Rund 400 Menschen haben sich von Oberbürgermeister Frank Dehmer (am Rednerpult) die Mängel erklären lassen. Foto: /Horst Rudel

Angesichts desaströser baulicher Zustände an der Geislinger Schule fragen die Bürger, wer dafür Verantwortung trägt – die Verwaltung räumt Fehler ein.

Geislingen - Dieser Vergleich drängt sich auf: „Wir stellen fast den Berliner Flughafen in den Schatten“, sagte einer der 400 Zuhörer am Montagabend bei der vierstündigen Informationsveranstaltung über die misslungene Generalsanierung des Michelberg-Gymnasiums in Geislingen auf den Punkt. Neben ausführlichen Angaben zu den vielen Fehlern, die in der Vergangenheit gemacht wurden, präsentierte der Oberbürgermeister Frank Dehmer in der Jahnhalle drei Alternativen, wie es nun weitergehen könnte.

An den Fensterscheiben haben sich Algen gebildet

In der Bundeshauptstadt heben keine Flugzeuge ab, und am Michelberg-Gymnasium in Geislingen werden bald keine Schüler mehr unterrichtet. sie müssen in Container umziehen. Wie es dazu kommen konnte, dass die Schule nach ihrer Sanierung nicht mehr genutzt werden kann, erklärte Joachim Burkert, der für das Immobilienmanagement der Stadt zuständig ist.

Nach derzeitigem Kenntnisstand, immerhin sei die Mängelbewertung noch nicht abgeschlossen, gebe es Probleme in der Planung, der Bauleitung, bei der Heizung, der Elektrik, der Fassade und das Dach sei auch undicht, gab Joachim Burkert zu, dessen Erläuterungen bei den Zuhörern teilweise Gelächter auslöste. So sei die Lüftung für den Sommer so konstruiert, dass sie nur funktioniere, wenn der Wind aus einer bestimmten Richtung wehe. Im Innern werde es an den Fenstern ferner dermaßen feucht, dass sich inzwischen Algen an den Scheiben gebildet hätten. Wohl deshalb wird das Gebäude im Volksmund inzwischen auch als Gewächshaus bezeichnet.

Die Bürger fragen nach den Verantwortlichen

Für die Aufzählung aller bisher bekannten Makel benötigte Burkert mehr als eine Stunde, obwohl er alles kompakt vortrage, wie er beteuerte. Dass die vielen Mängel nicht einfach behoben werden könnten, sei dem Umstand geschuldet, dass sich diese durch das ganze Gebäude zögen und sich gegenseitig überlagerten. Unter den rund 400 Männern und Frauen löste das Geschehen rund um die Generalsanierung Bitterkeit, Entsetzen und Wut aus. „Wer ist verantwortlich? Das ist grob fahrlässig“, meinte einer der Besucher des Abends. Ein anderer Gast erklärte, dass wohl keiner der Stadträte und Rathausmitarbeiter bei einem privaten Bauvorhaben ein ähnlich großes Risiko eingegangen wäre, wie es die Stadt beim Michelberg-Gymnasium getan habe.

„Ich bin erschüttert von dem Murks, der hier gemacht wurde“, lautete ein weiteres Statement aus dem Kreis der Zuhörer. Wer bei seiner Gartenhütte einen Zentimeter über der Genehmigung baue, bekomme es sofort mit den Behörden zu tun und von den eklatanten Fehlern am Michelberg-Gymnasium möchte angeblich jahrelang niemand etwas mitbekommen haben. „Ich bin total entsetzt. Ich dachte auf dem Bauamt arbeiten Leute, die Ahnung haben“, machte eine Zuhörerin ihrem Ärger Luft.

Die Verwaltung räumt Fehler ein

Zum Thema Schuld scheint es sich in Geislingen ebenfalls ähnlich zu verhalten wie beim Berliner Flughafen. Ganz viele sind ein bisschen schuld, aber keiner so richtig. „Wir haben als Bauherr nicht die Aufgabe, alles im Detail zu überwachen“, meinte etwa Burkert. Er wolle keine Schuldzuweisungen vornehmen. Die Aufarbeitung sei im Gange. Die Stadt wolle anstehenden Gerichtsverfahren nicht vorgreifen. Dass aus Kostengründen nie ein externer Sachverständiger während der Bauarbeiten beauftragt worden sei, sei aus heutiger Sicht wohl ein Fehler gewesen, gab Burkert zu.

Von einer Katastrophe, die die Stadt noch viele Jahre finanziell belasten werde sprach der Oberbürgermeister. Die ursprünglichen Kosten für die Sanierung seien von rund 7,5 Millionen Euro in mehreren Schritten auf inzwischen 21,5 Millionen Euro angestiegen. Dafür bekommen habe die Stadt ein saniertes Schulgebäude, das nicht mehr genutzt werden könne, unter anderem weil Vorschriften zum Brandschutz nicht eingehalten worden seien und ein Teil der Schule einsturzgefährdet sei. „Wir stehen vor einem Scherbenhaufen. Ich habe in den vergangenen Monaten nicht besonders gut geschlafen“, räumte Dehmer ein.

Zum Schuljahresende muss die Schule geräumt werden

Vermutlich wird der Verwaltungschef auch in der kommenden Zeit nicht besonders gut zur Ruhe kommen, denn die Zukunft der Schule ist noch völlig ungewiss. Fest steht allerdings, dass das Gebäude wegen gravierender Brandschutzmängel spätestens zum 31. Juli 2020 geräumt werden muss. Nur dank einer personell aufgestockten Brandwache konnte der von Sachverständigen verlangte Schließungstermin für die Schule während des laufenden Schuljahres von Ende Dezember in den Sommer verlagert werden. In jedem Fall müssen über Jahre hinweg die Schülerinnen und Schüler in provisorischen Containern unterrichtet werden.

Ganz zum Schluss des Infoabends wurden die drei baulichen Alternativen zur Zukunft der Schule vorgestellt. Dazu zählen ein Abbruch des frisch sanierten Bestandsgebäudes und dessen Neubau. Dies würde nach ersten Berechnungen 37 Millionen Euro kosten. Die zweite Möglichkeit wäre ein Neubau am Helfenstein-Gymnasium, was mit rund 50 Millionen Euro zu Buche schlagen würde. Und zuletzt werde über einen Rückbau der sanierten Schule zum Rohbau nachgedacht, um sie anschließend erneut zu sanieren – Kostenpunkt rund 30 Millionen Euro.

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