Auf der Suche nach einem, der womöglich das Schlimmste verhindern könnte: „Finding Gabriel“ heißt Brad Mehldaus aktuelles Album Foto: Nonesuch

Harmonisch zugewandt gibt sich US-Jazz-Pianist Brad Mehldau auf seinem biblisch inspirierten aktuellen Album, auf dem er aus Jazzrock und Progrock schöpft – und einen Kommentar zur Weltlage abgibt.

Stuttgart - Der Schritt ist konsequent: Nachdem der Jazz-Pianist Brad Mehldau 2018 auf dem Album „After Bach“ Johann Sebastian Bach Tribut gezollt hat, einem der wichtigsten Kirchenkomponisten aller Zeiten, widmet er sich nun der Bibel. Mehldau schlägt einen weiten Bogen von den Geschichten über Engel, Propheten und gewöhnliche Sterbliche zum Fake-News-Zeitalter der Gegenwart - und das natürlich ganz im Klang und fast ohne Worte.

„Finding Gabriel“ ist kein Klavieralbum. Mehldau spielt lustvoll mit Synthesizer-Sounds und holt den Geist des Jazzrock der 70er in die Gegenwart, gibt sich harmonisch aber sehr zugewandt: Hörbar inspiriert von Kirchenliedern und progressivem Pop entfaltet er zum Beispiel in „The Garden“ ein himmlisches Schwelgen und einen hypnotischen Sog, „Born to Trouble“ ist fast schon eine Hymne, „Make it all go away“ erinnert an die großen Zeiten von Bands wie Pink Floyd, was auch einem lautmalerischen, sehr anrührenden Solo der Sängerin Becca Stevens geschuldet ist.

Kommentar zur Gegenwart

Auch Gabriel Kahane und Kurt Elling gestalten mit ihren Stimmen mit, häufig bilden die Sänger einen mehrstimmigen, kunstvoll geschichteten Chor. „The Prophet is a Fool“ beginnt wie ein Rocksong der 70er, mächtig angetrieben von dem Schlagzeuger Mark Giuliana, der unter anderem auf David Bowies finalem Album „Blackstar“ zu hören ist. „Build that Wall!“ („Baut diese Mauer!“) skandiert da ein Mann, der natürlich an den aktuellen US-Präsidenten erinnern soll und an dessen Obsession, einen Grenzwall zu Mexiko zu errichten. Die ihm zujubeln hätten nur Angst, erklärt ein Zuschauer seiner Begleiterin, sie hätten das Gefühl, betrogen zu werden, seien dabei aber gefährlich: „Sie haben Waffen, viele Waffen, und die sind nicht für die Jagd.“ Prompt explodieren die Bläser, Joel Frahm am Saxofon und Ambrose Akinmusire an der Trompete artikulieren in den höchsten Tönen lyrische Kommentare zu den Verhältnissen.

So politisch wie zur Zeit war der Jazz lange nicht – nach dem Afroamerikaner Kamasi Washington mit seiner Bürgerrechtsoper„Heaven & Earth“ (2018) hat nun auch der Weiße Brad Mehldau ein Statement abgegeben, das nicht zu überhören sein wird. Mit der „Pledge of Allegiance“, dem Fahneneid der USA, beginnt „Proverb of Ashes“ – und man kann nur hoffen, dass die hier hergestellte Konnotation von Schutt und Asche nicht zur düsteren Prophezeiung wird angesichts der rasselnden Säbel in Washington und Teheran. Einen, der womöglich das Schlimmste verhindern könnte, sucht Mehldau im Titelsong – natürlich mit ungewissem Ausgang.

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