Auf der Cebit in Hannover tun die Marketinghersteller der IT-Unternehmen alles, um das Thema künstliche Intelligenz mit dem Bild der Mensch-Maschine zu verknüpfen. Foto: dpa

Künstliche Intelligenz ist ein schillernder Begriff – dennoch ist sie längst im Alltag angekommen. Die Anbieter auf der Computermesse Cebit in Hannover setzen auf Routinefunktionen statt auf visionäre Ambitionen.

Hannover - Sie heißen Watson oder Einstein, ihre kleinen Verwandten watscheln in Gestalt von Robotern mit Kulleraugen über die Cebit. Wenn es um das Trendthema künstliche Intelligenz geht, tun die Marketingabteilungen alles um das Bild der Mensch-Maschine im Bewusstsein zu verankern. Doch in der Realität bedeutet künstliche Intelligenz nichts anderes als einen Computer, der schnell auf eine große Zahl an Daten zugreifen kann, diese Informationen von sich aus vielfältig miteinander verknüpft – und aus ihnen lernen kann.

„Wenn Sie auf ihrem Smartphone einen Kalender haben, der sie rechtzeitig an ihre Termine erinnert, dann ist das auch schon künstliche Intelligenz“, sagt Frank Engelhardt, der beim Cloudanbieter Salesforce das Geschäft im deutschsprachigen Raum leitet. Er bezeichnet die Einstein getaufte Anwendung als persönlichen Assistenten. Doch Einstein ist kein Universalgenie, und dass muss er auch nicht sein. Das Produkt ist für geschäftliche Anwender mit präzisen Fragestellungen etwa beim Marketing gedacht. Für einen Verkäufer liefert das System nicht nur Hintergrundinformationen zu den Kunden, sondern hilft auch dabei, sie zu analysieren. Was ist die Vorgeschichte? Welche Argumente stechen aus bisheriger Erfahrung am meisten heraus?

Statt Science Fiction biederste Dokumentverwaltung

„Vor 20 Jahren gab es bei der künstlichen Intelligenz vielleicht noch das Bild von der allwissenden Maschine“, sagt Dirk Heitmann, Direktor für Watson bei IBM, einem intelligenten System, das schon Quizshows und Schachturniere gewonnen hat: „Kognitive Systeme wie Watson werden entwickelt, um Menschen zu unterstützen, ihre täglichen Aufgaben besser zu bewältigen und nicht, um den Menschen zu ersetzen.“ Die gewaltigen Fortschritte, welche die Technologie in den vergangenen fünf Jahren gemacht habe, hätten vor allem dazu beigetragen, Alltagsfragen zu lösen. Das sind Routineprobleme, die mit überschaubaren Dialogen lösbar sind, etwa wenn ein Kunde Dokumente anfordert.

Salesforce und IBM wollen beim Thema künstliche Intelligenz verstärkt kooperieren. Das System Einstein von Salesforce nutzt die in der Cloud liegenden, individuellen Kundendaten. Watson soll dies mit seinem übergreifenden Weltwissen kombinieren. Das IBM-System hat etwa bei der Analyse von Wetterdaten oder der Auswertung von Gesundheitsdaten inzwischen Lernerfahrungen gesammelt.

Kein Ersatz für den Menschen, aber ein guter Helfer

Doch trotz der menschelnden Namen für die Produkte, ist eine künstliche Intelligenz, welche die komplexen Fähigkeiten des Menschen nachahmen kann, noch Jahrzehnte entfernt. Künstliche Intelligenz werde vor allem im Tandem mit dem Menschen sinnvoll sein, sagen Engelhart und Heitmann unisono. Eine komplexe Anlageberatung bei der Bank bleibe weiter Sache des Menschen, sagt Heitmann: „Aber künstliche Intelligenz im Hintergrund kann beispielsweise erkennen, wenn bestimmte Formulare ausgefüllt werden müssen, dies vorbereiten und weitere Schritte automatisieren.“

Dass es trotz aller Fortschritte immer noch nicht möglich ist, vollautomatisch stilistisch einwandfreie Übesetzungen zu erzeugen, hält Heitmann nicht für eine gravierende Schwäche von künstlicher Intelligenz: „Es kommt auf den Anwendungsfall an. Eine simple Übersetzung und Auswertung einer Maschinenanleitung ist für einen Techniker schon ein enormer Gewinn.“ Doch eines trauen die Anbieter ihren intelligenten Maschinen schon zu. „Ein Dialogsystem kann durchaus die Emotionen eines Kunden einschätzen“, sagt Salesforce. Ein ungeduldiger Kunde könne dann eventuell am Telefon anders behandelt werden als ein geduldiger. Das Thema künstliche Intelligenz wird in den kommenden Jahren von weiteren Fortschritten der Computertechnologie profitieren.

Hochleistungsintelligenz als steter Begleiter im Alltag

Während sich der Fortschritt bei der Leistungsfähigkeit von Mikrochips allmählich verlangsamt, arbeiten Anbieter wie SAP oder Hewlett Packard Enterprise (HPE) an neuartigen Computerarchitekturen, die Hochleistungsintelligenz zu einem ständigen Begleiter im Alltag machen könnten. Viel mehr Tempo, weniger Energieverbrauch, mehr Leistung auf weniger Platz – so beschreibt der Computerspezialist Andrew Wheeler, die Ziele des in Colorado basierten Forschungsprojekts von HPE: „Für bestimmte Anwendungen können Sie dann 8000 mal schneller sein als heute.“ Er beschreibt eine Vision, wo die für künstliche Intelligenz nötige Rechenpower überall untergebracht werden kann: im Auto, im Smartphone oder Laptop oder sogar ans Armband oder den Körper drapiert. Doch auch er glaubt, dass künstliche Intelligenz sich noch sehr lange auf bestimmte Fertigkeiten konzentrieren wird: „Um künstliche Intelligenz voranzubringen, brauchen sie vor allem eines: Sehr kluge Menschen, die für sie die entsprechenden Algorithmen schreiben.“

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