So hautnah waren Zuschauer noch nie dabei beim Berliner Mauerbau: Szene aus Steven Spielbergs Film „Bridge Of Spies“ Foto: 20th Century Fox

Steven Spielberg kann erzählen, Spannung und Gefühle inszenieren, sich ins Abenteuer stürzen und Geschichte greifbar machen. Nun beschwört er in seinem neuen Film "Bridge Of Spies" den Geist der Hoffnung im Kalten Krieg, der Amerika einst groß gemacht hat.

Berlin - So hat man den Berliner Mauerbau noch nie gesehen: NVA-Soldaten mit Mörtel und Steinen mauern im Akkord, Bewaffnete sichern sie ab, dazwischen Menschen mit Koffern in schierer ­Panik, die es noch rechtzeitig in den Westteil der Stadt schaffen wollen, bevor das letzte Schlupfloch ­geschlossen ist. Ein US- Student versucht, seine Ostberliner Freundin zu retten, und wird selbst einkassiert.

Vor dieser historischen Grundierung zeigt Regie-Altmeister Steven Spielberg nach einem realen Fall den New Yorker Rechtsanwalt James B. Donovan, wie er einen Agentenaustausch zwischen Amerikanern und Russen aushandelt, vollzogen 1962 neben Panzersperren auf der Glienicker Brücke zwischen Wannsee und Potsdam. Die eigentliche Geschichte dahinter freilich ist viel größer, denn dieser Donovan war ein Mann mit Prinzipien, der nicht einfach nur Mandanten verteidigte, sondern immer auch jene uramerikanische Verheißung von Freiheit und Recht, die die NSA jüngst in besonders eklatanter Weise verraten hat.

1957 wird der angesehene Donovan ­gedrängt, den enttarnten Sowjet-Spions ­Rudolf Abel zu verteidigen, eher pro forma, um der Welt zu zeigen, was die USA den Russen voraushaben. Donovan indes erkennt in Abel einen Mann, der ebenfalls Prinzipien hat – und kann nun gar nicht anders, als den Auftrag ernstzunehmen: Er pocht mit Nachdruck auf die Rechte eines Angeklagten, in dem das auf Kommunistenhatz geeichte Amerika der McCarthy-Ära einen roten Teufel sieht, der Freiheit, Demokratie und die Nation bedroht. Bald wird Donovan selbst angefeindet, Kollegen reden ihm ins patriotische Gewissen, aus Schlagzeilen spricht Missbilligung, Steine fliegen durchs Fenster.

Spielberg zeigt ein Husarenstück

Donovan bringt den Richter dazu, Abel nicht zum Tode zu verurteilen, um ihn als Faustpfand einsetzen zu können. Die Geschichte gibt ihm Recht, als der Spionageflieger Francis Gary ­Powers über sowjetischem Territorium abgeschossen wird – und die CIA heuert Donovan an, in Ostberlin einen Austausch zu verhandeln.

Was Spielberg nun zeigt, ist ein Husarenstück: Donovan, auf sich allein gestellt und schutzlos im Feindesland, erkennt, dass sich die CIA nicht für Menschen interessiert wie den inhaftierten Studenten – sondern nur für die Geheimnisse, die der Pilot ausplaudern könnte, nachdem er sich entgegen seiner Order nach dem Abschuss nicht umgebracht hat. Bald dreht Donovan den Spieß um, wird vom Spielball zum Spielmacher mit eigener Agenda, trickst die Russen aus und die Ostdeutschen und die CIA gleich mit – weil er größer denkt und Zivilcourage hat.

Bis in die Nuancen macht Tom Hanks aus diesem Donovan, einen unbeugsamen Mann mit scharfem Verstand, der genau darauf achtet, was passiert und gesprochen wird, wo Menschen sich einlullen und korrumpieren lassen, und sei es nur aus ­Bequemlichkeit. Im Weltkriegs-Drama „Der Soldat James Ryan“ hat er für Spielberg schon einmal so einen verkörpert, dem das große Ganze wichtiger ist als er selbst, und wie damals agiert Hanks mit vornehmer ­Zurückhaltung nach der ­Maxime: Wer Charakter hat, muss sich nicht in den Vordergrund drängen – er gelangt von ganz alleine dorthin.

Alle Beteiligten können sich Hoffnungen auf Oscars machen

Was nicht heißt, dass Donovan nicht leidet: Frierend sitzt er in der ungeheizten Berliner Tarnwohnung der CIA, verhandelt im Schneetreiben ohne Deutschkenntnisse mit verbohrten DDR-Grenzern, diskutiert mit aufgeblasenen Ost-Funktionären und glatten russischen KGB-Diplomaten, wie damals Wladimir Putin wohl einer war. Burghart Klaußner und Sebastian Koch kommen hier zu verdienten Auftritten vor Weltpublikum.

Mit dem polnischen Kameramann Janusz Kaminski, der ihn seit „Schindlers Liste“ (1993) begleitet, lässt Spielberg das geteilte Berlin in seiner ganzen mondänen Zwiespältigkeit wieder auferstehen. Gedreht hat er im Studio Babelsberg und in Breslau, für die ­digitale ­historische Retusche war die Stuttgarter Effektschmiede Pixomondo zuständig, der ­gelungen ist, was solche Fälle erfordern: Ihre Arbeit ist als solche nicht erkennbar, die ­Kulisse wirkt durch und durch echt.

Zum entscheidenden Faktor aber wird ein Drehbuch, in dem jeder Satz stimmt, jede Geste. Spielberg konnte die Coen Brothers („Fargo“) dafür gewinnen, und sie haben das Skript mit einem feinen Humor durchsetzt, mit Spitzen. mit präzise platzierten Running Gags. Dieser Esprit wirkt befreiend, verleiht „Bridge Of Spies“ die Aura des großen, epischen Erzählkinos, dem Hollywood seinen Nimbus verdankt, und der verloren gegangen zu sein scheint wie manches amerikanische Ideal. Spielberg, Hanks, die Coens – alle können sich Hoffnungen auf einen Oscar machen.

Der sowjetische Spion Abel malt in New York ein Selbstportrait

Vor allem aber der britische Theatermann und Shakespeare-Experte Mark Rylance, der den russischen Spion Rudolf Abel spielt. Dieser maskiert sich als Kunstmaler und arbeitet vor seiner Enttarnung in seiner kargen New Yorker Wohnung an einem Selbstportrait. „Wer bist du eigentlich?“ – die Frage, mit der der unbequeme Donovan alle anderen konfrontiert, stellt Abel sich selbst, ­getragen von einer düsteren Vorahnung.

„Machen Sie sich nie Sorgen?“, fragt der Strafverteidiger Donovan den Angeklagten Abel. Dieser antwortet trocken: „Würde das helfen?“ Wie er das sagt, wie er dabei schaut und ganz fein lächelt, steht auf einmal beides im Raum: Die ganze Schwere internationaler Verwerfungen und die unerträgliche Leichtigkeit des Seins all derer, die glauben, dass es auch anders gehen müsste.

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