Rücktritt vom Amt des US-Verteidigungsministers: Chuck Hagel,unabhängiger Denker aus den Reihen der Republikaner, im Kreise seiner Soldaten Foto: EPA

Als der Republikaner Chuck Hagel im Februar letzten Jahres das Pentagon übernahm, erschien das als geschickter Schachzug Obamas. Jetzt lässt Obama ihn fallen. Will der Präsident eine härtere Gangart gegen die IS-Milizen?

Washington - Zum Abschied gab es eine herzliche Umarmung des Präsidenten und stehende Ovationen im Weißen Haus. Barack Obama zog bei dem kurzfristig angesetzten Auftritt auch sonst alle Register, Spekulationen zu zerstreuen, er habe den einzigen Republikaner in seinem Kabinett gefeuert. Das Gegenteil sei richtig, beteuert der Präsident, während Hagel zustimmend mit dem Kopf nickt.

Der Pentagon-Chef sei zu ihm gekommen und habe das Gespräch gesucht. „Ich lasse dich nur sehr ungern ziehen“, versichert Obama seinem Pentagonchef. Sichtbar gerührt dankte der scheidende Verteidigungsminister Barack Obama und Vize-Präsident Joe Biden für „das größte Privileg in meinem Leben“. Er werde den Präsidenten auch nach seinem Rücktritt unterstützen. Hagel versprach, „bis zur Bestätigung meines Nachfolgers im Amt zu bleiben“. Weder Obama noch Hagel nannten bei ihren öffentlichen Äußerungen einen Grund für die überraschende Demission.

Im Umfeld des Weißen Hauses hieß es, die Zeiten hätten sich geändert. Als Obama seinen Freund und Vertrauten aus gemeinsamen Tagen im Senat im Januar 2013 für den Spitzenjob nominiert hatte, sei es darum gegangen, den Rückzug aus Afghanistan zu organisieren und den Pentagon-Haushalt zu schrumpfen. Dafür sei Hagel der richtige Mann gewesen. „Die nächsten beiden Jahre verlangen einen anderen Fokus“, zitiert die „New York Times“ einen hohen Mitarbeiter Obamas. Hagel war mit seiner zurückhaltenden Militärstrategie eine Zielscheibe der Kritik der Republikaner, die Obamas Regierung Zaudern vorwerfen. Beobachter werten den Rücktritt auch als Konsequenz aus der Wahlschlappe bei den Kongresswahlen.

Aus dem Pentagon seien zu Syrien, zum Aufstieg des sogenannten Islamischen Staats (IS) bis hin zur Ebola-Krise zum Teil widersprüchliche Signale gekommen, hieß es. Hagel machte sich intern vor allem mit seinen öffentlichen Äußerungen zum IS unbeliebt. Während das Weiße Haus über Wochen die Botschaft verbreitete, die Terrorgruppe könne man nicht mit der El Kaida vergleichen, bezeichnete Hagel den IS als eine Bedrohung, „die über alles hinausgeht, was wir gesehen haben“. Im Umfeld des Ministers heißt es, insbesondere das Verhältnis zwischen Hagel und der Nationalen Sicherheitsberaterin Susan Rice sei gespannt. Die beiden seien nicht immer einer Meinung gewesen.

Krieg war für den Veteranen stets das letzte Mittel. Auch von daher schien er der richtige Mann für Obama zu sein. Hagel diente in Vietnam, arbeitete als Radio-Talkshowmoderator und wurde unter Präsident Ronald Reagan Vizechef des Veteranenamts. Er wechselte zeitweise in die freie Wirtschaft, von 1997 bis 2009 war er Senator, vor 2013 Chef der Denkfabrik Atlantic Council und Professor an der Washingtoner Georgetown University. Vor allem in seinen Jahren im Senat und danach entwickelte sich Hagel zunehmend zu einem unabhängigen Denker. Er war eher eine Taube denn ein Falke, was vielen Republikanern gar nicht passte. Immer wieder sagte Hagel, dass ihm seine Fronterfahrungen in Vietnam im Pentagon zugutekomme: Er wisse, was es bedeute, Soldat zu sein.

Offen blieb, wen der Präsident zum Nachfolger nominieren wird. Als heiße Anwärterin gilt die frühere Staatssekretärin im Verteidigungsministerium, Michèle Flournoy. Sie wäre die erste Frau in dem Amt und genießt über die Parteigrenzen hinweg hohes Ansehen. Insbesondere wird ihr ein gutes Verhältnis zu dem künftigen Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses im US-Senat, John McCain, nachgesagt. Beobachter meinen, ihre Berufung könnte es für Obama leichter machen, den wichtigen Posten schnell zu besetzen, da ihre Bestätigung durch den künftig von den Republikanern geführten Senat weniger kontrovers verlaufen werde.

Dieses Plus hat auch Senator Jack Reed aus Rhode Island, der vor seiner Karriere in der Politik als Offizier diente. Ein Sprecher Reeds dementierte aber das Interesse des Demokraten an dem Top-Job im Pentagon. Dritter im Bunde der Anwärter ist der frühere stellvertretende Pentagon-Chef Aston B. Carter, der im Ruf eines Technokraten steht. Die Republikaner deuteten an, sie könnten die Bestätigungs-Anhörungen im Senat unabhängig von der Nominierung als Retourkutsche für den Alleingang des Präsidenten bei der Einwanderung benutzen

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