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Trotz der Slapstick-Einlage von VfB-Keeper Ron Robert Zieler gegen Werder Bremen. Torhüter waren im deutschen Fußball noch nie das Problem.

Stuttgart - Dass besondere Bürden trägt, wer die Rolle des Torhüters einnimmt, ahnt jeder, der als kleiner Bub beim Auswählen auf dem Bolzplatz übrig blieb: „Und du gehst in den Kasten!“ Der Ordnungsruf ist unweigerlich verknüpft mit der diskriminierenden Annahme, der Auserkorene verfüge von Geburt an über zwei linke Beine, sei ein bisschen begriffsstutzig und könnte als Verteidiger, Links- oder Rechtsaußen den Erfolg mit motorischen Fehlleistungen gefährden. „Deshalb“, sagen sie mit herblassender Geste, „darfst du ja den Ball als einziger in die Hand nehmen.“

Todesmutig vor die Beine des Angreifers

Das Ausmaß dieser Fehleinschätzung zeigt sich immer dann, wenn der spielerische Kombinationsfluss der Damen oder Herren wider Erwarten ins Stocken gerät und der Gegner zu ihrer großen Überraschung ebenfalls in Erwägung zieht, bei passender Gelegenheit ein Tor zu erzielen. Dann wünschen sie dem Schlussmann mit bangen Gesichtern von ganzem Herzen gutes Gelingen. Und klopfen ihm nach Spielschluss die Schultern platt, falls er den Ball mittels Panther-Sprung aus dem Winkel boxte und sich todesmutig vor die Beine des einschussbereiten Angreifers warf.

Aus eigenem Erleben sei versichert: Auch das gerade Gegenteil kann passieren. Etwa dann, wenn der Keeper, gelangweilt von der Ödnis im eigenen Strafraum, während eines Bezirkspokalendspiels noch kurz vor Spielende nach den Segelfliegern schaut, die über dem Platz kreisen und von Glück sagen muss, dass ihn seine Mitspieler danach nicht im nahe gelegenen Bach ertränken. Ein Unglück ist es außerdem, wenn der eigene Goalie mit solch ungestümer Dynamik zum Abschlag ausholt, dass er den Ball nach hinten ins eigene Tor wirft.

Toni Turek Fußballgott

Trotz dieser Widersprüchlichkeit im Verhältnis zur Nummer eins, ist die Rolle des Torhüters im deutschen Fußball unverändert eine begehrte. Und wie fast alles hierzulande führen es die Gelehrten zurück auf das Wunder von Bern. Zwar schimpfte ihn Sepp Herberger immer mal wieder einen „Bruder Leichtfuß“, und im WM-Finale 1954 (3:2) traf ihn an einem Treffer der Ungarn gelinde Mitschuld, trotzdem wurde er zur Legende: Toni Turek. „Turek, du bist ein Teufelskerl! Turek, du bist ein Fußballgott! Entschuldigen Sie die Begeisterung, die Fußballlaien werden uns für verrückt erklären …“, brüllte Herbert Zimmermann in seiner berühmten Hörfunk-Reportage, als der Düsseldorfer Schlussmann in der Schlussphase des epischen Dramas die Arme ausfuhr wie Teleskopstangen und die Magyaren zur Verzweiflung trieb.

Und als gelte es dieses Erbe zu bewahren, hielten sich seine Nachfolger sämtlich an die Sonderrolle, die eine gewisse Eigentümlichkeit des Charakters vereinte mit überragenden Reflexen auf der Linie, Lufthoheit im Fünfmeterraum und der steten Bereitschaft, im Bestreben um die Sauberkeit im Kasten auch Kopf und Kragen zu riskieren.

Rangeleien um die Nummer eins

Dass es angesichts der großen Auswahl an Klassetorhütern häufig zu Rangeleien um die Nummer eins kam, liegt in der Natur der Sache. Bundestrainer Helmut Schön lag nächtelang wach, ehe er sich vor der WM 1966 für den Dortmunder Hans Tilkowski und gegen den Bremer Günter Bernard entschied. Die beiden hatten sich nicht das Schwarze unterm Fingernagel gegönnt. Und als sei das nicht schon Aufregung genug, kassierte der Mann mit der Schiebermütze im Finale gegen England (2:4 n.V.) das Wembley-Tor. Eine Berühmtheit, auf die er liebend gerne verzichtet hätte.

Ob Sepp Maier der beste bis heute ist, darüber streiten sich die Geister. Ganz sicher ist er der erfolgreichste und populärste. Beim Bankett band er unter dem Tisch den Funktionären gerne mal die Schnürsenkel zusammen, die Katze von Anzing bewährte sich als Taubenjäger im Olympiastadion und spielte sich an der Strafraumgrenze zur Gaudi der Zuschauer den Ball mit Essens „Ente“ Willi Lippens zu.

Lehmanns Notdurft

Toni Schumacher, zerfressen vom Ehrgeiz, rammte im WM-Halbfinale 1982 den Franzosen Patrick Battiston in die Bewusstlosigkeit. Mitleidlos versprach er ihm immerhin die Jacketkronen zu ersetzen. Man rät ihm im Nachbarland bis heute, anderswo Urlaub zu machen. Oliver Kahn knabberte im heiligen Zorn wie ein Biber am Ohr des Dortmunder Angreifers Heiko Herrlich. Jens Lehmann, Elfmeterheld im WM-Viertelfinale 2006 gegen Argentinien, trat Gegnern gerne unvermittelt auf die Zehen und strullte in Diensten des VfB während des Spiels auch mal hinter die Werbebande. Manuel Neuer, Weltmeister 2014, erinnerte sich an seine Qualitäten als ehemaliger Stürmer und erfand das Torwartspiel neu. Verhaltensunaufällig, aber nicht immer frei von Pannen.

Jetzt geht der (Ron-Robert) Zieler in die Geschichte ein: Eigentor nach Einwurf. Held oder Depp. Bei Torhütern kennt das Schicksal keine Gnade.

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