Bei Ticketpreisen gibt es keine Grenze nach oben Foto: StN

Fußballfans freuen sich zum Ende der Saison auf packende Finalspiele. Schwarzmarkthändler freuen sich aufs große Geld. Mit Tickets ist mehr Reibach zu machen denn je – und die Veranstalter stehen dem Treiben trotz Verboten weitgehend hilflos gegenüber.

Stuttgart - Fußballfans freuen sich zum Ende der Saison auf packende Finalspiele. Schwarzmarkthändler freuen sich aufs große Geld. Mit Tickets ist mehr Reibach zu machen denn je – und die Veranstalter stehen dem Treiben trotz Verboten weitgehend hilflos gegenüber.

Die Liebe zum Verein des Herzens verlangt bisweilen vollen Körpereinsatz. Und sie kann schmerzhaft sein. Als sich in Dortmund vor dem Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid endlose Schlangen an den Kartenhäuschen bildeten, sah mancher Schwarz-Gelbe rot. Immer wieder musste die Polizei in dieser Nacht anrücken, um Schlägereien zu unterbinden. Schließlich erhöhte jeder Meter weiter vorn die Chancen darauf, eines der begehrtesten Güter unserer Zeit zu ergattern: Karten für ein wichtiges Fußballspiel.

Landauf, landab streiten die Fans des runden Leders darüber, wer wohl Tickets für welche Begegnung erhält und wer nicht. In Stuttgart wollten 51 000 Anhänger ihre Mannschaft zum Pokalfinale in Berlin begleiten. 21 000 hatten Glück. Über die Verteilmodalitäten wird dort ebenso hitzig diskutiert wie in Dortmund oder München vor dem Endspiel in der Champions League im Londoner Wembley-Stadion. Wer zum Zug kommt, wähnt sich im siebten Himmel. „Mein Ticket“, jubelt ein Dortmunder Anhänger freudetrunken, „ist die Eintrittskarte zum Paradies.“

Ticketpreise: Nach oben sind keine Grenzen gesetzt

Dafür ist so mancher bereit, fast jeden Preis zu bezahlen. Die Stunde der Schwarzmarkthändler schlägt. Für Wembley sind auf Internetplattformen keine Karten unter 1000 Euro mehr zu haben. Das Berliner Pokalfinale gibt’s deutlich günstiger – mit Preisen von 250, 300 Euro an aufwärts, aber immer noch viel teurer als ursprünglich vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) vorgesehen. Nach oben sind keine Grenzen gesetzt. Bei vielen Angeboten liegt der Verdacht nahe, dass die Karten nur gekauft worden sind, um einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen. Manche Fans, die wirklich ins Stadion wollten, gehen wegen solcher Händler leer aus.

Moralisch mag das fragwürdig erscheinen – doch welche Konsequenzen der Schwarzmarkthandel hat, ist umstritten. Strafrechtlich spielt er keine Rolle. Es sei denn, es würden gefälschte Tickets angeboten und Kunden betrogen. Vor solchen Fällen warnen die Veranstalter eindringlich. „Wir raten dringend davon ab, Karten auf dem Schwarzmarkt oder über Agenturen zu erwerben, da diese Tickets oft gefälscht sind oder gar nicht existieren“, sagt ein Sprecher des Europäischen Fußballverbands Uefa.

Doch auch der überteuerte Weiterverkauf von echten Karten ist den Verbänden ein Dorn im Auge. „Wir stehen dem sehr kritisch gegenüber“, heißt es beim DFB in Frankfurt. Diese Praktik konterkariere eine sozial­verträgliche Preispolitik und gefährde zudem die Sicherheit im Stadion, weil der ­Veranstalter so nicht wisse, wer in den Besitz der Karten komme. Aus diesen Gründen ­tolerieren Vereine und Verbände nur die Weitergabe von Karten, wenn jemand nicht zum Spiel kann und keinen großen Aufpreis verlangt.

Der DFB verbietet den Handel mit Karten fürs Pokalfinale

Beim Champions-League-Finale sind die Tickets mit Name und Geburtsdatum des Käufers personalisiert und dürfen nicht weitergegeben werden. Wer trotzdem eines kauft, muss damit rechnen, nicht ins Stadion gelassen zu werden – falls es die angekündigten Kontrollen tatsächlich gibt. Der DFB verbietet den Handel mit Karten fürs Pokalfinale oder für Spiele der Nationalmannschaft und droht Vertragsstrafen an. Viele Bundesligisten untersagen dies ebenfalls in ihren Geschäftsbedingungen und drohen dem Verkäufer mit Sanktionen.

Doch ob die überhaupt wirksam wären, ist umstritten. „Wir haben umfassende Rechtsanalysen betrieben. Die Meinungen gehen weit auseinander“, sagt Stefan Heim, Direktor beim Bundesligisten VfB Stuttgart. Das Recht auf Eigentum genieße einen sehr hohen Stellenwert. Bis zum Ende vor Gericht durchverhandelt worden sei der Sachverhalt noch nie, die Juristen des Vereins allerdings seien sicher, dass ein richtiger Ansatzpunkt erst dann besteht, wenn jemand gewerblich mit überteuerten Karten handelt. „Das muss man allerdings erst einmal belegen, und das ist schwierig“, so Heim, „wir versuchen, im Rahmen unserer Möglichkeiten dagegen vorzugehen.“ Ein paar Erfolge hat es dabei schon gegeben, denn einige Händler wurden erwischt – und für weitere Kartenkäufe gesperrt.

Um das Risiko zu verringern, zeigen sich die Händler findig. Viele überkleben auf Fotos von Eintrittskarten im Internet alle persönlichen Angaben, Platznummern und Sitzreihen. So wollen sie verhindern, dass die Veranstalter den Händler ermitteln und womöglich für die Zukunft sperren. Überall finden sich Hinweise darauf, dass die Karten personalisiert oder nicht übertragbar seien und der Käufer das Risiko ausdrücklich selbst übernehme, bei Kontrollen nicht ins Stadion gelassen zu werden – gern verbunden mit dem Hinweis, dass man von solchen Fällen aber noch nie gehört habe.

Viagogo verdient kräftig mit

Die Trickserei treibt bisweilen kuriose Blüten. Wer nach Wembley will, kann dies zum Beispiel über einen Aufkleber schaffen. Vermutlich gehört das klebrige Stück Folie zu den teuersten der Welt. „Sie kaufen hier einen wertvollen Aufkleber, und als Zugabe gibt es ein Sitzplatzticket der Kategorie drei“, heißt es in einem Angebot beim Internet-Auktionshaus E-Bay. Für den Aufkleber und die kostenlose Karte werden schließlich 1750 Euro bezahlt. Fürs Berliner Pokalfinale bietet ein Händler ein Magazin des FC Bayern an. Wem das einen satten Preis wert ist, dem winken „als Zugabe“ zwei Eintrittskarten. Das Wort „gratis“ ist unterstrichen. Die Anbieter der Online-Portale geben sich arglos. Bei der unter Fußballfans heftig umstrittenen Plattform Viagogo etwa, mit der manche Bundesligavereine sogar ganz offiziell zusammenarbeiten, stört man sich nicht groß daran, dass dort zu horrenden Preisen personalisierte Karten für Wembley weiterverkauft werden, die eigentlich gar nicht auf andere Besucher übertragen werden dürfen. Deutschland-Sprecher Steve Roest formuliert das elegant: „Tausende Menschen auf der ganzen Welt haben bereits Viagogo genutzt, um viele der weltweit populärsten Spiele problemlos zu besuchen. Kunden, die Tickets für das Champions-League-Finale gekauft haben, können ebenso sicher sein, dass sie ins Stadion gelangen werden.“ Viagogo biete Sicherheit bei der Transaktion, den Preis bestimme ausschließlich der Verkäufer.

Dass das Portal über seine Gebühr kräftig mitverdient, erwähnt Roest nicht. Bei den teuersten Wembley-Karten, die bei Viagogo derzeit für 14 000 Euro gehandelt werden, kassiert das Unternehmen gut 2000 Euro zusätzlich. Auch E-Bay verdient gut am Ticket-Schwarzmarkt. „Es gibt in Deutschland kein gesetzliches Verbot für den Wiederverkauf von Veranstaltungstickets“, sagt eine Unternehmenssprecherin dazu. Dementsprechend lasse man den Handel zu. Dabei gehe es um private Verkäufer oder gewerbliche Händler, „die die notwendige gewerberechtliche Erlaubnis besitzen und ihre Einnahmen aus dem Verkauf der Tickets ordnungsgemäß versteuern“. Andere Fälle sind für E-Bay offenbar nicht denkbar.

Viele Fußballfans werden sich in den nächsten zwei Wochen auch ohne Karten nach London oder Berlin aufmachen. Auf dem Weg zum Stadion werden sie den letzten Schwarzmarkthändlern begegnen, die noch das schnelle Geld verdienen wollen. Möglichst ohne Prügeleien, aber lukrativ.

Frei nach dem Motto eines Internet­händlers zum rein deutschen Endspiel in Wembley: „Der Wahnsinn ist perfekt!“ Ein echter Fan nimmt eben vieles auf sich.

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