Die Kinderbuchläden in der Stadt sind gefragt. Foto: Lichtgut/Klos

Während allerorts die kleinen, inhabergeführten Buchhandlungen schließen, gibt es im Stuttgarter Westen gleich mehrere Kinderbuchläden. Woran liegt das?

Stuttgart - er kleine Junge weiß ganz genau, was er will. Er greift das Buch mit beiden Händen und lässt es nicht mehr los, bis seine Mutter mit dem Kinderwagen, ihm und dem Buch zur Kasse geht. Die beiden älteren Herrschaften brauchen länger. Sie gucken sich um, etwas erschlagen von der großen Auswahl, nehmen die Bücher in die Hände, blättern darin herum. Ob das Bilderbuch das richtige für das Enkelkind ist?

Das Kind, die Mutter und die Großeltern stehen exemplarisch für die typische Kundschaft, die dafür sorgt, dass es im Stuttgarter Westen gleich drei Buchhandlungen gibt, die auf Kinder spezialisiert sind: Die Buchhandlung Naseweis, das Buchstäbchen und Buch und Spiel. Das ist umso erstaunlicher, als dass kleine, inhabergeführte Buchläden allerorts schließen, zuletzt im Februar die Schiller-Buchhandlung in Vaihingen.

Das Kinderbuch ist relativ stabil

Die Branche ist in der Krise: Laut dem Börsenverein sind die Einnahmen im Buchhandel 2017 um zwei Prozent zurückgegangen. Der Grund dafür sind sinkende Absatzzahlen, verursacht durch einen dramatischen Rückgang an Buchkäufern: Von 2012 bis 2016 gingen dem Buchhandel 6,1 Millionen Kunden verloren. Die Buchhandlungen schwächt zusätzlich die Abwanderung der Kundschaft zu Amazon und Co. – deshalb verzeichnet der stationäre Buchhandel einen Rückgang von drei Prozent. Auch die Kinder- und Jugendbücher büßten 2,3 Prozent ihres Umsatzes ein – allerdings lag die Messlatte aus dem Jahr 2016 besonders hoch. Der sogenannte Harry-Potter-Effekt hatte 2016 für ein Plus von neun Prozent gesorgt.

Maike Giebner, Inhaberin des Naseweis (Silberburgstraße 42), fasst die Lage auf dem Kinderbuchmarkt so zusammen: „Er verläuft zwar in Wellen, ist insgesamt aber noch als einzige Sparte relativ stabil“. Doch warum ist das so? „Kinderbücher will man anschauen, um die Bilder zu betrachten, man will sie in den Händen halten, um das Material zu spüren“, sagt Giebner. Das gehe über das Internet nicht. Dennoch weiß sie um das Internet als Feind – und hat beschlossen, ihm den Kampf anzusagen. Da ist natürlich an erster Stelle die individuelle Beratung, die sie bieten kann. Aber sie geht auch ganz pragmatisch vor: „Ich bin seit vier Jahren eine Paket-Annahmestelle“, sagt Giebner. So versuche sie, Amazon und Co. die Kunden abzuziehen. „Die Leute holen ihr Buchpaket bei mir ab und merken: Oh, gleich ums Eck kann ich ja auch Bücher bestellen und kaufen“, sagt sie.

Der Stuttgarter Westen ist nicht repräsentativ für die Bundesrepublik

Das Konzept funktioniert: Am ersten September 2018 feiert ihr Laden 15-jähriges Bestehen. Doch es war beileibe nicht immer einfach. Als Giebner beschloss, ihren eigenen Laden zu eröffnen, nahm sie einen Kredit über 50 000 Euro auf. „Die ersten zehn Jahre konnte ich nicht in Urlaub fahren“, erinnert sie sich. Auch heute noch steht sie von Montag bis Samstag im Laden, sie kann nur zwei 400-Euro-Kräfte beschäftigen, und „einen Porsche habe ich auch nicht vor der Türe stehen“. Doch sie liebt ihren Job und ist zufrieden, zumal sie weiß, dass ihr Laden wohl nicht überall laufen würde: „Im Stuttgarter Westen wohnen in der Regel Leute, die Wert auf Bildung legen, Geld haben und die ihren Kindern was zutrauen.“

Das sagt auch Myriam Kunz, die im November 2016 das Buchstäbchen in der Senefelderstraße 76 eröffnete und zeitweilig einen Pop-up-Store im Fluxus in der Calwer Passage betrieb. In Gesprächen mit Kollegen habe sie festgestellt, dass der Stuttgarter Westen nicht repräsentativ für die Bundesrepublik sei. „Meine Kunden legen Wert auf eine sehr gute Auswahl, auf gute Beratung und – speziell, weil es sich um Bücher für Kinder handelt – auf gute Qualität“, berichtet sie. So laufe etwa eine Öko-Papier-Serie „wie geschnitten Brot“.

„Wir bieten alle eine um Längen bessere Auswahl als jede große Buchhandlung“

Was nicht heißt, dass das Geschäft generell wie geschmiert läuft: Geld verdient Kunz bisher noch nicht. Drei Jahre gibt sie sich Zeit, dann will sie schwarze Zahlen schreiben. Um dieses Ziel zu erreichen, würde sie gerne einen Laden mit mehr Laufkundschaft finden, gerne wieder im Stuttgarter Westen. Aber das ist schwierig.

Das weiß auch Marie-Luise Zeuch vom Buch und Spiel (Rotenwaldstraße 98). Nachdem sie im vergangenen Jahr aus der Markthalle am Vogelsang ausziehen musste, kam sie nach langer Suche Anfang dieses Monats an einem neuen Standort unter. Und was für einem: Zeuch verkauft ihr Sortiment, das je zu einem Drittel aus Kinderbüchern, Spielsachen und Erwachsenenbücher besteht, seit Anfang März in der ehemaligen Kirche St. Stefan. Zwar wollte die Buchhändlerin unbedingt wieder in den Stuttgarter Westen, weil sie dort seit 14 Jahren ihre Stammkunden hat. Sie ist aber überzeugt, dass ein Kinderbuchladen auch in jedem anderen Stadtteil laufen würde, „nur anders, nämlich auf die Kinder dort abgestimmt“. In den zwei anderen Kinderbuchläden sieht sie keine Konkurrenz, zumal sich ihr Laden finanziell trägt. „Wir decken unterschiedliche Quartiere ab“, sagt sie. Eines sei ihnen aber allen Dreien gemein: „Wir bieten alle eine um Längen bessere Auswahl als jede große Buchhandlung.“ Der kleine Junge sitzt in sein Buch versunken in seinem Kinderwagen, als seine Mutter den Laden verlässt.

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