Eine italienische Paraderolle: Pierfrancesco Favino spielt in „Der Verräter“ einen Mafia-Boss, der mit der Justiz kooperiert. Foto: Festival

Abdellatif Kechiche liefert zum Abschluss in Cannes einen lüsternen Langweiler von einem Film ab, der offenbart, dass dem Festivaldirektor Thierry Frémaux ein wenig Fingerspitzengefühl fehlt.

Cannes - Kurz bevor die 72. Internationalen Filmfestspiele am Samstag zu Ende gehen, kam der in diesem Jahr überdurchschnittlich starke Wettbewerb doch noch auf einem Tiefpunkt an. Am Donnerstagabend feierte der dreieinhalbstündige neue Film des Franzosen Abdellatif Kechiche – 2013 Gewinner der Goldenen Palme mit „Blau ist eine warme Farbe“ – seine Premiere und entpuppte sich als Aufreger und Langweiler gleichzeitig.

„Mektoub, My Love: Intermezzo“ ist die Fortsetzung des vor Jahren bereits beim Festival in Venedig wenig gut gelittenen „Mektoub, My Love: Canto Uno“ und erzählt vermeintlich von jungen Menschen in den Neunziger Jahren am Strand von Sète, doch in Wahrheit verzichtet Kechiche auf jede Form von Geschichte, Inhalt oder Aussage und filmt stattdessen nur stundenlang Frauenkörper. Vorzugsweise Hinterteile, unterbrochen von einer so ausführlichen wie expliziten Cunnilingus-Szene. Dass einem derart nichtssagenden, ausschließlich lüsternen Film in Cannes eine so prominente Plattform geboten wird, ist eigentlich eine Frechheit – und lässt erahnen, dass Festivaldirektor Thierry Frémaux, der auf Gender- und Gleichberechtigungsfragen ohnehin gerne mal patzig reagiert, tatsächlich kein Gespür für den Zeitgeist oder gar Interesse an Veränderungen hat.

Xavier Dolan ist mit 30 schon ein alter Hase

Zu den wenigen Tiefpunkten im diesjährigen Hauptprogramm gehörte mit „Roubaix, une lumière“ (alias „Oh Mercy!“) noch ein weiterer Franzose. Arnaud Desplechin erzählt aus seiner Titel gebenden Heimatstadt an der belgischen Grenze und zeigt dazu den örtlichen Polizeichef Daoud (Roschdy Zem) und sein Team einige Tage lang bei der Arbeit. Nachdem zunächst verschiedene Fälle eingeführt werden, konzentriert sich der Film bald auf den uninteressantesten: den Mord an einer alten Dame und ihre verdächtigen Nachbarinnern (Léa Seydoux & Sara Forestier). Über die an Armut zerbrechende Ex-Industriestadt, die französische Gesellschaft oder auch nur das Leben der beiden Frauen erfährt man dabei erschreckend wenig, sodass „Roubaix, une lumière“ letztlich bloß wie die überlange Episode einer zweitklassigen Krimiserie wirkt.

Deutlich überzeugender kam da „Matthias & Maxime“ daher, der neue Film des Frankokanadiers Xavier Dolan, der mit 30 Jahren immer noch der mit Abstand jüngste Filmemacher im Wettbewerb ist und nach nun acht Spielfilmen doch schon ein alter Hase. Dieses Mal hat er sich die vergleichsweise kleine, wenig stilisierte Geschichte zweier Jugendfreunde vorgenommen. Kurz bevor einer von ihnen wegzieht, beginnen sie zu realisieren, dass ihre Gefühle füreinander womöglich nicht nur platonisch sind. Das ist thematisch sicherlich nicht der dringlichste Film, den man bei diesem Festival sehen konnte. Aber Dolan, der auch eine der Hauptrollen spielt und dabei so gut ist wie nie zuvor, beweist einmal mehr, dass er so sinnlich und mit emotionaler Wirkung inszenieren kann wie wenig andere.

Der Kreis der Favoriten ist diesmal groß

Dass Dolan, der in der Vergangenheit an der Croisette bereits den Preis der Jury und Großen Preis der Jury erhielt, auch Samstag wieder zu den Preisträgern gehören wird, erscheint eher unwahrscheinlich. Die Konkurrenz nicht zuletzt beim Darstellerpreis ist groß, brachte sich doch kurz vor Schluss noch Pierfrancesco Favino in Stellung. Der Italiener spielt groß auf in Marco Bellocchios „Der Verräter“ (einer deutschen Koproduktion) als Mafiaboss Tommaso Buscetta, der in den Achtziger Jahren in einem spektakulären Prozess gegen zahlreiche Cosa Nostra-Mitglieder aussagt.

An wen Jury-Präsident Alejandro González Iñárritu und seine Mitstreiter (darunter Pawel Pawlikowski und Elle Fanning) am Samstag die Goldene Palme sowie die übrigen Preis vergeben werden, lässt sich schwer erahnen – weil die Entscheidungen einer achtköpfigen Gruppe immer schwieriger vorauszusagen sind als etwa die Oscars. Aber auch, weil der Favoritenkreis in diesem Jahr besonders groß ist. Orientiert man sich an den Kritikermeinungen, dürfte Pedro Almodóvars sehr persönlich geratener Lebensrückblick „Leid und Herrlichkeit“ ebenso gute Chancen haben wie „Parasite“, die furiose Mischung aus brutal-bitterer Satire und komplexem Gesellschaftsdrama des Koreaners Bong Joon-ho. Auch Céline Sciamma sorgte mit ihrer feinsinnig beobachteten Künstlerinnen- und Liebesgeschichte „Portrait de la jeune fille en feu“ für weitreichende Begeisterung, die sogar den Kollegen und Konkurrenten Dolan ansteckte, wie er am Freitag im Interview bekannte.

Auch politische Filme bieten sich an

Ein wenig geteilter fielen die Meinungen zu den beiden amerikanischen Großmeistern Quentin Tarantino und Terrence Malick aus. Doch schon allein durch ihre episch angelegte Erzählwucht und opulente Schauwerte dürften „Once Upon a Time... in Hollywood“ und „Ein verborgenes Leben“ Eindruck hinterlassen haben. Und wenn sich die Jury geneigt fühlen sollte, etwas politischere oder gesellschaftskritischere Geschichten ehren zu wollen – wie es in den vergangenen Jahren nicht selten der Fall war –, böten sich nicht gänzlich unverdiente Kandidaten an wie „Les Misérables“ von Ladj Ly, dem brasilianischen Beitrag „Bacurau“ oder Mati Diops „Atlantique“.

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