Er gibt vor, das Publikum zu verachten, und braucht es doch: Chilly Gonzales Foto: Opus

Egal was er macht, die Leute lachen: Der kanadische Pianist und Komiker Chilly Gonzales, dessen wahre Identität niemand kennt, war zu Gast im Innenhof des Alten Schlosses.

Stuttgart - „Ist der nicht toll!“, sagt eine Frau nach dem sehr unterhaltsamen Konzert von Chilly Gonzales im Alten Schloss zu ihrem Begleiter. Meint sie jetzt „toll“ in der alten Bedeutung von „verrückt“, oder findet sie Gonzales einfach nur klasse? Tollkirsche oder Herzkirsche? Beim exzentrischen Pianisten aus Montreal trifft beides zu. Bei ihm finden Genie und Wahnsinn zueinander, hohe Empfindsamkeit begegnet lächerlicher Megalomanie und erstaunliche Fingerfertigkeit verbindet sich mit arroganter Wichtigtuerei zu einem ganz und gar unverwechselbaren Ganzen: zur Kunstfigur Chilly Gonzales.

Nicht so ein verschmitzt-lieber Entertainer ist er wie Helge Schneider, mit dem der Wahlkölner Gonzales gelegentlich auftritt. Dieser gibt nämlich vor, das Publikum zu verachten, kann aber ohne es nicht sein. Keinem Journalisten ist es gelungen, hinter die Fassade seiner Inszenierung zu blicken. Was für ein Mensch verbirgt sich unter der schrillen Oberfläche? Wer ist dieser Chilly Gonzales, dessen bürgerlicher Name Jason Charles Beck lautet? Wir wissen es nicht.

Das Publikum folgt dem Künstler

Aber wir erleben ihn. Bei Jazz Open Im Innenhof des Alten Schlosses neben dem Reiterstandbild des würdigen Grafen Eberhard im Bart hat Gonzales auf der erleuchteten Bühne feierlich Platz genommen. Wahrscheinlich wäre der Herzog von Württemberg entsetzt davongesprengt, hätte er mit ansehen müssen, wie einer in Bademantel und Pantoffeln sich an den Flügel setzt und in die Tasten greift. Doch leben wir nicht im 15. Jahrhundert, wir leben in postmodernen Zeiten. Da heißt es: Anything Goes – alles ist möglich. Auch der Stilpluralismus, den Chilly Gonzales hier so genussvoll zelebriert.

Das durch die romantisch angehauchte Komposition „Gogol“ aufs Allerliebste eingestimmte Publikum folgt dem 47-jährigen Tastenlöwen bereitwillig überallhin: in harmonische Klanglandschaften bis an die Ränder des Kitsches, hinein in heftige Rock-Regionen, in swingende Jazzgefilde, sogar ins Technoland und zu den Brennpunkten des Rap. „Ich bin kein Rapper“, betont Gonzales – und Eminem würde ihm mit Sicherheit Recht geben – „aber“, fügt er listig hinzu, „ich rappe sehr viel.“ Auf einen Fingerzeig des musikantischen Pantoffelhelden verwandelt sich das Publikum am Ende in einen summenden Innenhof-Chor, den er zunächst freundlich mit kultiviertem Spiel begleitet, um dann dem Singen mit heftigen Synkopen gegen den fließenden Rhythmus ein jähes Ende zu bereiten.

Der Flügel kann einem leidtun

Gonzales‘ Anschlag ist butterweich und schmetterlingszart, wenn er melodiös und brav spielt, wehe aber, wenn er bei einem unvermittelt furiosen Ausbruch mit derart hammerharten Cluster-Schlägen auf Ebenholz und Elfenbein eindrischt, dass einem der arme Bechstein im Herzen leidtut. Der Klavierstimmer wird’s danach richten müssen. Egal, was er mit seiner wilden Mischung aus Deutsch und Englisch sagt, die Leute lachen, egal, was er spielt und was er tut, sie lachen. Er bittet die vier adretten Streicher vom Kaiser Quartett, die sich nach Haydn benannt haben („Gott erhalte Franz, den Kaiser“), auf die Bühne und lässt sich von ihnen auf seinem wilden Ritt durch Genres und Stile begleiten.

Als sie einmal ohne ihn ein klassisches Stück spielen, das Gonzales ausgerechnet „Großraumdisko“ tauft, legt er sich der Länge nach auf den Bühnenboden und lauscht verzückt. Danach sagt er über dieses Quartett, es seien „die teuersten Sampler der Welt“. Eine andere seiner Vokabeln ist „reinschmutzen“. So nennt er sein Verfahren, etwa „Smells like Teen Spirit“ von Nirvana mit „Hit me Baby one more Time“ von Britney Spears in einer einzigen Nummer zu vermischen. Seine nicht ganz wörtliche Übersetzung: „Schlag mir Kinder noch einmal“. Wieder wird lauthals gelacht. Ein Medley aus seinen Solo-Piano-Alben widmet er seinen ungarisch-jüdischen Vorfahren. Da scheint er tatsächlich einmal die Aufforderung zu befolgen, die der Titel eines jüngst über ihn gedrehten Films bereithält: „Shut Up and Play! – Halt den Mund und spiel einfach!“

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