Brigitte Dethier Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Unter dem Motto „Jes gets loud“ startet das Stuttgarter Kinder- und Jugendtheater unter Brigitte Dethiers Leitung in die neue Spielzeit.

Stuttgart - Die Intendantin des Kinder- und Jugendtheaters Jes will Jugendliche dazu bewegen, sich in politische und gesellschaftliche Debatten einzumischen.

Frau Dethier, als erste Premiere der neuen Spielzeit steht das Stück „Der Steppenwolf“ nach Hermann Hesses gleichnamigem Roman auf dem Programm. Ein Sternchenthema zum Auftakt?

Wir hatten schon seit längerer Zeit geplant, eines der möglichen Abi-Themen zu bearbeiten, aber eben nicht unbedingt „Faust“. Beim „Steppenwolf“ hatten wir das Gefühl, dass wir den Stoff entstauben können, obwohl ich dem Roman ambivalent gegenüber stehe.

Warum?

Weil bei Hesse die Neurosen eines alten Mannes zum Vorschein kommen, der mit seinen Depressionen kokettiert. Auf der anderen Seite kann der Stoff Jugendlich durchaus ansprechen, denn es gibt Parallelen zwischen der Midlife-Crisis Harry Hallers und der Pubertät. Vor diesem Hintergrund ist der Stoff eine Bereicherung fürs Jugendtheater, und das gefällt mir.

Sie haben sich in der Probenzeit von „Der Steppenwolf“ mit Jugendlichen ausgetauscht. Wie kommt die Inszenierung bei ihrem Zielpublikum an?

Die Jugendlichen sind begeistert, gerade weil wir in der Inszenierung eigene Wege gehen. Wir spielen nicht nur die Geschichte, sondern arbeiten auch mit assoziativem Material. Zudem haben wir Tanz- und Musikelemente eingebaut.

Hat diese Spielzeit im Jes ein Motto?

„Jes gets loud“. Das Motto haben wir vor allem gewählt, weil wir Jugendliche dazu bringen wollen, sich einzumischen. Besonders im politischen Sinn. Daneben verstehen wir das Motto aber auch als Aufforderung an unser Publikum.

Greifen Sie so einen allgemeinen Trend in der Jugendtheaterszene auf?

Ja, denn zum einen sind die Zeiten vorbei, in denen man mit erhobenem pädagogischen Zeigefinger inszeniert hat. Zum anderen politisiert sich das Jugendtheater zunehmend. In der heutigen Zeit, ist es wichtiger denn je, sich zu einer Haltung zu bekennen.

Wie wird die Aufforderung zum Einmischen in den Produktionen aufgegriffen?

Indem wir viele unterschiedliche Facetten aufzeigen. Das mobil buchbare Klassenzimmerstück „Astronauten“ behandelt beispielsweise das Thema Mobbing. In einem Tanztheaterstück setzen wir uns mit Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit vor dem Hintergrund der Verteilung von Nahrungsmitteln auseinander. Eine weitere Produktion, die uns sehr bewegt, ist „Wir/Die“. Darin setzen wir uns mit der Geiselnahme von Beslan auseinander. Wichtig ist bei allen Themen, im Dialog mit den Jugendlichen zu bleiben.

Mit Milan Gather gibt es in dieser Spielzeit ein neues festes Mitglied. Ist Kinder- und Jugendtheater bei jungen Schauspielern beliebt?

Die Sichtweise auf das Kinder- und Jugendtheater ändert sich allmählich, obwohl es im Ausbildungsbereich teilweise noch immer zu abwertenden Äußerungen kommt. Es gibt aber viele junge Schauspieler, die mitgestalten wollen. Das ist bei uns möglich. In diesem Bereich haben wir einen großen Vorsprung.

Trotzdem ist das Gehalt verhältnismäßig gering.

Leider ja, obwohl es keinen Grund gibt, warum Schauspieler am Jugendtheater schlechter bezahlt werden sollten als ihre Kollegen an anderen Häusern. Wir können nur ganz einfach keine höheren Gehälter bezahlen, weil es unsere Fördergelder nicht hergeben. Auch unsere Eintrittspreise wollen wir nicht erhöhen, weil das Jugendtheater ein Angebot sein muss, das sich jede Familie leisten kann.

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