Schausteller bauen auf dem Schlossplatz das Historische Volksfest auf. Foto: Andreas Rosar Fotoagentur-Stuttg

Den Ersten den Tod, den Zweiten die Not, den Dritten das Brot. Was diese Weisheit mit dem Volksfest zu tun hat? Das erfährt man beim Historischen Volksfest auf dem Schlossplatz. Und in einem 90 Minuten langen Spielfilm, den der SWR an diesem Sonntag zeigt.

Stuttgart - Die Fruchtsäule auf dem Volksfest kennt jeder. Dass sie Symbol des Festes und Ausweis ihrer Herkunft als Erntedankfest ist, wissen aber nur noch wenige. Für viele ist sie nurmehr der Treffpunkt vor der Sauftour. Das soll sich ändern. So hoffen zumindest die Macher des Historischen Volksfests. „Es wäre schön, wenn einige die hierher kommen, dann das Volksfest mit anderen Augen sehen“, sagt Andreas Kroll, Geschäftsführer der Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart. Er ist für das Cannstatter Volksfest (26. September bis 14. Oktober) auf dem Wasen, aber auch für das Historische Volksfest (27. September bis 3. Oktober) auf dem Schlossplatz zuständig. Der Ableger in der Innenstadt soll nicht nur dafür da sein, auf alten Karussells zu fahren, Gauklern zuzuschauen und Most zu trinken. Es soll auch an die Wurzeln des Festes erinnern, das König Wilhelm I. 1818 gestiftet hat.

Das Ende einer Hungersnot

Schlimme Zeiten waren das. Die Kriege Napoleons hatten Württemberg verwüstet. Zigtausende Bauernburschen waren gefallen. 1815 brach dann auch noch der Vulkan Tambora in Indonesien aus, seine Asche verdunkelte den Himmel auch in Europa, im Jahr darauf schneite es auch in Württemberg im Juli, die Ernte verfaulte, die Menschen verhungerten. Zehntausende Schwaben flohen des Landes nach Russland und Amerika. 1816 kamen Wilhelm I. und Katharina an die Macht. Sie reformierten das Land und die Landwirtschaft, gründeten die Uni Hohenheim zur Fortbildung der Bauern, nie mehr sollten Menschen verhungern. Und das Königspaar stiftete 1818 das Volksfest auf dem Wasen aus Dankbarkeit, weil man endlich wieder zu essen hatte. Aber auch als Agrarmesse, auf der Neuheiten ausgetauscht und gefachsimpelt wurde.

Das kann man heuer wieder erleben, wenn von Samstag, 29. September, bis 7. Oktober das 100. Landwirtschaftliche Hauptfest auf dem Wasen stattfindet. Der Takt des Hauptfestes hat sich mehrmals geändert, mal fand es alle zwei Jahre statt, dann alle drei Jahre, mittlerweile sind es vier Jahre. Ein Zufall ist es also, dass die 100. Auflage ins selbe Jahr fällt wie der 200. Geburtstag des Volksfests. Kroll hat gerechnet und herausgefunden, dass das nächste Doppeljubiläum in 400 Jahren stattfindet. Insofern sei es berechtigt, mit etwas ganz Besonderem zu feiern: einem Volksfest auf dem Schlossplatz.

Bier gibt es nur im Halbliter-Krug

Am Mittwoch, 26. September, geht es um 11 Uhr los. OB Fritz Kuhn sticht im Festzelt im Ehrenhof des Neuen Schlosse das erste Fass an. Getrunken wird in Halbliterkrügen – das Bier ist gebraut von Dinkelacker und Hofbräu gemeinsam. Festwirt Marcel Benz orientiert sich bei Speisen und Getränken an den Altvorderen. Es gibt keine Pommes und Cola, dafür Hirnsupp’, Most und eine Rotweincuvée, natürlich vom Collegium Wirtemberg. Wer Schlager hören will, ist hier falsch. Gespielt werden Lieder aus dem 19. Jahrhundert, schwäbische Volksmusik neu arrangiert. Jeden Tag treten Trachtenträger aus Württemberg auf. Draußen auf dem Platz stehen Fahrgeschäfte, die nahezu hundert Jahre alt sind, ein Russenrad, ein Flohzirkus, ein alter Autoskooter. Das Deutsche Landwirtschaftsmuseum lädt ein und die Schausteller erklären ihre Historie.

Der SWR zeigt einen 90 Minuten langen Spielfilm

Zudem läuft die Kurzversion eines SWR-Spielfilms über die Geschichte des Volksfests. Wer den Film ganz schauen möchte, kann ihn an diesem Sonntag um 20.15 Uhr im SWR -Fernsehen sehen. Oder im Kino Metropol. Dort läuft er während des Historischen Volskfestes. Eintritt 5 Euro. Hernach sieht man das Fest wirklich mit anderen Augen. Und weiß, warum unseren Vorfahren nur die Flucht blieb: Wohl wissend, dass auf die erste Generation der Tod wartete, die Kinder dann Not litten, aber die Enkel es besser haben würden: Den Dritten das Brot.

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