ich eine Familie habe, in der keiner den Papa und Opa auf der Couch liegen lässt. (lacht)

Ab wann war Ihnen selbst bewusst, dass Sie Ihren bisherigen Lebensstil verändern müssen und gab es da auch mal psychische Tiefpunkte, mit denen Sie zu kämpfen hatten?

Neureuther: Nach der OP mit der Diagnose Arthrose verlief der Heilungsprozess viel langsamer als erhofft. Noch Wochen danach konnte ich mit dem Skischuh nicht einmal mehr in die Skier steigen, ohne mit dem anderen Bein nachzuhelfen. "Au weh", dachte ich, "jetzt kannst du das Skifahren vergessen und als Skiexperte bei der ARD brauchen sie dich auch nicht mehr". Doch so leicht gibt man seine große Liebe nicht auf. "Jetzt erst recht, das packe ich wieder", dachte ich mir. Und eines habe ich mir geschworen: Ein neues Knie gibt's bei mir noch lange nicht! Bevor ich mich operieren lasse, probiere ich wirklich alle Alternativen aus.

Dementsprechend haben Sie mit dem Sportmediziner Professor Wolfgang Pförringer auch eine Wette laufen, richtig?

Neureuther: Dr. Pförringer ist ein guter Freund und ein hervorragender und bekannter Orthopäde, den ich sehr lange kenne. Er hat mir bei einer Arthroseprodukt-Präsentation vorhergesagt, dass ich mal ein künstliches Knie bräuchte. Das ist circa 18 Jahre her. Ich habe mit ihm gewettet, dass ich das ohne künstliches Knie schaffen würde, weil ich alles ausprobieren würde, was mir helfen könnte. Und bisher ist alles gut gegangen.

Meditationen können das Schmerzempfinden reduzieren. Greifen Sie selbst auf solche Entspannungstechniken zurück?

Neureuther: Meine Meditation beziehungsweise meinen Ausgleich finde ich bei Wanderungen in den Bergen, möglichst abseits der viel begangenen Wege, beim Blick ins Tal. Geist und Seele sind dort, wo man Glück findet. Für mich ist das eben in der freien Natur. Und natürlich überall, wo Rosi ist. Ich habe von unserem Wohnzimmer aus die Berge immer im Blick. Jedes Mal, wenn ich rausschaue, erinnere ich mich daran, wie gern ich dort unterwegs bin und wie gut es mir dort draußen geht.

Sie haben Ihren Sohn Felix im Laufe seiner Karriere auch durch einige Verletzungen begleitet. Wie haben Sie es geschafft, in so akuten Situationen die positive Einstellung beizubehalten?

Neureuther: Als Felix 17 war, sagte ihm der hiesige Radiologe: "Mit diesem Knie kannst du den Leistungssport vergessen." Er war verzweifelt. Mit 17 schon einen irreparablen Knorpelschaden und eine OP? Das wollte ich nicht akzeptieren. Wir haben uns eine zweite Meinung eingeholt und dieser Arzt meinte: "Das bekommen wir auch ohne OP hin." Nur wenige Tage später konnte Felix schon wieder mit leichtem Training beginnen. Wir sind über die Jahre noch öfter zur Behandlung dorthin gefahren. Diese Fahrten sind unvergesslich und haben uns stark zusammengeschweißt. Auf Felix kamen noch viele verletzungsbedingte Herausforderungen zu, aber eines hat auch er gelernt: dass man sich nie mit schlechten Prognosen zufriedengeben darf, sondern Auswege suchen muss und ein Umfeld braucht, das positiv auf einen wirkt.

Felix hat nach 16 Jahren seine Karriere vor einigen Monaten beendet. Was haben Sie ihm für Tipps mitgegeben für die Zeit danach?

Neureuther: Bei Felix läuft es gerade richtig gut. Er wird erneut Vater und er wird im kommenden Winter als ARD-Experte weiterhin seinem Rennsport treu bleiben können. Dann allerdings in neuer Funktion, aber mit der gleichen Leidenschaft. Er führt damit eine Familientradition fort, denn Rosi und ich waren ja auch nach unseren Karrieren beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen tätig. Felix ist sehr bodenständig, er hat seinen Sport geliebt und am Hang alles gegeben, aber Medaillen oder Pokale findet man bei ihm zu Hause keine. Ihm ging es immer um Werte und nicht um Äußerlichkeiten. Das verdeutlichen auch seine wunderbaren Kinderbücher, die er mit seiner Frau schreibt. Sein drittes erscheint jetzt im Herbst.

In Bewegung bleiben ist einer der wichtigsten Ratschläge aus Ihrem Buch. Was sind derzeit Ihre Lieblingssportarten und müssen Sie auch ab und zu einen inneren Schweinehund überwinden?

Neureuther: Ich möchte fast sagen, dass nach dem einschneidenden OP-Erlebnis mein Sportlerleben noch abwechslungsreicher geworden ist. Schließlich haben Rosi und ich dadurch Sportarten entdeckt, die wir sonst vermutlich nie so intensiv betrieben hätten. Okay, ich spiele kein Tennis mehr, dafür haben wir aber mit Nordic Walking eine Sportart in Deutschland groß gemacht, die als die Arthrose-Sportart überhaupt gilt. Mein persönlicher Favorit aber ist das Bergwandern mit Stöcken. Ich finde, dass man die Arthrose nirgendwo schneller vergisst als in den Bergen.

Auch wenn die Arthrose den Auf- und Abstieg erschwert?

Neureuther: Selbst, wenn man wegen seiner Gelenkprobleme nicht mehr rauf und erst recht nicht mehr runterkommt: Allein eine Gondelfahrt auf den Berg und eine Wanderung oben im eher ebenen Gelände lässt die Seele Purzelbäume schlagen.

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