Thomas Tuchel hat derzeit bei Borussia Dortmund einen schweren Stand. Foto: dpa

Thomas Tuchel hat sich Respekt erarbeitet, aber nicht die Herzen der Funktionäre und Fans erreicht. Öffentlich gehen sie auf Distanz. Geht die Liaison mit Borussia Dortmund bald zu Ende?

Dortmund - Im Industriegebiet des Stadtteils Brackel ist die Dortmunder Fußballwelt noch in bester Ordnung. Nicht nur mit Zwiebel garnierte Mettbrötchen und Frikadellen gibt es im Pressecontainer am Rande des BVB-Trainingsgeländes, es werden auch schwarz-gelbe Fanschals aus Plastiktüten verteilt. Gute Tradition ist es, dass die Borussia das erste Rückrunden-Heimspiel jeder Saison zum „Schal-la-la-Tag“ erklärt, an dem es keinen Stadionbesucher geben soll, der nicht Farbe bekennt.

Allerdings mag die Ruhrgebiets-Folklore nicht recht passen zur allgemeinen Stimmungslage rund um den Ballspielverein Borussia 09. Bereits elf Punkte beträgt der Rückstand auf den Aufsteiger RB Leipzig, der am „Schal-la-la-Tag“ an diesem Samstag (18.30 Uhr) in der wie üblich ausverkauften Dortmunder Arena gastiert; sogar 14 Zähler ist der FC Bayern den Dortmundern enteilt. Noch schlimmer: Immer deutlicher treten die Risse im Innenverhältnis zwischen dem Cheftrainer Thomas Tuchel und der Vereinsführung zu Tage. An der sportlichen Situation alleine liegt es nicht, dass bereits offen über eine vorzeitige Trennung am Ende dieser Saison spekuliert wird.

Lieber Müsli als Mettbrötchen

Nach einem Sabbatjahr ist Tuchel im Sommer 2015 nach Dortmund gekommen und hat das schwierige Erbe des messiasartig verehrten Jürgen Klopp angetreten. In seiner ersten Saison führte er den Club auf direktem Wege zurück in die Champions League. Die Borussia wurde Zweiter, mit 78 Punkten, einen besseren Vizemeister hatte es noch nie gegeben. Großer Respekt war dem Trainer sicher – die Herzen der Menschen erreichte der Asket dennoch nicht, was nicht allein daran lag, dass er lieber Müsli als Mettbrötchen isst.

„Echte Liebe“ lautet der Markenkern der Dortmunder Aktiengesellschaft, den niemand besser verkörperte als der volksnahe Klopp. Tuchel hingegen käme nie auf die Idee, sich eine „Pöhler“-Schirmmütze auf den Kopf zu setzen oder vor der Südtribüne den Takt der Jubelwelle vorzugeben. Der 43-Jährige ist wie Pep Guardiola, sein Bruder im Geiste, ein eher distanzierter, eigenwilliger, bisweilen misstrauischer Überzeugungstäter, der im Umgang sperrig und schwierig sein kann. Doch haben ihn auch diese Eigenschaften zu einem der besten und innovativsten Fußballlehrer Deutschlands gemacht.

Mit einem kleinen Kreis an Vertrauensleuten aus früheren Mainzer Tagen umgibt sich Tuchel – und scheint der BVB-Führung um den hemdsärmeligen Clubchef Hans-Joachim Watzke bis heute weitgehend fremd geblieben zu sein. Nicht anders erging es den Bayern mit Guardiola. Doch während Karl-Heinz Rummenigge sich trotzdem stets schützend vor seinen Startrainer warf, praktiziert Watzke das Gegenteil und lässt seinen wichtigsten Mitarbeiter immer öfter allein im Regen stehen. Die Transferpolitik illustriert besonders anschaulich, wie tief die Gräben sind.

Im Sommer verkaufte die Borussia entgegen der Absprache neben Mats Hummels und Ilkay Gündogan auch Henrikh Mkhitaryan, den besten Vorbereiter der Liga, Tuchels Lieblingsschüler. Gestandenen Ersatz wie Karim Bellarabi hätte sich der Trainer erhofft, doch nur der Wunsch nach André Schürrle wurde ihm erfüllt. Ansonsten holte der BVB neben Mario Götze unerfahrene Nachwuchskräfte: hochveranlagte Talente wie Ousmane Dembélé oder Emre Mor, denen die Zukunft gehört, die in der Gegenwart aber noch viel lernen müssen.

Größer könnte die Entfremdung kaum sein

Im Herbst kam es dann rund um einen gescheiterten Transfer zum Zerwürfnis zwischen Tuchel und dem BVB-Chefscout Sven Mislinat, dem der Trainer ein Platzverbot erteilte. Während bis heute zwischen beiden Funkstille herrschen soll, wurde Mislinat vom Verein zum „Leiter Profifußball“ befördert, der die Kaderzusammenstellung plant. Auch auf sein Betreiben hin wurde zuletzt in dem Schweden Alexander Isak (17) eine weitere Nachwuchskraft geholt.

Der Zehn-Millionen-Euro-Transfer demonstrierte endgültig die Machtverhältnisse bei der Borussia. Auf die Verpflichtung eines Stabilisators für die wacklige Abwehr hatte Tuchel gedrängt – und bekam ein weiteres Offensivtalent, dessen Name er kurz vorher zum ersten Mal gehört hatte. Offen räumte er ein, in den Transfer nicht involviert gewesen zu sein. Effektiver lässt sich die Autorität eines Trainers kaum untergraben, größer könnte die Entfremdung nicht sein.

Auch ansonsten gab sich Watzke zuletzt viel Mühe, Tuchels öffentliche Demontage voranzutreiben. Gespräche über eine Verlängerung des 2018 endenden Vertrages sind vorerst nicht anberaumt. Erst gelte es „das Gefühl zu entwickeln, ob das für beide Seiten über drei Jahre hinaus Sinn ergibt“, sagte Watzke dem „Stern“ und fügte hinzu, dass er „überhaupt kein Problem“ damit hätte, den Vertrag auslaufen zu lassen. Ähnlich unmissverständlich äußerte sich der BVB-Chef zum Saisonziel: „Ich erwarte von allen Beteiligten, dass wir uns direkt für die Champions League qualifizieren.“ Mindestens Platz drei ist also Pflicht, sonst könnten sich die Wege schon im Sommer wieder trennen.

Thomas Tuchel, der immer dankbar war für die Chance, die ihm der Wechsel nach Dortmund eröffnete, spürt genau, was sich über ihm zusammenbraut. „Wie eine Wolke“ hänge die Zielvorgabe über ihm und der Mannschaft, sagt er am Tag vor dem Leipzig-Spiel im Pressecontainer in Brackel. Als „Prüfung“ sieht er die Situation, er wolle „gelassen bleiben“ und sich „auf das besinnen, was ich beeinflussen kann“. Allzu viel, so scheint es, ist es derzeit nicht.

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