Geselligkeit steht bei den Mitgliedern des Chaos Computer Club Stuttgart im Vordergrund. Von links: Adrien Beaucreux (2. Vorsitzender), Matthias Maier, Stefan Schlott und Sprecherin Andrea "Princess" Wardzichowski. Foto: Köhler

Der Chaos Computer Club liebt Technik und Internet. Er ist aber kein Haufen einsamer Nerds.

Stuttgart - Nachts um halb 3. Ein Computer steht in einem abgedunkelten Raum auf einem Schreibtisch. Vor dem Rechner sitzt ein junger Mann in Schmuddelklamotten. Er nimmt seine Umwelt nicht wahr, so vertieft ist er in das Geschehen auf dem Bildschirm. Neben dem Rechner liegen leere Pappkartons. Die leeren Getränkedosen sind längst auf den Boden gefallen.

Ein solches Bild trifft auf so manchen Computerfreak, auch Nerd genannt, sicher zu. Auf die Mitglieder des Chaos Computer Club Stuttgart (CCCS) nicht. Obwohl die Frauen und Männer sich in ihrer Freizeit mit Technik und Internet beschäftigen, ja sogar die meisten von ihnen in der IT-Branche arbeiten.

Sprecherin Andrea „Princess“ Wardzichowski (42) und Adrien Beaucreux (30), der zweite Vorsitzende, lachen, wenn sie mit den Klischees konfrontiert werden. „Pizza schmeckt doch besser, wenn sie geteilt wird“, sagt Beaucreux, der als Programmierer arbeitet. Zum Beispiel bei Geekends.

Geekends sind Wochenenden, an denen die Mitglieder sich bei einem anderen Mitglied zuhause treffen, kochen, essen und basteln. Basteln bedeutet: Sie löten oder bringen alte Computer wieder zum Laufen. „Technische Basteleien halt“, sagt Stefan Schlott. Einmal im Monat findet ein Stammtisch statt und die Mitglieder machen oft Ausflüge. "Das ist ebenso eine Form der Vernetzung." Beaucreux lacht. Geselligkeit ist den CCCS-Mitgliedern ebenso wichtig wie das Innenleben ihres Computer.

Aufklärung steht im Vorderund

Auch die Würstchen, die bei der Geburtstags-Grillparty am 16. Juli brutzelten, schmeckten in geselliger Runde besser. In diesem Jahr feiert der CCCS sein Zehn-Jahr-Bestehen. Der Verein ist ein Ableger des 1981 gegründeten Chaos Computer Club (CCC) mit Sitz in Hamburg. Seine Mitglieder sind bundesweit in regionalen und lokalen Gruppen organisiert. Sie haben sich dem Datenschutz und der Informationsfreiheit verschrieben, sie mischen sich ein, sie kritisieren. Der feste Kern des CCCS besteht aus 20 Mitgliedern, daneben hat er mehr als 140 Unterstützer und Freunde.

Während manche Clubs mit Wirtschaftsunternehmen zusammenarbeiten, als Sicherheits-Berater oder Gutachter gefragt sind, Systeme ergründen und verstehen möchten, wie etwas technisch funktioniert und so technische Lücken aufdecken, klärt der CCCS die Öffentlichkeit vorwiegend mit Vorträgen auf.

Spaß am Gerät und am Netz

Spaß am Gerät und am Netz

Die Vorträge beschäftigen sich mit den Themen Sicherheit, Datenschutz, Überwachung, Neue Technologien und biometrische Ausweise mit RFID-Chips. „Viele Nutzer sind sich über die Gefahren nicht bewusst oder machen Bedienungsfehler“, sagt Wardzichowski. Sie arbeitet bei einem Internet-Provider, der Netzzugänge und Internetdienste für Universitäten und Forschungseinrichtungen herstellt.

Am Anfang bot der Club ein paar lose Informationsveranstaltungen an. Seit Oktober 2004 gibt es jeden Monat in der Stadtbücherei Stuttgart einen Vortrag. „Wir haben festgestellt, dass jeder von uns etwas über Computerthemen weiß“, erinnert sich Wardzichowski. Das war der Beginn der Vortragsreihe. Mit der Resonanz sind die Computerfreunde zufrieden.

30 bis 40 Zuhörer kämen immer, da mag das Thema noch so technisch klingen, oder ein noch so wichtiges Fußballspiel im Fernsehen laufen. Zu den weiteren Aktivitäten des Vereins zählt die Teilnahme an Online-Petitionen und an Demonstrationen. "Ich habe auch schon oft den Bundestag angeschrieben", sagt Wardzichowski.

Technikfreaks von klein auf

Die Mitglieder beschreiben sich als Menschen, die Spaß am Gerät und am Netz haben. Bereits als Kinder interessierten sie sich für Technik. "Mit 13 Jahren habe ich mir zu Weihnachten ein Konstruktions-Baukastensystem von Fischertechnik gewünscht", sagt Wardzichowski - und sie hat es bekommen. In der Schule entschied sie sich für Informatik und später ließ sie sich zur mathematisch-technischen Assistentin ausbilden.

Ihr Technikinteresse ist nicht allein der Grund dafür, dass Wardzichowski ein Computercrack geworden ist. "Meine Eltern haben mich nicht davon abgehalten." Schon damals galt Technik als Jungs-Ding. Beaucreux ist dagegen in einer technikfeindlichen Familie aufgewachsen. "Wir besaßen noch Ende der 1980er-Jahre ein Telefon mit Wählscheibe." Das konnte ihm seine Lust an Technik aber nicht nehmen. Nach seinem Abitur studierte er in Frankreich Informatik.

Facebook gehört nicht zum Alltag

Soziale Netzwerke wie Facebook, MeinVZ oder „Wer-kennt-wen“ gehören allerdings nicht zum Alltag aller Mitglieder. Wardzichowski beispielsweise ist nur bei Xing angemeldet. Und selbst dort gibt sie Daten höchst sparsam von sich preis. Ihr Vertrauen in die Betreiber hält sich in Grenzen. „Den Plattformen kann man trauen, so weit man den Programmierer werfen kann.“ Beim Programmieren gehe immer etwas schief und die verwendete Software sei fehlerhaft, wie bei anderen großen Programmen eben auch.

Über Skandale wie jüngst bei Sony, wo Daten von fremden Servern ausgelesen wurden, wundern die CCCS-Mitglieder sich längst nicht mehr. Im Gegenteil. "Wir finden es erstaunlich, dass noch nicht mehr passiert ist", sagt Schlott. Gedanken an einen Super-Gau, zum Beispiel daran, dass die Weltwirtschaft zusammenbricht, geben sie sich jedoch nicht hin. Schlott schaut zuversichtlich drein. "Das Internet ist viel zu schön, um es schwarz zu malen."

Der nächste Vortrag des CCCS ist am 11. August um 19.30 Uhr in der Stadtbücherei Stuttgart. Geplant sind Kurzvorträge verschiedener Referenten. Der Eintritt ist frei.

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