Márcio Mizael Matolas hat seine Existenz am Pepê-Strand von Barra da Tijuca auf Sand gebaut Foto: AFP

Márcio Mizael Matolas lebt seit mehr als dreißig Jahren in einer selbst gebauten Burg an einem brasilianischen Strand

Rio de Janeiro - Wenn das kein sozialer Aufstieg ist: Márcio Mizael Matolas wurde in Armut geboren, ist heute aber König und Besitzer eines märchenhaften Schlosses. Er lebt in einer der teuersten Gegenden Lateinamerikas, hat unverbaubaren Meeresblick und schläft jeden Abend mit dem Auf und Ab der Atlantikwellen ein. Márcio Mizael Matolas hat seine Existenz auf Sand gebaut – und dennoch ist sein derzeitiges Dasein das stabilste und verlässlichste, das er in seinen 44 Lebensjahren hatte.

Sie nennen ihn „Castelinho“, das heißt „Schlösschen“. Wobei die Bezeichnung eigentlich untertrieben ist, wenn man seine Sandburg am Pepê-Strand von Barra da Tijuca sieht, dort wo 2016 die Olympischen Sommerspiele stattfanden. Es ist eine ganze Schloss-Labyrinth-Landschaft, dominiert von Dutzenden kleinen Türmchen, Erkern und Zinnen. Ein Holzzaun und Sandsäcke verwandeln das Bauwerk in eine Trutzburg. Drinnen ist gerade Platz für einen Schlafsack und viele Bücher, unendlich viele Bücher. „Schlösschen“ ist ein passionierter Leser. Dostojewski mag er, die Bücher des brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer schätzt er, aber besonders liebt er die Werke von Jorge Amado, einer der bekanntesten Stimmen Brasiliens.

Der Sandkönig trägt Bermudas, Zepter und Krone

Matolas’ Lieblingsbuch heißt „Herren des Strandes“. Amado schrieb es 1937, und es erzählt die Geschichte einer Gruppe von Straßenkindern in Salvador de Bahía. „Es beschreibt sehr gut, wie es ist, auf der Straße zu leben, den Egoismus und die Einsamkeit.“ All das kennt der Strandmann von Rio aus eigenem Erleben auch.

Matolas setzt sich gerne als König in Szene. Mit tief gebräunter Haut, Dreitagebart und schwarzen kurzen Rastalocken posiert er fotogen tagein, tagaus für die Fotos der Touristen. Zum Zepter trägt er, wie es sich in Rio gehört, gerne Bermudas. Seine Krone besteht aus stilisierten goldenen Kreuzen mit roten und blauen Edelsteinen. Seinen Thron hat der König aus Holz zusammengezimmert, das ihm das Meer angeschwemmt hat. „Die Menschen machen sich viel aus Besitz, ich versuche, mein Herz an nichts zu hängen“, sagt der Sandkönig von Rio fast philosophisch. Dementsprechend fordert er auch kein Geld für ein Foto. Wer einen Obolus entrichten will, steckt ein paar Reais in den Spendentopf. Viel komme nicht zusammen, sagt König Márcio. Aber er brauche auch nicht viel.

Rund drei Viertel seines Lebens verbringt Márcio Mizael Matolas schon am Strand, zwischen Sand und Büchern. Sein Vater starb eine Woche vor seiner Geburt, mit acht Jahren zog es ihn auf die Straße. Um zu überleben, verkaufte er Comics, Zeitschriften und Secondhandbücher im bekannten Stadtteil Flamengo von Rio. Er konnte zwar nicht lesen, aber im Verkaufen war er gut. Wenn er Zeit hatte, ging er immer wieder runter zum Strand, baute Schmetterlinge, Krokodile und Meerjungfrauen, die irgendwann die Wellen holten.

Zwischendurch war er mal verheiratet – doch die Ehe hielt nicht lange

In Flamengo konstruierte er auch seine erste Sandburg. „Dann lernte ich, Paläste der Inka und Maya nachzubauen. Ich habe einfach kopiert, was ich in den Zeitschriften gesehen habe.“ Mit zehn Jahren verdiente der kleine Márcio genug, um seine Mutter zu unterstützen. Da er immer Bücher bei sich trug, brachten ihm Nachbarn das Lesen bei. Wie viele Bücher er inzwischen gelesen hat, weiß er nicht mehr. Aber es seien sehr, sehr viele, sagt er.

Das einsame Leben ist dem König Fluch und Freude zugleich. Einmal bot eine Familie ihm an, ihn zu adoptieren. Er lehnte dankend ab. Matolas hat sogar vor einigen Jahren mal geheiratet, da lebte er schon in seiner Sandburg. Da hatte er endlich eine Familie und ein festes Dach über dem Kopf haben können. Aber weder die Ehe hielt noch die Beziehungen danach. Alle wollten ihm immer sein Leben ausreden, ihn verändern. „Hör mal, ich will nicht in einem Schloss leben“, bekam er von seiner Frau zu hören. Selbst schuld, dachte er. Und so blieb „Schlösschen“ mit sich und seiner Sandburg allein. „Es ist schon so lange her, dass ich weiß, was Liebe ist“, sagt er.

Wenn er nicht als König post oder in seinen Büchern liest, dann muss er sich als Baumeister betätigen. Denn so ein Sandschloss braucht viel Pflege. „Die Sonne trocknet alles aus“, erzählt er. Wenn es lange nicht regnet, kippt Matolas eimerweise Wasser auf seine Unterkunft, damit sie nicht zusammensackt. „Ich liebe das Vergängliche“, sagt er. Aber auch das braucht ein bisschen Stabilität.

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