Joachim Rücker zieht für die SPD in den Wahlkampf. Foto: factum/Granville

Die Genossen im Kreis küren den früheren Sindelfinger Oberbürgermeister als Kandidat für die Bundestagswahl 2013.

Böblingen - Ganz knapp hat Joachim Rücker am Donnerstagabend die Zielvorgabe des SPD-Kreisvorsitzenden Felix Rapp verfehlt. Dieser hatte in der Kreisversammlung der Sozialdemokraten bei der Nominierung des Bundestagskandidaten ein mindestens genauso gutes Ergebnis wie bei der Aufstellung des Spitzenkandidaten in Bayern gefordert. Dort hatte der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude 99,7 Prozent der Stimmen erhalten. Für Joachim Rücker votierten 99,1 Prozent. Lediglich einer der 115 Wahlberechtigten versagte ihm die Zustimmung.

Mit Ovationen im Stehen feierten die Genossen anschließend ihren frisch gebackenen Bundestagskandidaten. „Endlich einer, der uns nach 15 Jahren Abstinenz wieder in den Bundestag führen kann“ – so die Stimmung in der Dagersheimer Festhalle. Euphorisch hatten vor der Abstimmung noch der Landtagsabgeordnete Florian Wahl und der Noch-Bürgermeister von Weil der Stadt, Hans-Josef Straub, um die Zustimmung für Rücker geworben. „Ich bin demnächst im Ruhestand und kann mich dann voll in den Wahlkampf stürzen. Gleich morgen ziehe ich los in den Baumarkt und kaufe Kleister für die Wahlplakate“, versprach Straub. Für die Nominierung hatte er sogar einen Termin bei einem Weil der Städter Verein abgesagt, der ihn als Schultes verabschieden wollte.

Weltweit Karriere gemacht

Zuvor hatte Rücker als einziger Bewerber für das Kandidatenamt mit einer Rede für sich geworben. Inhaltlich unterscheidet sich diese kaum von dem, was er bereits in den Vorstellungsrunden in den Ortsvereinen gesagt hat. Der 61-Jährige skizziert erneut seine Laufbahn, die ihn nach Schule, Friedensdienst in Israel und dem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Freiburg durch die ganze Welt geführt hat. Für das Auswärtige Amt war er in Wien, Daressalam und Detroit sowie als Botschafter in Stockholm. Für die UN bekleidete er hohe Ämter in Bosnien und im Kosovo. Zwischendurch lenkte er acht Jahre lang als Rathauschef die Geschicke in Sindelfingen. Auch im Bundestag hat er bereits Erfahrungen gesammelt: als außenpolitischer Berater der SPD-Fraktion. Zurzeit ist er Chefinspekteur des auswärtigen Amts in Berlin, „eine „Art interner McKinsey“, erklärt er den Genossen seinen Job.

Ob Finanzkrise, Rentenreform, Arbeitsmarktpolitik oder Energiewende – Rücker zeigt, dass er auf allen wichtigen politischen Feldern bestens bewandert ist. Nur die Kreisthemen kommen bei der sehr sachlich vorgetragenen Rede etwas zu kurz, wie anschließend ein Genosse bemängelt. Rücker demonstriert mit eingestreuten Zitaten Belesenheit. Und immer wieder erzählt er Anekdoten aus seiner bewegten Karriere. Wie er etwa mit Joachim Gauck, damals noch nicht Bundespräsident, in Stockholm über die friedliche Revolution in Ostdeutschland plauderte. Oder von einem Schreiben an Gerhard Schröder, der sich für seinen Wahlkampf als Ministerpräsident in Niedersachsen sich Rückers Slogan „Zuhören, entscheiden,handeln“ aus dessen Wahlkampf um den Sindelfinger OB-Posten bediente. Geschichten, die zeigen, der Mann steht mit den Großen der Bundesrepublik auf Du und Du.

Das Direktmandat im Visier

Aber er vergisst auch nicht die lokalen Akteure. Immer wieder nennt er in seiner Rede die Namen ehemaligen Weggefährten aus Sindelfingen: den des Kreisrats Hans Klemm und den des Sindelfinger Stadtrats Helmut Schmid, mit denen er bereits den OB-Wahlkampf 1993 bestritten hat. Es ist in der Dagersheimer Festhalle ein Heimspiel für den Diplomaten, der nach elf Jahren nach Hause zurückgekehrt ist. Noch eine Anekdote: bereits als Kind hat der in Ebersbach im Kreis Göppingen aufgewachsene Rücker hier beim Onkel, dem Dagersheimer Schulleiter, seine Ferien verbracht.

„Ich bin gerührt“, sagt der Bundestagskandidat nach der Bekanntgabe des Wahlergebnisses. Den Wahlkreis möchte er direkt gewinnen, gibt er sich kämpferisch. Hans-Josef Straub setzt noch eins drauf: „Egal, wie die Wahl 2013 ausgeht – die SPD wird in der Regierung auf jeden Fall mitmischen. Und dieser Wahlkreis stellt wieder einen sozialdemokratischen Bundestagsabgeordneten“, verkündet er siegesgewiss.

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