Birgitt Bender (links) in Zuffenhausen mit Mitgliedern der Schutzgemeinschaft Krailenshalde. Immer mit dabei: ihr Fahrrad. Foto: Max Kovalenko

Am 22. September ist Bundestagswahl. Wen schicken die Stuttgarter nach Berlin? Wir stellen die Kandidaten der fünf im Bundestag vertretenen Parteien in Kürze vor. Heute: Birgitt Bender (Grüne).

Stuttgart - Der Verkehr rauscht, es stinkt nach Abgasen, die Luft ist zum Schneiden dick. An diesem heißen Tag Mitte August suchen sechs Frauen Schatten unter der Auffahrtsrampe Friedrichswahl in Stuttgart-Zuffenhausen. Birgitt Bender (Grüne), Bundestagsabgeordnete und Kandidatin für den Stuttgarter Nord-Wahlkreis, hat sich auf den Lenker ihres Herrenrads gestützt und lauscht den Ausführungen von Annemarie Raab. „Wir kämpfen seit 20 Jahren für den Abriss der Rampe und eine Tunnel-Lösung. Für Zuffenhausen wäre das eine enorme Entlastung“, sagt die Vorsitzende der Schutzgemeinschaft Krailenshalde.

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Birgitt Bender verspricht erst einmal nichts. Sie hört zu, stellt die eine oder andere Verständnisfrage und spricht über Lösungsansätze, während sie ihr Fahrrad von Station zu Station schiebt. „Es bringt den Leuten ja nichts, wenn ich sage: ‚Wenn ich König von Deutschland bin, dann reiß‘ ich euch die Rampe ab’“, sagt sie. Und das, obwohl der Rundgang eigentlich ein gefundenes Fressen für eine Grünen-Politikerin und gesundheitspolitische Sprecherin sein müsste. Lärm und Feinstaub belasten hier Gesundheit und Umwelt der Anwohner. Doch anstatt in allen Punkten beizupflichten, zählt Birgitt Bender ihre Möglichkeiten auf. Die seien in diesem Fall angesichts des Parteiprogramms begrenzt. Zwar wollen die Grünen für eine bessere Infrastruktur, finanziert durch höhere Steuern, sorgen, geben aber auch klar vor: Sanierung vor Neubau. Schließlich bietet sich Birgitt Bender als Vermittlerin an. „Man muss die Fachpolitiker davon überzeugen, dass der Abriss in ihr Raster passt, daran kann ich arbeiten“, sagt sie. Das setze allerdings auch voraus, dass die Grünen in einer Regierungskoalition mitmischen.

Skeptisch bei Gründung der Grünen

Sachlich, realistisch, strukturiert – den Eindruck hinterlässt Birgitt Bender an diesem Tag in Zuffenhausen. Die gebürtige Düsseldorferin kommt ohne Kostümchen, Dauerlächeln und Überschwang aus. Stattdessen strahlt sie Kompetenz in Kakihose, Tunika und Turnschuhen aus, tritt wählernah mit Fahrrad und leichtem schwäbischem Akzent auf, wirkt ernst, aber nicht ­arrogant und lacht herzlich, wenn etwas wirklich lustig ist.

Anderen gefallen zu wollen oder nach dem Mund zu reden, sei noch nie ihr Ding gewesen, sagt die 56-Jährige. Schon während ihres Jura-Studiums in Köln, Genf und Freiburg sucht sie in Dritte-Welt-Gruppen, Frauengruppen und Bürgerinitiativen die Konfrontation, ist während ihres Referendariats in Berlin in der Hausbesetzerszene aktiv. „Als die Grünen gegründet wurden, war ich erst einmal skeptisch“, sagt sie. „Doch durch die Partei fanden Themen, für die Bürgerinitiativen jahrelang gekämpft hatten, plötzlich in der Öffentlichkeit statt.“

Ein Auto besitzt Birgitt Bender nicht, in ihren Wahlkreis fährt sie mit ihrem Fahrrad, auf dessen Schutzblech ein halber ­Anti-Stuttgart-21-Bepper klebt. „Da hat ­jemand versucht, ihn abzupulen, ist aber ­offensichtlich gescheitert“, sagt sie. Beinahe symbolisch für ihre eigene Haltung dem ­Projekt gegenüber: „Die Volksabstimmung hat stattgefunden, und man darf nicht mehr mit dem Versprechen antreten, man werde das Projekt verhindern“, sagt sie. Aufgabe der Grünen sei es, der Bahn kritisch auf die Finger zu schauen.

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Abgesehen davon wolle sie in der kommenden Legislaturperiode Rahmenbedingungen schaffen, die die Lebensqualität der Stuttgarter erhöhen. Dabei reicht das Themengebiet vom Lärmschutz bis zur Pflege der Trockenmauern in den Mühlhäuser Weinbergen. Als gesundheitspolitische Sprecherin wolle sie sich weiter für die Bürgerversicherung und damit für die Abschaffung der Privaten Krankenversicherung einsetzen.

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